Jörg Schüttauf: Tatort & Freundschaftsdienst

Ich mag es unauffällig

Zwischen seriösem Drama und seifiger Schnulze, Tatort und Traumschift hat Jörg Schüttauf schon so einiges gespielt. Kein Wunder also, dass der Chemnitzer im heutigen Film-Special der biederen Arztserie In aller Freundschaft (25. Dezember, 20.15 Uhr, ARD) ohne mit der Wimper zu zucken eine Gastrolle übernimmt. Ein Gespräch über die Schwierigkeit des Leichten, seinen Kommissar Dellwo und Haare auf der Glatze

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Schüttauf, in Ihrer Gastrolle von In aller Freundschaft spielen Sie allen Ernstes einen gealterten Jockey im gediegenen Tweed.

Jörg Schüttauf: Ja, und…? Wenn sie mich in nur einer Rolle kennen, kann ich verstehen, dass das bei Ihnen Verwunderung auslöst. Da sollten Sie mich erstmal als Hundertjähriger der aus dem Fenster stieg und verschwand sehen, da bin ich erstmal alt.

Und wie kamen Sie dann bloß zu dieser Art Figur?

Na wie schon. Irgendjemand kam auf die Idee, mich zu fragen und ich habe ja gesagt.

Allerdings zu einer Rolle, die ihrem gewohnten Typus bodenständiger, weniger artifizieller Rollen widerspricht.

In so einem Outfit habe ich mich auch noch nie gesehen, aber wenn die Kostümbildnerin sagt, dass es so sein soll, dann ist das eben so. Und es wird ja auch höchste Zeit, das mal etwas frischer Wind… Aber schauen sie doch mal, was ich alles gespielt habe. Da finden sie ganz sicher etwas anderes als erwartet. Nichts ist müßiger als erklären zu müssen, was man in der Vergangenheit alles so gemacht hat.

Gab es Vorbehalte, als Sie auf dem Drehbuch In aller Freundschaft gelesen haben?

Nein. Zumal ich an dieser Serie beim Durchzappen noch nichts Peinliches entdeckt habe. Das ist handwerklich gut gemachtes Fernsehen, deren Darstellern ich die Figuren abkaufe.

Trotzdem gilt die Serie als ungemein bieder und altbacken.

Am Ende gibt ihr der Erfolg Recht. Natürlich kann man Arztserien auch anders machen. Aber wenn diese hier in den Augen vieler Millionen Zuschauer so gut funktioniert, dass sie es immer und immer wieder sehen, ist das schon mal gut. Zumindest für die Produzenten. Letztlich kann ohnehin kein Schauspieler einen schlechten Film retten; eine schlechte Rolle – mit etwas Geschick – schon.

Ist es womöglich gar die besondere Herausforderung, aus schlechten Stoffen etwas Gutes herauszukitzeln?

Gute Stoffe, wo beim ersten Hinsehen alles passt, sind so selten, wie Haare auf einer Glatze. Andererseits versuche ich jeder Anfrage, die sich im riesigen Portfolio guter Darsteller an mich wendet, im Sinne der Vorstellungen gerecht zu werden – auch wenn das bei manchenSzenen nicht so einfach ist. Aber das muss man in Kauf nehmen, wenn man gerne arbeitet, und diese Bemerkung sei mir gestattet, gelegentlich auch arbeiten muss, um das eine oder andere zu bezahlen.

Umso erfrischender muss es für sie doch sein, mal was anderes zu spielen als Ermittler

Wenn man meint, mich auf Polizistenrollen reduzieren zu müssen, soll’s halt so sein. Aber dem Dafürhalten vieler Beobachter nach habe ich in der Tat öfter Rollen mit „Hände hoch, Waffe weg, wo waren Sie am Donnerstag“ dargestellt.

Macht das denn mehr oder weniger Spaß als die Rolle des Täters?

