Sven Gösmann: dpa-Chef & Reporter

Mein Weckruf wurde erhört

Sven Gösmann ist erschöpft. Tags zuvor hat die Rheinische Post ihren scheidenden Chefredakteur offiziell verabschiedet, entschuldigt er vorsorglich etwaige Folgeschäden. Es könnte also feuchtfröhlich zugegangen sein, vor Gösmanns Wechsel zur wichtigsten deutschen Nachrichtenagentur. Dass er keine Krawatte trägt und auch sonst eher lässig wirkt, hat mit der Party allerdings nichts zu tun. So ist der 47-Jährige Niedersachse, einer der profiliertesten Journalisten im Land vor seiner wichtigsten Aufgabe: Dem Posten als dpa-Chefredakteur.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Gösmann, in einer Gesprächsrunde zum Thema Agenturjournalismus vor gut vier Jahren haben Sie Ihrem Vorgänger bei der dpa gesagt, Herr Büchner, Sie müssen jetzt ganz stark sein – es geht auch ohne dpa.

Sven Gösmann: Ich erinnere mich.

Ist ihr neuer Arbeitgeber wirklich so entbehrlich?

Nein. Wolfgang Büchner, die Chefredaktion mit Michael Ludewig und Roland Freund sowie das Redaktionsteam, aber auch Michael Segbers als Geschäftsführer haben seither einen Superjob gemacht und die dpa mehr verändert, als es manch einer ahnt, der sie nur von außen betrachtet. Es gibt eine neue Kundenorientierung, neue Formate, große Teile der Redaktion wurden aus Hamburg und Frankfurt ins brodelnde Berlin umgesiedelt und in diesem Zuge vieles auf den Kopf gestellt, was bis dahin als Gesetz galt. Ich bin froh, dass mein Weckruf von damals erhört wurde und die Kritik insgesamt ernst genommen.

Mit der Konsequenz, dass auch Ihre Zeitung wieder bei dpa bestellt.

Genau. Dass die Rheinische Post 2012 zum Basisdienst zurückgekehrt ist, war allerdings Ergebnis eines zweigleisigen Prozesses. Man soll über Verblichene nichts Schlechtes sagen, aber wir hatten auch vorher schon erkannt, dass die Mitbewerber nicht das Niveau der dpa halten konnten. Als die Veränderungen dann spürbar wurden, habe ich eine Rundmail an alle RP-Redakteure geschrieben, um für die Rückkehr zur dpa zu werben.

Waren Sie da nur ausführendes Organ oder Initiator?

Ich habe es initiiert und durchgesetzt.

Was ihrem jetzigen Wechsel zugute gekommen sein dürfte. Oder wäre der Chefredakteur des größten Nicht-Kunden für die dpa tragbar gewesen?

Da fragen Sie mal besser den Aufsichtsrat. Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht, weil ich die Qualität der dpa vorbehaltlos anerkenne.

Das hat Ihr Vorgänger offenbar anders gesehen.

Ulrich Reitz ist 2004 ausgestiegen, wie dann später auch bei der WAZ. Diese Entscheidung habe ich geerbt, aber nie für gut befunden.

Und nun hinterlässt Ihnen Wolfgang Büchner ein intaktes Haus: Die Zahlen sind wieder schwarz, der infrastrukturelle Umbau ist vollzogen und selbst die abtrünnige WAZ wieder auf der Kundenliste. Gibt es da überhaupt noch Baustellen?

Baustellen trifft es nicht, ich bevorzuge den Begriff Chancen. Die größte ist die genossenschaftliche Struktur mit 187 tragenden Unternehmen, was die dpa zu einer neutralen Instanz in der deutschen Medienlandschaft ohne eigene Agenda, nur im Interesse der deutschen Publizistik insgesamt macht. Eine andere Chance ist die digitale Transformation. Von öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern über den privaten Rundfunk und klassische Medienhäuser bis hin zu seriösen Online-Angeboten fragen sich gerade alle, mit welchen Tools, Ansprüchen, Formaten und Technologien sie die bewältigen. Da muss die dpa Standards in Fragen der Berichterstattung setzen.

Könnte sich aber auch als zu schwerfällig und langsam erweisen.

