Tatort: Töten & Lachen

Schmunzel-Tatort

Im Tatort, einst ein Bollwerk nüchterner Beamten mit kleinen Macken, wird zusehends von Freaks und Komikern jeder Art wie Devid Striesow alias Jens Stellbring oder ab heute Nora Tschirner und Christian Ulmen ermittelt. Wird die erfolgreichste deutsche Krimireihe zur Comedy?

Von Jan Freitag

Wer soll da bloß den Überblick behalten: Wenn nicht noch schwere Erkrankungen, unerwartete Berufswechsel oder ähnliche höhere Gewalt ins Personal der erfolgreichsten Fernsehfilmreihe aus deutschsprachigen Landen einschlagen, ermitteln ab heute 20 Teams im Tatort. In Worten: Zwanzig! Das ist mehr, als diese dicht besiedelte, an Metropolen indes arme Republik an Ländern hat, mehr also, als der ARD-Länderproporz erfordert. Vor allem aber mehr, als geeignete Schauplätze zur Verfügung stehen fürs naturgemäß eher urbane Fernsehkernthema Kapitalverbrechen. Gut, es wird wie stets in vier Dekaden Fluktuationen geben; mit Nina Kunzendorf verlässt das Beste, was je in diesem Format aktiv war, ihr Frankfurter Morddezernat, Ulrich Tukur ist ein Kommissar auf Abruf, Christian Ulmen nebst Nora Tschirner wurden bloß als Weimarer Weihnachtsevent angekündigt und bei Schweizer Inspektoren weiß man auch nie so genau, wie durchhaltefähig sie sind. Doch insgesamt bleibt festzuhalten: wenn knapp ein Viertel aller Morddezernate seit 1971 zugleich auf Mörderjagd gehen, ist der Tatort bei aller Klasse längst Massenkampf.

Da bedarf es einiger Unterscheidungskriterien, besser: eines tragfähiges Ordnungssystems, um im Überfluss die Orientierung zu behalten. Früher, in der ausklingenden Schwarzweißära, da selten mehr als ein Dutzend Teams parallel Dienst taten, reichten zur Differenzierung noch die notorische Bulette von Hansjörg Felmy alias Heinz Haferkamp oder Schimanskis speckige Windjacke samt zugehöriger Sittenverlotterung. Heute dagegen, mit all den Standards zwanghaft bipolarer, vornehmlich geschlechtergemischter Teams, muss man Distinktionselement unterhalb individueller Gewohnheiten suchen. Genauer: beim Humor.

Denn das Erste, dieser quietschfidele Senderverbund, der mit seiner „Schmunzelkrimi“ genannten Vorabendreihe Heiter bis tödlich zeigt, dass Fernsehheiterkeit nun wirklich gar nichts mit Lachen zu tun haben muss, diese ARD also teilt seine Samstagabendbeamten zusehends in ernst und lustig, besser: lustig gemeint ein. Definierte sich bis 2002, dem Debüt der Münsteraner Spaßbrigade hiesiger Todesfallaufklärung, nur das singende Odd-Couple Stoever/Brockmöller als irgendwie drollig, läuft der Quotengarant mittlerweile über vor dem, was im öffentlich-rechtlichen Fernsehen so unter Frohsinn firmiert.

Zum Beispiel Jens Stellbrink. Putzige Sachen trägt der neue Saarbrücker Hauptkommissar seit Sonntag: Gummistiefel zu Bermudashorts, tihi, dazu ein vermschmitztes Dauergrinsen, garniert mit rotem Roller – das ist dem benachbarten TV-Komiker Gerd Dudenhöffer weit näher als Stellbrinks Vorgänger Max Palu, hat also in etwa das Unterhaltungspotenzial der Witze Waldi Hartmanns. Dennoch macht das Stilmittel skurriler Kriminologie längst Schule. Damit arbeitet etwa das Dortmunder Gespann Peter Faber & Martina Bönisch, das Jörg Hartmann und Katja Schudt so bizarr interpretieren, bis Fabers Borderlinesyndrom amüsant daherkommt.

Einen schrulligen Einschlag verzeichnet auch die frivole Kriminalhauptkommissarin Conny Mey (Kunzendorf) an der Seite des lallenden Joachim Król, ganz zu schweigen von Liefers & Prahl oder den Komödianten Nora Tschirner und Christian Ulmen, die ab heute als humoristische Eintagsfliege in die Wohnzimmer surren (auch wenn ihr Weiterleben zwischendurch angekündigt wurde). Und da ist noch nicht mal von Til Schweiger die Rede. Der schauspielerisch limitierte Klamaukveteran mit Kriegsfaible kann schließlich nur als Realsatire verstanden werden, seit er das einst ehrwürdige Format zum dumpfen Schlachtfeld amerikanischer C-Movies in all seiner Chuck-Norris-gestählten Mixtur aus darstellerischer Dillettanz und reichlich Bummbumm erklärt, was ja auch wieder nur irgendwie ulkig gemeint sein kann…

Damit wäre die Richtung vorgegeben: War Schweigers Urahn Manfred Krug an gleicher Stelle bis 2001 der einzige Kommissar mit ausgeprägt heiterem Arbeitsethos, so sind die Schweigers, Striesows, Tschirners, Hartmanns eine Art dritte Welle des Schrulligen im verstaubten Krimifach, nachdem die zweite vor gut zehn Jahren neben einem snobistischen Gerichtsmediziner mit Zwerg auch Charlotte Lindholms hypochondrischen Mitbewohner Martin (Ingo Naujoks) und die bisweilen vergnügten Hauptstadtermittler um den Großstadtcowboy Till Ritter (Domink Raacke) ins Erste gespült hatte. Derlei Kuriositätenkabinette, so scheint es, werden irgendwann die Sachwalter traditioneller Investigation aus München, Leipzig, Bremen, Ludwigshafen, Stuttgart, Wien und Köln mal in Rente schicken. Oder besser: in Rente schmunzeln.

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One Comment on “Tatort: Töten & Lachen”

  1. don2alfredo says:

    Verbesserungsvorschlag, kein inhaltlicher Kommentar: ” … eines tragfähiges Ordnungssystems …” – “eines tragfähigen Ordnungssystems …”
    Gruß+
    Alfred Mignon


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