Reportage: In der Kinderkonsumhölle

The Colour Rosa

Auch dieses Jahr geraten beim Weihnachtseinkauf viele Eltern in die Krieger- und Prinzessinnenfalle: Sie nehmen, was das Marketing ihnen unterjubelt, und erfüllen somit deren Rollenklischees. König Kunde wird zum Konsumopfer

Von Jan Freitag

Die drei großen „M“ der Weiblichkeit kommen nie zu früh. Auf dem Speicher, so geht die Kaufhaus-Legende, hat Barbie einen „magischen Glitzerschrank“ entdeckt, in dem sich alles um Make-up, Mode, Modelzukunft dreht. Per Knopfdruck können „Girls die Outfits und Accessoires ihrer Puppen verzieren“. Statt Tristesse echte Hingucker – erst der „Glitterizer“, so scheint es, bringt Licht ins triste Leben kleiner Prinzessinnen.

Hersteller nennen diese Anleitungen zum Rollenstudium für Dreijährige aufwärts gern „Traum in Pink“, Feministinnen wohl eher Inferno in allen Rosatönen. Es steht unweit dem blutroten, tarnfarbenen, anthrazitdüsteren für Jungen auf der anderen Seite des Mittelgangs. Da, wo noch für Windelträger die „Ära der Finsternis“ mit Mutanten Marke Gormiti beginnt, den „Transformers“ von „Lego oder „Ben 10 Alien Force DNA Heroes“. Im Weihnachtsgeschäft quellen die Kaufhäuser davon über, bis an die Zähne munitioniert, martialisch, muskulös. Doch die Ausweitung der Kampfzone im Kinderzimmer endet beim Y-Chromosom: Mädchen haben hier nichts zu suchen.

Damit sich keins verirrt, zieht der bundesweit größte Spielzeughändler Toys R Us einen Schutzwall: „Barbies Traumvilla“. Edelküche, Whirlpool, Himmelbett – was die Mutti von morgen so braucht. Trotz 199 Euro ist das dreistöckige Ungetüm auf einer der 57 knallbunten, sehr lauten, tannenzweigfreien, fast identischen Filialen irgendwo in Deutschland plötzlich ausverkauft. Raunen, Flüche, eine Frau protestiert laut. Offenbar laut genug: acht Minuten später wird der Spaß wieder hochgestapelt. Fest gerettet!

Ob Karstadt, Supermarkt oder Toys R Us: auch in diesem Jahr macht die Branche rund 50 Prozent ihrer Umsätze in den Wochen vor Weihnachten, stets entlang der Demarkationslinie: Hier die Jungszone voller Krieger, Alien-Invasoren und Monstertrucks; da die der Mädchen mit exakt zwei Themen: Mutterschaft und wie man sich den passenden Kerl dafür angelt. „Hast du den Zettel für Bill?“, ruft ein Vater über die rosa Mauer aus Traumvillen und lenkt den Einkaufswagen zu den Battle Strikers Metal XS2, während seine Frau für Klein-Sylvie zum Barbie Schönheitsstudio rollt, mit dem „Du Dich und Deine Freundinnen zu kleinen Prinzessinnen stylest“, wie es aus einem der Flatscreens röhrt. Konsumopfer König Kunde.

Der Handel delegiert jede Verantwortung für eine förderliche und spaßige Spielmixtur auf den Markt, dessen Konkurrenzdruck nun mal das volle Sortiment erfordere. Und auf die Erziehungsberechtigten natürlich. Nur: Mit dem ersten Spekulatius hageln auf kommerziellen Kinderkanälen stündlich bis zu 60 Werbespots aufs Zielpublikum nieder, unterbrochen durch Fiktion, die von „Hannah Montana“ über die Disney-Welt bis „Power Rangers“ bloß Reklame fürs eigene Merchandisings ist. Wenn Mama und Papa da abschalten, verstärkt die Trotzphase den Bedarf nur weiter. Zugleich macht die Industrie mit PR im dreistelligen Millionenbereich die Schutzbefohlenen von einst zu „Tweens“ oder „Pre-Teens“, was nicht nur spaßorientierter, sondern konsumtauglicher klingt als das biedere „Kinder“.

Kein Wunder, dass Erwachsene bei selbstbewussten „Kids“ mit einer Kaufkraft von zwei bis drei Milliarden Euro ein Imageproblem haben. In deren Spielwelten kommen sie wie in den lizenzgebenden Filmen und Serien wenn überhaupt, dann als nützliche Idioten vor, die in der Realität „eine repressive und freudlose Welt durchsetzen“, wie die US-Soziologin Juliet Schor in der „Zeit“ beklagt. So erinnert der Kampf ums Kinderzimmer an den der Finanzkrise. Die Spielzeugindustrie, schrieb das Magazin weiter, „bietet etwas potenziell Schädliches an, privatisiert die Gewinne und sozialisiert die Risiken“.

Die sind spürbar. Weil man mit „Disney Princess Rapunzel Schlossturm“ passend zum Kinostart eben Rapunzel im Schlossturm spielt, büßen die Spieler kreative Energie fürs Urteilsvermögen ein. Die Welle mechanischer Spielsachen, denen Kindergarten-Erfinder Friedrich Fröbel schon vor 200 Jahren die „Fröbelgaben“ Kugel, Zylinder, Würfel entgegensetzte, ist zur Flut geschwollen – und wir reden noch nicht mal von Nintendo und PC… Produzenten können noch so auf die Modelleisenbahn von einst verweisen – der Spieltrieb wird zusehends entmündigt.

Spielen im Jahr 2013 heißt Spielen nach Drehbuch. Besser: zwei davon: Prinzessin für Mädchen, Actionheld für Jungen. Die proben aus Sicht des Kinderpsychologen Dietmar Langer auch im Kriegsspiel soziales wie manuelles Geschick, sofern sie „emotional sicher gebunden“ sind; ab Herbst aber, mahnt der Rostocker Verbraucherschützer Matthias Wins, „werden Kinder und Eltern von Botschaften überhäuft, denen angeblich genau zu entnehmen ist, was für Jungen und Mädchen unterm Weihnachtsbaum liegen soll“. Darum empfiehlt er unabhängigen Rat. Stiftung Warentest etwa gebe Auskunft, „welches Spielzeug unter pädagogischen Gesichtspunkten eine Empfehlung verdient“.

Aber wer fragt schon nach, gerade im Weihnachtsstress, gerade in überladenen Spielzeugabteilungen großer Kaufhäuser, gefangen in der „Prinzessinnenfalle“, wie Psychologen das Dilemma festgelegter Spielszenen nennen. „For Girls Only“ steht auf dem Karton einer Kulleraugenpuppe mit Kuschelpferd. Nicht, dass jemand daneben greift.

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