Natürlich sind deutsche Redaktionen aller Gattungen unter Druck, zu beschleunigen, ohne an Verlässlichkeit einzubüßen. Da muss die dpa auch in der Digitalisierung der kompetente, verlässliche Dienstleister von heute bleiben, in manchen Punkten allerdings noch ausführlicher, präziser und dennoch schneller werden. Nachdem die dpa zuletzt stark an ihrer Organisation und Kundenorientierung gearbeitet hat, beginnt jetzt also die Ära der Inhalte: Wie ergänzen wir das Themen-Portfolio? Wie spiegelt sich social media in klassischer Berichterstattung wieder? Wie schafft es dpa, digitale Erkenntnisse zu verifizieren und gleichzeitig ähnlich aktuell zu sein?

Die weiter vom Sitz in Hamburg aus angegangen werden oder bald gebündelt in Berlin?

Mit Prognosen, welche Organisationsform mein Arbeitgeber haben wird, halte ich mich tunlichst zurück. Aber die Redaktion sitzt in Berlin sehr richtig.

Wird es darin personelle Veränderungen geben?

Ich werde selbst dem journalist zu diesem frühen Zeitpunkt keine Regierungserklärung zur dpa abgeben. Als aufmerksamer Kunde sehe ich aber schon heute, welche Schrauben in diesem hervorragenden Team justiert werden könnten. Ich werde mit meinen künftigen Kollegen erst einmal tiefer ergründen, wie wir das angehen. Deshalb rede ich auch nicht über Personalien.

Auch nicht über Isabelle Arnold, die kurz nach Bekanntgabe Ihres Wechsels nach nur wenigen Wochen in der Chefredaktion wieder gekündigt hat?

Nur so viel: Sie ist eine hervorragende Journalistin, mit der ich gern zusammengearbeitet hätte. Die Überschneidung war reiner Zufall.

Als die wichtige WAZ 2009 den Basisdienst der dpa gekündigt hat, galt das als Signal an die Agenturen, ihr Angebot zu diversifizieren. Hat das Paket überhaupt eine Zukunft?

Ja. Die dpa ist und bleibt ja der Vollversorger fürs Nachrichtengeschehen, den praktisch alle deutschen Medien nutzen. Insofern ist der Basisdienst eine Benchmark jeder Redaktion, um zu wissen, ob sie das richtige Geschehen in der richtigen Form abbildet. Andererseits gibt es auch neue Angebote. Der Grafik-Dienst gewinnt an Bedeutung, Audio und Video werden wichtiger, auch die Kindernachrichten, um auch mal ein Nebenfeld anzusprechen. Es geht auf allen Feldern voran.

Auch finanziell? Nach dem Umzug nach Berlin hatte die dpa 2010 schwarze Zahlen geschrieben und danach nur geringe Überschüsse erwirtschaftet.

Wissen Sie – die dpa hat eine funktionierende Trennung: Der Chefredakteur ist in erster Linie für die Inhalte und die Redaktionsstruktur zuständig, der Geschäftsführer für die Zahlen. Aber Sie sehen mich lächeln…

Womöglich auch, weil sie ein Haus übernehmen, das kaum noch echte Konkurrenz hat.

Einspruch, Einspruch, Einspruch! Es gibt die vom französischen Staat üppig subventionierte AFP, es gibt gerade im Wirtschaftsfach Reuters, im Sportbereich sid, dazu eine Fülle von Anbietern für Spezialnachrichten wie Bloomberg. Wir sind weit entfernt von einer Monokultur.

Wird das Aus der DAPD Ihre Arbeit dennoch beeinflussen?

Ach, Marktführer haben vor allem sich selbst als Messlatte, deshalb müssen wir die notwendige Bewegung, um voran zu kommen, aus uns selbst holen, statt aus tatsächlichen oder vermeintlichen Konkurrenzsituationen. Um Ideen zu finden, die Qualität zu erhöhen, unser Tempo zu steigern, blicke ich also lieber auf mich als andere.

Aber Konkurrenz belebt schon noch das Geschäft?

Natürlich. Zumal Nachrichtenagenturen nicht nur miteinander konkurrieren, sondern auch mit anderen Medien. Und natürlich mit dem Internet. Allerdings sollten wir nicht vergessen, dass die dpa auch bei Netzinhalten oft als Lieferantin auftritt.

