Falsche News & wahre Lügen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

30. Dezember – 5. Januar

Der Tod ist eine neutrale Instanz. Er droht unabhängig von Herkunft, Lebensweg, Wissen und Gewissen allen, und das ständig. Es gibt allerdings welche, die ihn förmlich herausfordern – weil sie ungesund leben, achtlos, gefährlich. Dennoch ist auch deren Tod natürlich wert, beachtet und betrauert zu werden. Nur wie sehr, darüber ließe sich ja mal diskutieren. Zurzeit etwa beachten und betrauern unzählige Menschen den drohenden Tod Michael Schumachers, der das Risiko bekanntlich zum Credo erhoben hatte und dabei Millionen Fans für die Gefahr von Vollgas und Verkehrsinfarkt begeistert. Umso erstaunlicher, dass da selbst die sachliche Tagesschau seinen Skiunfall begleitet und betrauert, als gäbe es an Michael Schumacher aber auch mal gar nichts zu kritisieren (besser macht es die Zeit auf ihrer Titelseite).

Die Massen nähmen nun mal „Anteil an seinem Schicksal und möchten wissen, wie es ihm geht“, erklärte der zuständige Chefredakteur Kai Gniffke die Dauerberichte über einen rasenden Umweltverpester im Krankenhaus (http://blog.tagesschau.de/2014/01/02/michael-schumacher-in-der-tagesschau/). Entsprechend „töricht“ wäre es, „wenn wir in diesen eher nachrichtenschwachen Tagen unsere Sendungen krampfhaft mit sogenannten B-Themen füllen würden“. Womit endlich offen ausgesprochen wäre, dass sich auch die ehrwürdige Tagesschau weniger nach Angebot als der Nachfrage richten, die von ihr offenbar sogar ein tägliches Update erfordert, an Schumachers Zustand habe sich nichts verändert.

Wenn Nachrichten selbst in der ARD zur Massenware werden, Information also zum reinen Verkaufsgut, hätte Gniffke allerdings gleichsam als Topnews vermelden können, dass Sascha Hehn seit Neujahr der neue Traumschiff-Kapitän ist. Mit 8,66 Millionen haben dem schließlich mehr Zuschauer beigwohnt als parallel dazu im Ersten dem (zugegeben erbärmlichen) Leipziger Tatort. Oder das Sechsfache von Til Schweigers Geburtstagsparty auf Sat1 wenige Tage zuvor. Was immerhin beweist, dass sich das Publikum doch nicht jede peinliche PR-Sause als sehenswerte Unterhaltung andrehen lässt. Und das wäre dann doch mal eine schlüssige Erklärung dafür, dass der Ex-Markführer RTL – dessen 30. Geburtstag Freitag von einem (fürs ZDF bemitleidenswert) gut aufgelegten Thomas Gottschalk moderiert wurde – 2013 mit einer Jahresquote von ganzen elf Prozent so schlecht abgeschnitten hat wie zuletzt 1989.

Damals war eine Nation im Einheits- und Konsumtaumel zusehends der kommerziellen TV-Versorgung verfallen. Dass das ehrwürdige ZDF heute (zumindest beim reiferen Publikum) vor der noch ehrwürdigeren ARD führt, könnte man da glatt als Zeichen der Hoffnung deuten, Seriosität und Anspruch hätten noch eine Chance im Aberwitz billigen TV-Trashs – Schumi hin, Pilcher her.

TV-neuFrischwoche

6. – 12. Januar

Davon zeugt unter anderem das Wirtschafts- und Sozialmagazin WISO, das heute ebenfalls dreißigjähriges Bestehen feiert. Oder die famose Dokumentation Voice of Peace, mit der Deutschlands versiertester Sachfilmemacher Eric Friedler morgen das Leben des unbekannten Weltstars der Friedensbewegung Abie Nathan porträtiert. Oder der wunderbare ARD-Film Ein blinder Held, wo Edgar Selge dem unfassbaren Wirken des Judenretters Otto Weidt ein filmisches Denkmal setzt. Oder der unvergleichliche Tatortreiniger, mit dem der NDR ab morgen wieder drei Tage hintereinander den Bildschirm ein bisschen zum Leuchten bringt.

Zu blöd, dass all dies natürlich nur auf den billigen Sendeplätzen läuft, vor der Tagesschau oder nach den Tagesthemen. Kein Wunder – ist doch die so genannte Primetime, an der sich noch immer das größte Publikum vor den Flatscreens versammelt, mit Müll verstopft wie ein Duschabfluss mit Haaren. Heute etwa stümpert sich das neue Mainstreamdarling Josefine Preuß im Zweiten als Pilgerin durch die nächste Verfilmung der Wanderhurenqueen Iny Lorentz, während im Ersten eine Culure-Clash-Geschichte mit Elmar Wepper wiederholt wird. Morgen versperren Dr. Kleist nebst James Bond die Hauptsendezeit und auf N3 röhrt Mittwoch Der Rothirsch – König der Alpen, bevor Schotty seinen Tatort putzen darf.

Das ist von der Gewichtung her dann auch nicht mehr so richtig weit weg vom Biggest Loser wo der schöne Talkshowstar Dr. Christine Theiss Mittwoch auf Sat1 von der Kickboxerin zur Gewichtsverlustdomina wird. Und sogar richtig nah dran am abstrusen TV-Gewächs Elton, der tags drauf auf Pro7 zu etwas kaum minder Abstrusen namens Millionärswahl bittet, was Freitag auf Sat1 auch noch fortgesetzt wird. Für Anspruchsvollere bleibt da nur die Seitenabzweigung zu Arte, wo zeitgleich Lancelot von Nasos Bahnhofsthriller Partitur des Todes mit Matthias Koeberlin als Frankfurter Kommissar Marthaler läuft und im Anschluss das Drama Stockholm Ost über eine Liebe zwischen Täter und Opfer.

Bei so viel realer Härte vergeht einem das Lachen fast so schnell wie bei der leicht gemeinten Familiendetektivin (ab Samstag im ZDF). Und das unterscheidet beide Formate grundlegend vom Scoop des Jahreswechsels. Wie die echte Meldung über den Wechsel Ronald Pofallas zur Bahn (http://www.der-postillon.com/2014/01/ex-kanzleramtsminister-ronald-pofalla.html) rückdatiert veröffentlicht und fortan vom Netz als Falschmeldung betrachtet wurde, die die neuen Medien fortan den alten vorwarfen – das war ganz großer Humor. Und erzeugte ein Durcheinander von wahren Fakes und unechter Wirklichkeit, dass eigentlich nur noc auf eines Verlass ist: Den Tipp der Woche. Nach zwei Tatorten am Stück ein einzelner Polizeiruf. Aber immerhin der aus Rostock.

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