Auf dem Recyclinghof: Das TV-Jahr 2014

TV-neuDas Frischjahr

Fußball & Olympia, Stefan Raab & Dagmar Manzel – das neue Fernsehjahr hält nur dann mehr bereit als das abgelaufene, wenn man genau hinsieht, lange aufbleibt, am besten beides. Wenn die Masse das tut, kann 2014 eigentlich nur einer Marktführer werden, in jeder Zielgruppe: ZDFneo. Theoretisch. Ein Ausblick.

Von Jan Freitag

Es ist aber auch zu blöd für Programmplaner, wie schwer sich Fernsehen planen lässt. Unter all der öffentlich-rechtlichen Harmlosigkeit und kommerziellen Brachialunterhaltung, den peinlichen Wettsofaparaden und gebrauchten Privatshows hatte das abgelaufene TV-Jahr seine besten Momente immer dann, wenn das Weltgeschehen selbst Regie führte. Die Papstwahl etwa, der im März 6000 Reporter vor Ort beiwohnten, viele davon fürs Dutzend deutscher Sender. Oder die des Bundestags, der im TV-Duell Stefan Raabs respektables Debüt als, nun ja, Journalist vorausging. Dazu ein Frühjahrshochwasser, dem die ARD elf Brennpunkte plus sechs mit Herbststürmen widmete. Das war spannendes Fernsehen. Und weil meteorologische Extranachrichten die politischen insgesamt ums Doppelte übertrafen, sei hier noch auf Mariette Slomka und Sigmar Gabriel im heute-journal verwiesen; wie sich die Streithähnchen live zum SPD-Mitgliederentscheid zankten, war noch größeres Entertainment als Katja Riemann beim Rangeln mit dem entnervend schlichten DAS!-Moderator Henning Baumgarten.

Nur schade, wie gesagt, dass so etwas selten in Programmzeitschriften steht. Die vermelden folglich auch 2014 viel Gebrauchtware in neuer Verpackung, dazu die üblichen Verdächtigen und nur gelegentlich ein paar ungewohnte, die allerdings im Land der Drehbuchdichter und Krimidenker notorisch auf Täterjagd gehen. Und es mag zwar bereits 21 Tatort-Teams geben; wenn im Herbst das 22. aus Nürnberg hinzukommt, lässt dessen Besetzung doch aufhorchen: Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs. Besser geht’s kaum. Mal gucken, ob es nüchterne Aktenwühler werden wie in Köln, Bremen, Wien. Oder zielgruppentaugliche Witzbolde à la Til „Kawoom“ Schweiger als Nick „Pow“ Tschiller und das Duo Ulmen/Tschirner, die ihre Weimarer Posse nun doch weiterdrehen dürfen. Irgendwo dazwischen jedenfalls könnte Katja Riemann liegen, der ein schwäbisches Tatort-Event angeboten wurde. Noch so eine alte Bekannte.

Womit wir zurück beim Thema Recyclinghof TV-Programm sind. Biopics über Hannelore Kohl, das Würzburger Justizopfer Harry Wörtz oder Bayern Münchens Ehrenpräsident Kurt Landauer belegen ja allein in der ARD ab Frühling, dass Filmporträts mit realem Hintergrund auch 2014 wieder einen gehörigen Teil der Gebühren verbrauchen werden. Zumal es auch im Dokudrama zur Spiegel-Affäre, zum Grundgesetz (mit Iris Berben) und zum 100. Jahrestag des 1. Weltkriegs vor allem berühmte Gesichter sind, die Zeitgeschichte unterhaltsam machen sollen. Diesem Sog der Wirklichkeitsfiktion fügt das ZDF im Februar den Wagner-Clan hinzu und später ein Dokudrama zum Attentat von Sarajewo mit Heino Ferch, während Sat1 den Rücktritt Christian Wulffs adaptiert und RTL, nein – die versenden wie eh und je ihr risikoarmes Plastikentertainment zwischen Cobra 11 (mit dem neuen Sprengmeister Vinzenz Kiefer) und Gottschalks Klassentreffen ab Februar, wo alte (Schul-)Kameraden raten. Innovationen? Wagemut? Gar Scheitern als Chance?

Fehlanzeige!

Dafür sorgen schon die Buchhaltungen jener Sender, deren Führungsetagen entweder dem Parteienproporz gehorchen oder von Management-Units durchsetzt sind. Fernsehbesessenen wie einst einem Helmut Thoma gibt es darin kaum noch, weshalb betriebswirtschaftlich das alte CDU-Credo herrscht: Keine Experimente! Warum sollte es da dramaturgisch anders zugehen als in der Nachkriegszeit, wo sich das kampfesmüde Verlierervolk lieber sedieren als fordern ließ. So gilt bei RTL abseits von Bauersfraudschungelcastings mit oder ohne Rach ein schicker Knastarzt und Henning Baum als Götz von Berlichingen als kreativ. Auf Pro7 gibt es wie gehabt Raab aus allen Rohren und Elton bei der Millionärswahl. Sat1 schickt die Heimatfilmstars Diana Amft und Josefine Preuß in flache Primetimegewässer, durch die nun Sascha Hehn das Traumschiff steuert, was ähnlich anspruchsvoll ist wie der nächste Schmunzelkrimi im Ersten, bald auch aus Bochum.

Sieht man mal vom ARD-Mittwochsfilm ab, der 2014 für viel Güte sorgen wird. Lässt man die tollen Nischenkanäle kurz beiseite, wo ZDFneo endlich eine eigene Serie produziert. Ignoriert man überdies Neues aus der Anstalt, das mit den Kamikern Max Uthoff und Claus von Wagner den satirischen Umbruch wagt. Und vergisst auch, dass etwas Furioses wie Weissensee noch 2014 ins Finale gehen könnte, dass Polizeirufe oft die besseren Tatorte sind und zu Weihnachten sicher wieder ein paar wunderbare Märchenadaptionen entstehen, Till Eulenspiegel als Zweiteiler inklusive, dann bleibt an echter Aufregung vor allem dreierlei: Sport, Sport und Sport.

Allein 240 Stunden davon zeigen ARZDF live aus Sotschi. Die Dauersause aus der Diktatur garnieren sie zwar mit ein paar dokumentarischen Bedenken zu Putins Spielen, senden insgesamt aber eher gesinnungsfrei. Außerdem läuft noch irgendwas richtig Dickes in Brasilien. Was genau wird unter all den Bau- und Korruptionsskandalen der Fifa zwar zusehends egal. Die Sendezeit wird es ab Anfang Juni aber ebenso üppig füllen wie so manches Konto im globalen Spiel der Megaeventvermarktung. Und das Publikum? Wird sich da mit Grausen abwenden. Wird dem banalen Overkill die kalte Schulter zeigen. Wird Dinge ohne Dreck am Stecken, dafür mit Niveau sehen. Deshalb wird die fraglos brillante Echtzeitstudie 24 Stunden Jerusalem im April auf Arte nach den Gesetzen des gesunden Menschenverstands zum Quotenkrösus 2014. Und Marktführer wird weder WM noch Olympia, nicht Germany’s Next Topmodel oder Wetten, dass…?. Nein, ZDFneo. Garantiert.

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s