Was das alte Preisgefüge auf den Prüfstand stellt.

Und da müssen wir uns wie die ganze Branche fragen: Was ist die Währung von morgen? Wenn die Auflage, die Hörer pro Stunde oder die Einschaltquote dafür nicht mehr taugen, muss Ersatz her. Da zerbrechen sich allerdings kluge Menschen ausreichend die Köpfe, dem will ich nicht vorgreifen.

Denken diese klugen Köpfe auch über Kooperationen mit Online-Medien nach?

Da muss man genau schauen, was zu einem Anbieter wie der dpa passt; der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Auch was das Nichtmediengeschäft betrifft?

Mein Hauptaugenmerk liegt ganz klar auf Nachrichten. Daneben kann man vieles diskutieren.

Etwa News on demand, also Nachrichten zum kostenpflichtigen Einzelabruf?

Das spielt in unseren jetzigen Überlegungen keine Rolle.

Und in Ihren als Tageszeitungskunde – hätten sie da gern paid content im Einzelabruf?

Weil der Begriff der Exklusivität in Zeiten von Twitter, Facebook und Co. so überstrapaziert ist, wäre das nicht meine Priorität. Was vor einer Sekunde noch exklusiv war, ist in der nächsten Sekunde schon als Retweet unterwegs und verwischt die Quelle. Nicht Exklusivität, sondern Relevanz steht für Güte. Vor allem abgesicherte Relevanz.

Was halten Sie als Chefredakteur klassischer Medien von Internetrecherche?

Als wichtiges Hilfsmittel ergänzt sie die klassische Recherche. Mir fehlt allerdings bei manchem Reporter zusehends der Mut, die Objekte der Kritik unmittelbar damit zu konfrontieren. Das Rezensionsfeuilleton hat sich für meinen Geschmack zu sehr in die politische Berichterstattung verbreitet, in derlieber Noten vergeben werden, statt richtig zu analysieren.

Klingt nach ziemlich nüchterner Berichterstattung.

Es ist vor allem eine professionelle, zu der auch Nüchternheit gehört. Wer mit Schaum vor dem Mund Nachrichten erstellt, ist fehl am Platze.

Was qualifiziert einen Zeitungsmann wie Sie überhaupt für die Leitung der größten deutschen Nachrichtenagentur?

Da müssten Sie wieder den dpa-Aufsichtsrat fragen. Ich bin überzeugt: Neben den journalistischen Grundtugenden ist der größte Schatz, den ich mitbringe, ein Newseater mit der nötigen Kundensicht zu sein. Ich weiß, was Medienhäuser – auch digitale – wann von wem und wie wünschen. Darüber hinaus habe ich bewiesen, auch große Teams sehr erfolgreich leiten zu können; auch die Rheinische Post hat einen Redaktionsapparat von 250 Menschen.

Auf dem Niveau ändert das Dreifache also nichts?

Doch, weil erstens jeder einzelne Mitarbeiter Beachtung verdient. Und zweitens die Redaktion der dpa mit weltweit 100 Standorten nochmals deutlich dezentraler ist als die RP mit immerhin 35. Irgendwo auf dem Globus brennt immer Licht im dpa-Büro. All diese Kolleginnen und Kollegen muss man mitnehmen, motivieren und über Veränderungen informieren.

Kennen Sie jeden Ihrer jetzigen Redakteure?

Ja.

Und grüßen Sie namentlich im Lift?

Das ginge, dafür bin ich aber zu flapsig. Für ältere Kollegen war es etwas schwer zu ertragen, dass ich in der Chefredaktion ein zwangloses „Hi“ oder „Moin“ eingeführt habe; aber „Guten Tag“ plus Name geht auch. Das ist aber keine Qualifikation, sondern selbstverständlich.

Eine andere Qualifikation könnte die Rheinische Post sein. Von ihren fünf Vorgängern waren immerhin zwei ebenfalls hier tätig.

[lacht] Na dann scheint die RP ja gut auszubilden.

Was nehmen Sie konkret aus acht Jahren Düsseldorf mit nach Berlin?