Spaß macht grundsätzlich beides. Als Verbrecher oder Mann mit Geheimnis kann man es zwar mehr krachen lassen, als fragend durch den Film zu gehen. Aber auch das will gekonnt sein und ich bin meinem Dellwo im Hessischen Tatort bis heute dankbar, dass er mir die Möglichkeit gegeben hat, das so unaufgeregt und leise zu tun. Ich mag es unauffällig, egal ob schwierige oder leichte Rolle.

Gehen Sie an anspruchsvolle Stoffe mit geringerer Leidenschaft ran als, sagen wir: eine Folge Traumschiff?

Nein, nein und nochmals nein! Die anspruchsvollen Stoffe sind einfacher, weil du anspruchsvollere Partner hast. Das fängt beim Drehbuch an und geht bis hin zum Regisseur. Normales Unterhaltungsfernsehen lässt einen gelegentlich schon am Talent einiger Autoren oder Redakteure zweifeln. Nichtsdestotrotz kann man auch da etwas für seine Rolle, nicht zuletzt auch für sich selbst etwas rausholen. Mann ist ja kein Spielroboter, der auf Knopfdruck funktioniert. Noch nicht. Für die Entwicklung einer Serienfigur trägt man ja andere Verantwortung. Andererseits ist sie sogar leichter zu spielen. Und ernsthaft: ein Ehestreit in der Traumschiff-Kabine verlangt uns Darstellern alles ab. Das Zusammenspiel auf engstem Raum ist fast wie Ballett, jedenfalls nicht grundsätzlich schlechter als dieser heilig gesprochene Tatort. Auch da gab es ja schlechte Folgen, so wie es gute vom Traumschiff gibt.

Geht es Ihnen dennoch manchmal auf die Nerven, wenn man Sie immer wieder fürs kriminalistische Fach zu buchen versucht?

Absolut. Denn abgesehen von seltenen Ausnahmen, etwa adaptierter Literatur, ist doch vieles im Ermittlungsfernsehen zu schnell gestrickt und berechenbar. Da lobe ich mir Literaturverfilmung wie Arnies Welt von Maeve Carels, wo ich einen depressiven Bullen mit kleptomanischer Frau spielen durfte…

Wofür es sogar den Grimme-Preis gab.

Weil das geil war, weil es Schauspieler und Publikum fordert, weil es ungewöhnlich ist.

Sind Sie stimmungsabhängig bei dem, was Sie spielen?

Nein. Ich spiele gerade Theater, wo ich jeden Abend auf der Bühne stehen muss: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand. Da hab ich gemerkt, dass das Stück umso besser funktioniert, je weniger Lust ich dazu habe.

Wenn Ihre Lust sinkt, weiter Krimis zu machen, müssten jetzt also die besten Ihres Lebens kommen.

Absolut. Zumal ich nachmittags gerade genügend Zeit habe, mir die tollen Ami-Serien anzusehen, Breaking Bad zum Beispiel. Da siehst du, wie gut Fernsehen sein kann. Alles ist schlüssig, nichts langweilig. Großartig! Es gibt auch bei uns immer wieder Lichter am Horizont, vor allem gibt es viele gute Schauspieler. Was hierzulande fehlt, sind gute Themen und Bücher; die werden einfach nicht finanziert oder laufen zur Nacht im Kleinen Fernsehspiel. Glaub ich – ich gucke lieber online oder DVD als das übliche Fernsehprogramm.

Ist das eine bewusste Entscheidung?

Na ja, im Moment spiel ich sechs Abende die Woche Theater und merke am siebten, wie wenig ich im Fernsehen verpasst habe. Aber ich selber habe ja genug Sachen gemacht, die die Welt nicht braucht. (lacht)

Braucht die Welt denn In aller Freundschaft?

Nicht die ganze, aber das ist solide, glaubwürdig, gut gemacht. Nichts, für das man sich schämen müsste. Mir reicht das … manchmal.

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