Knalltüten im Goldregen: Das TV-Jahr 2013

Werbung, RFT Color 20, FernseherDas Gebrauchtjahr

Hinterher ist man immer klüger: Das Resümee des Fernsehjahres 2013 zeigt wie immer, dass die schönsten Blumen in der Nische blühen, viele Leichen noch keinen guten Tatort machen und RTL nicht mal mehr zum Aufregen taugt

Von Jan Freitag

Ein Rückblick aufs TV-Jahr, das heißt ja immer auch: Abschied nehmen, von Formaten, von Menschen. In diesem etwa ist Elmar Gunsch gestorben, dazu Hildegard Krekel und Eddi Arent, Chris Howland, Otto Sander – allesamt Protagonisten einer Fernsehepoche, als die Glotze noch jenes Lagerfeuer im Wohnzimmer entfachte, das Markus Lanz selbst samstags längst auf Campingkochergröße dimmt. Da ist es nur logisch, dass einer wie Hinnerk Baumgarten die Flamme gleich ganz ausbläst, wenn er den Verlust einer weiteren Kollegin vermeldet: Rosemarie Fendel. Als Katja Riemann im NDR-Magazin DAS! erfuhr, ihre gute alte Freundin sei tot, zeigte der Moderator nämlich, was sein Medium oft unerträglich macht: Einen Kondolenzblick später fragte Baumgarten die entsetzte Schauspielerin allen Ernstes nach ihren blonden Locken und grinste sein Vorabendgrinsen. Es war einer der meistdiskutierten Fernsehmomente eines Jahres, das an bedeutsamen Augenblicken keinen Mangel hatte.

Da war die Papst-Wahl, der am sinistren 13.03.13 gut 6000 Reporter beiwohnten, viele davon für ein Dutzend deutscher Sender, die parallel dasselbe zeigten. Da war eine Bundestagswahl, die im TV-Duell Stefan Raabs Debüt als, nun ja: Journalist erlebte. Dicht gefolgt vom Kampf der Kleinen, dessen Gastgeber Schönenborn/Gottlieb wie einst der strammrechte Gerhard Löwenthal beherzt auf die Klassenfeinde Gysi/Trittin eindroschen. Da war natürlich das Wetter, dem die ARD satte elf Hochwasser-Brennpunkte widmete plus sechs weitere mit Sturmböen. Und weil derart windige Sondersendungen die politischen ums Doppelte übertrafen, sei nochmals aufs Live-Gerangel zweier Alphatierchen verwiesen. Was das Odd-Couple Slomka/Gabriel kürzlich zum SPD-Mitgliederentscheid im heute-journal zeigte, war ganz großes Entertainment.

Womit wir beim Kern des Mediums wären (oder auch nicht). Denn womit es zu unterhalten versuchte, war mal unter aller Sau, mal haltungslos, oft beides. Gut, da auf RTL zu zeigen, ist wohlfeil, aber nötig. Der Exmarktführer hat schließlich 2013 genau eine Sendung lanciert, die länger im Kopf blieb als der Alkohol, um den Rest zu ertragen, in der Blase. Wobei auch Die zwei weder kreativ war noch neu, doch im (Quiz-)Team sind Jauch und Gottschalk wie früher ein Erlebnis. Erlebnisreicher jedenfalls als Promisausen wie Shooting Stars, der dauernde Actionquatsch von Mantrailer bis Medcrimes oder Serien à la Sekretärinnen, zu schweigen vom Katastrophenfilm Helden, dessen Titelfiguren am Einheitstag allen Ernstes ein Schwarzes Loch unter Deutschland stopften, das der Teilchenbeschleuniger Cern verbockt hatte. Und hätten diese Helden versagt, die ARD würde wohl einfach Til Schweiger als Nick Tschiller schicken. Von den 73 Leichen, die 2013 insgesamt 43 neue Tatorte pflastern, gehen allein sechs auf sein Hamburger Konto. Resultat: Miese Kritik, Superquoten. Ähnlich wie nebenan Wotan Wilke Möhring, der Saarbrücker Devid Striesow und das quantitativ jüngste, qualitativ uralte Team aus Erfurt. Abgesehen vom lustigen Einstand von Nora Tschirner und Christian Ulmen bürgt selbst ein Label wie Tatort längst nicht mehr für Qualität.

