Feature: Selbstzensur beim Tatort

Im Realitätsasyl

Zum ersten Mal in 43 Jahren läuft heute ein Tatort erst um 22 Uhr. Freiwillig, wie der WDR mitteilt. Würde man es auch den Privaten selbst überlassen, wann sie was zeigen, wäre gelegentlich wohl schon das Nachmittagsprogramm erst ab 18 genießbar. Eine Übersicht
Von Jan Freitag
Was Kindern schadet, ist oftmals eine Frage des Zeitgeistes. Früher, als es bloß Erwachsene in klein waren, haben bekanntlich schon Sechsjährige gearbeitet und zum Frühstück gab’s Bier zum trocken Brot. Später dann, mittlerweile anerkannt infantil, rauchte Vati fröhlich in ihrem Zimmer voller Spielzeug mit Ecken, Kanten, Weichmachern, Gefahrenherden. Und heute? Ist die Kindheit vollkaskoversichert, aber nachmittags läuft im Fernsehen Harry Potter.
Schon seltsam: Mit jeder Adaption geriet die Kindersaga mehr zur Horrorfilmreihe. In HD-Qualität jagen grausige Monster durch finstere Gewölbe. Hinter jeder Ecke droht den blutjungen Hauptfiguren das Ende. Und dann die Sache mit dem Okkultismus: Im Grunde, klagen Kritiker seit dem ersten Teil vor gut zehn Jahren, gehöre der Achtteiler ins Nachtprogramm. Ausstrahlung ab 22 Uhr also, wenn empfindsame Kinderseelen (hoffentlich) längst schlafen. Wenn die Öffentlich-Rechtlichen ihre skandinavischen Krimiserien zeigen und die Privaten ihr Gewalt- oder Sexexzesse. Wenn der Tatort läuft.
Moment – der Tatort?
Zum ersten Mal in 43 Jahren zeigt das Erste sein Flaggschiff morgen nicht gleich nach der „Tagesschau“, sondern als zweiter Teil einer Art Double-Feature mit dem hessischen Tatort in neuer Besetzung als Auftakt. Eine Sensation! Aber auch ein Skandal? „Nein“, betont Gebhard Henke, der als Fernsehfilmchef des WDR die 890. Episode verantwortet, lapidar. Ihr Titel lautet arglos Franziska, hat es aber in sich. Jene Franziska, gespielt von Tessa Mittelstaedt, schlüpft hier von der randständigen Rolle als unscheinbare Assistentin der Kölner Kommissare Ballauf und Schenk, in den Hauptpart als Geisel eines verurteilten Mörders (Hinnerk Schönemann), der die nebenamtliche Bewährungshelferin im Keller des Knastes gefangen hält. Entstanden ist daraus ein beängstigend gutes Kammerspiel, das weniger durch Brutalität, gar Blutdurst verstört, als durch das unentrinnbare Gefühl der Ausweglosigkeit, in dem sich die Schlinge um den Hals des Opfers im wahrsten Sinne des Wortes zuzieht, dass es kaum zu ertragen ist.
Weil diese Atmosphäre, wie Henke einräumt, „nicht durch Schnitte im Film hätte verringert werden können“, ohne dessen künstlerische Substanz zu beeinträchtigen, hat sich seine Redaktion „nach intensiver Debatte“ mit dem eigenen Jugendschutzbeauftragten für den späteren Anstoß entschieden. „Und zwar einvernehmlich“. Damit dürfte sich der Vorgang vom ersten Fall derartiger Selbstzensur klar unterscheiden. Als der WDR-Film Wut 2006 verlegt wurde, hagelte es Proteste gegen das Realitätsasyl. Immerhin thematisiert das Drama ein aktuelles Thema, von dem die „geschützte“ Zielgruppe explizit betroffen ist: Jugendgewalt.
So mag es nicht jedem Zuschauer sofort ergründlich sein, warum es „Wut“ oder Franziska erwischt hat, aber keinen der 42 anderen „Tatorte“ des laufenden Jahres mit ihren 76 Toten. Die Verhandlungen dazu laufen intern, Jugendschutzbeauftragte schweigen beharrlich, das Procedere ist intransparent. Doch ganze drei Verschiebungen in der ARD-Historie inklusive des Münchner „Polizeirufs“ vor zwei Jahren plus einem von 1994, den der SWR wegen seiner diffusen Haltung zu Gewalt und Rechtsextremismus mittlerweile unter Verschluss hält belegen auch: das Prinzip Selbstkontrolle greift. Besser zumindest als bei der kommerziellen Konkurrenz.
Ob deren Angebot die Jugend gefährdet, untersucht der unabhängige Verein Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) – und wird dabei fast unablässig fündig. Seit 1994, rechnet die Leiterin der Programmprüfung Claudia Mikat vor, hat die FSF sage und schreibe 2684 spätere Sendezeiten verfügt, als ursprünglich vorgesehen. Und während es bei 3155 Sendungen bloß Schnittauflagen gab, wurden 255 gleich ganz indiziert.
So wird dann schon mal Mission Impossible vom Nachmittag gestrichen oder Alien vom Hauptabend. Doch es sind mitnichten bloß Agententhriller, Horrorfilme oder Softpornos, die der Primetime entzogen werden. Auf Grundlage des Staatsvertrags zum Jugendmedienschutz moniert die zuständige Kommission der Landesmedienanstalten auch vermeintlich harmlose Unerhaltung wie Joko & Klaas. Deren Mutproben verleiten angehende Teenager aus KJM-Sicht so zum Nachahmen, dass sie erst nach 20 Uhr laufen dürften. Ähnlich verhält es sich mit Reality-TV à la We love Lloret, wo Frauen von männlichen Rolemodels zu willigen Sexobjekten degradiert werden.
Es ist die Kunst des heutigen Kölner Tatorts, dass darin anders als in derlei Privatformaten niemand zum Sexobjekt degradiert wird, obwohl die Titelfigur Franziska in der Hand eines Serienvergewaltiger ist. Statt sexistisch ist dieser Fall geschlechtsneutral inszeniert und dabei zutiefst artifiziell. Sich in dieser Weise freiwillig gegen die gewohnte Zuschauerzahl nahe zehn Millionen zu entscheiden, zeugt da von vorauseilendem Gehorsam, der den Privatsendern zutiefst wesensfremd scheint. Dort läuft die kleine Horrorshow Harry Potter weiter fleißig nach dem Mittagessen, entschärft nur durch ein paar geschickte Schnitte.
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