Dampfplauderer & Weihnachtsterror

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

16. – 22. Dezember

Was man mit 73 Cent so alles machen kann? Früher, als Fernsehen besser beleumundet war und die Mark noch zehn Groschen wert, gab’s dafür im Süßwarengeschäft gut 25 Salinos oder zwei Liter Kraftstoff verbleit plus Bedienung an der Tanke. Und heute? Immerhin noch eine handelsübliche Tageszeitung, wenngleich nur einmal im Monat. So gesehen sind 73 Cent alles andere als die Welt, gelten aber zurzeit trotzdem als bemerkenswerte Summe. Schließlich wird der Rundfunkbeitrag ab 2015 um sie gesenkt. Eine Gebühr also, die Gegner naturgemäß „Zwangsabgabe“ nennen, weil andere Abgaben und Steuern (bis aufs Einwegpfand, versteht sich) bekanntlich freiwillig erfolgen.

Doch weit interessanter als ihre Höhe ist ja auch was anderes: Dass überhaupt darüber diskutiert wird, dass es gar zur Tagesschau-Meldung taugt, dass die Leute sich – Eurokrise hin, NSA-Affäre her und war da mal was mit Klimawandel? – so heftig über die Frage nach knapp 18 oder gut 17 Euro echauffieren können, belegt die anhaltende Relevanz dieses totgesagten Mediums namens Glotze. Die im Übrigen einher geht mit der des Pressewesens – auch wenn es sich seinen Bedarf oft etwas härter erkämpft. Denn wer noch immer daran zweifelt, wie überlegen seriöses Mitteilungsbedürfnis der Kotztüte Internet ist, wer glaubt, Blogs und Foren, Piraten, Kommerz-TV und Chatrooms könnten der gedruckten Substanz hauptamtlicher Journalisten kostenfrei das Wasser reichen, dem sei dieser Satz in der Süddeutschen Zeitung vom Dienstag empfohlen: „Während immer mehr von dem historischen Reeperbahn-Bestand durch hochpreisige Immobilienprojekte ersetzt wird, wodurch sich der einstige kreative Schmuddelbezirk in ein Schlumpf-Las-Vegas für Bustouristen verwandelt“, schreibt, nein: dichtet Till Briegleb da zum Thema Gentrifizierung auf dem Hamburger Kiez am Beispiel eines zum Abriss freigegebenen Aufwertungsobjektes, „trotzen die Scheibenhäuser mit der individuell bespielten Ladenkette dem kommerziellen Waschgang“.

Dass selbst seriöse TV-News im Chor mit der örtlichen Krawallpresse nach der zugehörigen Großdemo gegen das Kahlschlagsphänomen Gentrifizierung vier Tage später ausnahmslos über autonome Randalierer berichten, statt deren Motiven, geschweige denn polizeilicher Gewalt auch nur eine Silbe zu widmen, verstärkt die Notwendigkeit guter Zeitungen nochmals. Zumal die Öffentlich-Rechtlichen in ihrem Bemühen, stinkreiche Fußballclubs mit Live-Übertragungen selbst irrelevanter Spiele wie dem Weltpokalhalbfinale gegen ein chinesisches Retortenteam zu subventionieren, alle Verantwortung im Umgang mit Gebührengeldern fahren lassen. Und dafür dann auch noch mit sieben Millionen Zuschauern locker den Tagessieg einfahren. Immerhin: Die Sendung für fünf Jahre Katzenberger auf Vox wollte zeitgleich fast niemand sehen. Und weil noch weniger noch Harald Schmidt bei Sky sehen wollen, geht der ergraute Dampfplauderer am 13. März wohl endgültig vom Flatscreen.

TV-neuFrischwoche

23. – 29. Dezember

Auf dem diese Woche mit einem anderen Schmidt namens Helmut startet, für den der Gratulationsmarathon zum 95. Geburtstag nach der mauen Finanzjongleur-Lovestory Die Abstauber mit der bemerkenswerten Reportage Lebensfragen beginnt. Und bevor das Weihnachtsprogramm tags drauf in seinen jährlichen Aberwitz aus zwanghaften Wiederholungen und absurder Privataction mündet, sei noch kurz ein Aberwitz der klassischen Art empfohlen: Das Porträt des französischen Film-Irrwischs Louis de Funès auf Arte, kurz vor zehn.

Dann aber geht’s los, das volle Festtagsbrett: Drei Nüsse für Aschenbrödel in Heavy Rotation und zwei Teile Pinocchio als animierte Neuinterpretation im Ersten. Im Zweiten Heiligabend mit Carmen Nebel und weihnachtsabends drauf  fast das Gleiche mit Helene Fischer. 14 Stunden Edgar Wallace bei Kabel1 am Stück und eine Matrix-Folge pro Abend bei RTL. Aktualisierte Märchen am ARD-Nachmittag und Indiana Jones in der Sat1-Primetime. Alles tausendmal gesehen, alles Teil zeitgenössischer Weihnacht wie Dinner for One an Silvester.

Umso charmanter, dass ZDFkultur dem 24. Dezember tüchtig die Besinnlichkeit rausbläst. Ab elf mit sieben Stunden Hurricane 2013, danach bis Mitternacht mit dem Besten aus Wacken. Geht doch, mit dem abweichenden Programm. Was dagegen gar nicht geht: Ein Abend zum 50. Geburtstag, mit dem sich Sat1 Freitag stundenlang an Til Schweiger ranwanzt, der diese Peinlichkeit mit seinem Kommen dann auch noch zur eigenen macht. Geht dagegen ganz gut: Das so genannte Tatort-Event mit Nora Tschirner und Christian Ulmen am 2. Weihnachtstag, das nun ja doch 2014 verlängert wird. Dramaturgisch mag Die fette Hoppe zu mager sein; die zwei Ermittler sind einfach witzig.

Weniger witzig, dafür dramaturgisch eine Bank ist indes Axel Milbergs Kieler Kommissar, der Sonntag mit einer wunderbaren Episode Borowski: und der Engel zehn Jahre Reihenteilnahme feiert. Das ist unbedingt zu empfehlen, auch wenn parallel dazu auf Arte ein sehenswerter Themenabend zu Charlie Chaplin – Modern Times inklusive – läuft. Passend dazu ist auch der Tipp der Woche ein dokumentarischer: Searching for Sugar Man, Malik Benjellouls grandiose Suche nach dem erfolglosen Superstar Rodriguez (Donnerstag bei Servus TV). Und heute um 22.15 auf RBB: der erste Polizeiruf mit Bukow und König. Immer wieder ein Genuss.

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