Was indes kein Naturgesetz ist. Gerade der ARD-Mittwochsfilm zeigt häufig, was gebührenfinanziert geht. Ob es Klaus Maria Brandauers furioser Alzheimerpatient in Die Auslöschung war oder Matthias Brand, der Eine mörderische Entscheidung zur Bombardierung in Kunduz spielte, als sei er dabei gewesen. Ob es Dieter Pfaff posthum als Bloch war oder Lars Eidinger, der neben einem Transvestiten im Münchner Polizeiruf auch in Alltagsstudien wie Grenzgang oder Du bist dran für stille Brillanz sorgte. Das alles war exzellent erzählt, stand jedoch im Schatten zweier Highlights: Philipp Kadelbachs Kriegsgenerationenporträt Unsere Mütter, unsere Väter, mit dem das ZDF im Frühjahr auch international TV-Geschichte schrieb. Und hoppla: Die Guttenberg-Groteske Der Minister, mit der Sat1 fast an Schtonk heranreichte. Gegen diesen Goldregen war Uli Edels ZDF-Saga Das Adlon ebenso wie Götz George als Papa Heinrich bloß Knalltüten, nur toller kostümiert. Im Hamsterrennen um Aufmerksamkeit ist Oberfläche eben doch nicht alles.

Das zeigt sich wie so oft bei Serien. Die beste davon, gar eine Sensation lief am Rande der Wahrnehmung, beim SWR nämlich, wo Zeit der Helden im März das Leben von Fourtysomethings so fein skizzierte, dass die Fiktion in Echtzeit real wurde. Bei solcher Güte, günstig produziert zumal, hinkt noch der famoseste Import hinterher. Die schwedischen Heimandroiden Real Humans zum Beispiel auf Arte, wo auch das Fin-de-Siècle-Epos Parade’s End und die Twin-Peaks-Adaption Top of the Lake lief. Dazu Steven Kings Pro7-Dystopie Under The Dome über Kleinstädter, die unter einer Glaskuppel erwachen. Oder Lena Dunhams betörendes Prekariatsporträt Girls auf ZDFneo. Und nicht zuletzt Vier Frauen und ein Todesfall, womit die ARD belegt, dass Serie auch auf Deutsch (wenngleich mit österreichischem Akzent) überzeugen kann.

Ohne Akzent, dafür selbstironisch, karikierte sich das ZDF in Lerchenberg mit Sascha Hehn als Sascha Hehn. Ohne Selbstironie, dafür experimentell, zeigten Ferdinand von Schirachs Verbrechen an gleicher Stelle, welch fantastische Stoffe die Wirklichkeit liefert. Ohne Experimente, auch wenn es so hieß, sorgte das Dokudrama Die Flucht für Debatten über die Grenzen der Inszenierung. Dass ZDFneo teils prominente Wohlstandsdeutsche testweise auf Flüchtlingsrouten schickte, wurde vielfach als rassistisch kritisiert, hat die wahrhaft Betroffenen aber immerhin kurz mal in den Mittelpunkt des Interesses geholt. Ungefähr dorthin also, wo Markus Lanz steht. Über dessen Hochamt der hiesigen Unterhaltung wurde nach dem Mallorca-Ausflug gestritten, als sei er Gottes Stellvertreter. Dafür gab’s erstmals unter sieben Millionen Zuschauer für Wetten, dass…?. Weniger als jede Bauersfrausuche, zigmal mehr als all die versteckten Programmperlen 2013: Jan Böhmermann auf EinsPlus und Sarah Kuttners Bambule. Oli Dittrichs früstücksfernsehen vor Mitternacht oder Fritz Karl als Bad Lieutanant Unter Feinden auf Arte. Dafür kam man damit, um den neuen Tagesthemen-Chef Thomas Roth zu zitieren, gut durch die Nacht.

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