Unter allem, was sich nicht in wenigen Worten zusammenfassen lässt, die Gewissheit: Ein Chefredakteur ist nichts ohne sein Team – und umgekehrt. Außerdem habe ich hier mehr als an jeder journalistischen Station gelernt, wie Regionalzeitungen ticken, welch immense Bedeutung sie für die Medienlandschaft haben. Das wird aus der Perspektive Hamburgs oder Berlins mitunter etwas unterschätzt.

Sie hat also doch eine Zukunft, die Regionalzeitung?

Auf jeden Fall. Allerdings muss sie begreifen, dass „regional“ zusehends „lokal“ ist, dass sich der Horizont der Leser durch Reisen und das Internet zwar erweitert, zugleich aber aufs direkte Umfeld konzentriert. Als ich eine Familie gegründet habe, hat sich sofort meine Sicht auf Düsseldorf verändert – vom Interesse an Kneipen  und Theater hin zu Spielplätzen und Schulen. Guter Lokaljournalismus bohrt genauso tief wie die große Recherche im Mantel.

Zuvor waren Sie wie ihr dpa-Vorgänger Büchner lange auf dem Boulevard tätig. Was gibt der Ihnen mit für die Arbeit bei der dpa?

Die Detailversessenheit. Wenn der Bundespräsident Angela Merkel im Schloss Bellevue die Ernennungsurkunde überreicht und im Hintergrund hängt Gotthard Graubners Gemälde Begegnungen, muss man das mitteilen. Das mag zwar im ersten Moment übertrieben klingen, bedeutet für den Endkunden einen zusätzlichen Informationsgehalt. Also: reingehen, anschauen, verständlich machen! Das gibt mir der Boulevard mit.

Auch eine Hinwendung zu bunten Themen, die der dpa, dem politischen Verlautbarungsorgan früher Jahre, noch immer leicht suspekt ist?

Das „politische Verlautbarungsorgan“ weise ich natürlich mit Abscheu und Empörung zurück. Die dpa darf nie Boulevard, also zu bunt werden; dennoch muss sie auch Unterhaltung liefern. Den 50. Geburtstag von Brad Pitt gilt es angemessen zu thematisieren, aber nicht jede Posse, die es aufs Titelblatt von Bild oder in die Prominews von ProSieben schafft, eignet sich für die dpa.

Interessieren Sie diese Possen denn persönlich?

Mich interessieren Stars und Sternchen grundsätzlich weniger, als was den Menschen ausmacht – ungeachtet, ob er Wirtschaftsboss oder Fußballspieler ist.

Herr Gösmann, erstarren Sie eigentlich mitunter angesichts der Größe und Bedeutung Ihrer neuen Aufgabe?

Nein, estarren nicht. Zumal ich ja nicht zu einer starren Institution komme, sondern einer in Bewegung. Davor habe ich den nötigen Respekt, am besten trifft es aber – gerade für den Nachrichtenjunkie – der christliche Begriff der Demut.

Wenn man mit 47 das journalistisch relevanteste Medium im Land lenkt – was kann danach überhaupt noch kommen?

[stöhnt] Ich möchte die dpa erfolgreich in eine digitalere Zukunft führen, aber jetzt lassen Sie mich doch erst mal anfangen, bevor wir übers Ende nachdenken…

Die Frage liegt insofern nah, als die dpa in 60 Jahren vier Chefredakteure hatte und nun in vier Jahren den zweiten…

Aber das hatte mit der dpa weniger zu tun als mit dem großartigen Journalisten Wolfgang Büchner, der an einer anderen wichtigen Stelle, die er bereits kannte, gebraucht wurde und dort eine Ära prägen könnte.

Und wenn man Sie ähnlich schnell zu einer ähnlichen Ära wegkauft?

Keine Sorge, ich bin niemand, den man irgendwo weg  kaufen kann.

Zum Schluss noch ein Blick in die Glaskugel: Wird es Nachrichtenagenturen, wie wir sie heute kennen, in zehn Jahren noch geben?

„Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist sie zu gestalten.“ Stammt nicht von mir, sondern von Willy Brandt: Es wird Nachrichtenagenturen geben, die den heutigen in der Form ähneln, aber sie werden digitaler sein, möglicherweise Themenfelder beackern, die heute noch nicht auf dem Schirm sind, und mit noch mehr Kundendialog. Dafür sind wir bereit, darauf freue ich mich.

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