Dennis Moschitto: Tatort-Fiesling & -Sweetie

Wut und Wahnsinn

Als der Bremer Tatort mit Hochzeitsnacht 15. Geburtstag feierte, blieb er wie so oft blass. Wenn er heute im WDR wiederholt wird, kann daran auch der großartige Denis Moschitto als Episodenschurke mit Herz wenig ändern. Ein Porträt mit Interview.

Von Jan Freitag

Können diese Augen hassen? Kaum zu glauben, wenn Denis Moschitto so freundlich vor einem sitzt. Wenn dieser kleine Kerl mit den weichen Zügen ins Hotelpolster sinkt und nervös am Ärmel nestelt. Wenn der Schauspieler sein süßestes Jungslächeln zeigt und arglose Jungssachen sagt wie jene vom „Hallodri mit Fehlern“, den er so oft verkörpern musste, bis, ja bis es endlich ernst wurde. Besser: bis es seine Augen wurden, werden durften. Denn dass die hassen können, beweist Dennis Moschitto Sonntag aufs Neue, diesmal im Bremer Tatort: Hochzeitsnacht. Dort spielt er einen sehr wütenden Mann namens Wolf, der mit seinem noch wütenderen Komplizen (Sascha „Ferris“ Reimann) die Festgesellschaft zweier frisch Vermählter, Hauptkommissar Stedefreund inklusive, in Kollektiv kidnappt, um so herauszufinden, wer seine Exfreundin getötet hat, für deren Mord er unschuldig im Knast saß.

Eine krude Geschichte, ein absurder Stoff – unlogisch, konstruiert, einfach mies. Wäre da nicht Moschitto als Schaf im Wolfspelz, der von den Umständen ins Verbrechen getrieben wird, obwohl er doch eigentlich nur Liebe will. Dieser Mix aus echter Wut und falschem Weg ist seine Paraderolle, seit ihn Fatih Akin 2008 erstmals gegen den Strich besetzte. „Chiko“ hieß das ultrabrutale Kiezdrama, in dem der Mädchenschwarm Denis mit finsterem Blick zum Drogenboss mutierte.

Ein Segen, eine Befreiung, sagt dessen Darsteller heute. Er hat zwar lange Kung-Fu gemacht, was ihm in ruppigen Kölner Problemviertel so viel Selbstbewusstsein verschafft hat, dass der Sohn türkisch-italienischer Eltern nach abgebrochenem Philosophiestudium Schauspieler statt, sagen wir: Gangsterrapper wurde. Aber dass da etwas Hartes in ihm steckt, dass ihm der Bösewicht nun gleich reihenweise zugetraut wird – das zu können war mir lange Zeit nicht klar. Er hat sich trotz seiner Kampfkunst ja nicht mal auf der Straße geprügelt. „Zu klein“, sagt er. Kein Wettbewerbtyp. Auch deshalb bekam er in vielen seiner 35 Jahre die falschen Angebote fürs echte Talent. Sicher, der liebenswert verlotterte Ibo in Kebab Connection, der unfreiwillige Sexhotlinebetreiber Elviz in Süpersex waren charmante Rollen in lustigen Filmen. Aber sie schickten ihn in eine „gefährliche Schublade“, wie er es nennt: Den Sympathieträger fürs Leichte, tauglich für Gastauftritte in Klamauk wie Till Schweigers 1½ Ritter. Da habe Chiko Türen geöffnet. Durch die er nun regelmäßig geht.

Im Kinothriller Brand spielt er den finsteren Bullen mit ebensolcher Hingabe wie den Fußfetischisten einer österreichischen Komödie. Für ambitionierte Projekte lässt er sich trotz aller Abneigung „gegen Klischees und Langeweile“ sogar auf Rollen ein, die seine südländische Optik ausschlachten, als islamischer Terrorist etwa in einer internationalen Produktion neben Eric Bana und Rebecca Hall, als „Bremer Taliban“ Murnat Kurnuz in Tom Tykwers Episodenfilm Deutschland 09.

freitagsmedien: Welche Rolle spielt Ihr südländisches Aussehen?

Als visuelles Medium sortiert Film nun mal nach optischen Kriterien vor. Beunruhigender finde ich etwas anderes: Meine deutschen Rollen werden mir auch wegen meines Namens angeboten. Hieße ich, sagen wir: Murat, würde ich wie viele meiner Freunde meist Brüder in Ehrenmordstorys spielen. Dieses Vorurteil über die Anrede stört mich weit mehr als die Einordnung über mein Aussehen. Dass mir meist Italiener und Türken angeboten werden, liegt doch in der Natur der Sache.

Dabei sind Sie weder das eine noch das andere so richtig.

Ich habe – aus purer Faulheit – die italienische Staatsbürgerschaft. Aber wer wie ich mit drei Nationalitäten aufwächst, hat das Problem, nirgends richtig zugehörig zu sein.

Empfinden Sie die Tatsache, im Tatort einen Wolf Koschwitz zu spielen, als Indiz für die Befreiung des Films von seiner Klischeeverliebtheit?

Eher als kleine Bewegung. Gegen wahre Kreativität wirken da viele Kräfte, die auch zur Frage führen, ob ein Türke als Deutscher funktioniert. Von Befreiung kann man erst reden, wenn Herkunft generell nur nebenbei mitliefe. Türkische Ärzte, Anwälte, Unternehmer sind jedenfalls im Film weit seltener als in der Realität. Und dann reden sie fast immer mit Akzent.

Anders als Sie.

Warum sollte ich auch! Ich bin hier geboren und groß geworden. Da ist es merkwürdig, wenn mir Leute auf die Schulter klopfen, wie super ich Deutsch spreche. Und wenn ich ein Drehbuch kriege, in dem mein erster Satz mit „Digger“ beginnt, hör ich auf zu lesen. Langeweile stößt mich genauso ab wie Klischees um ihrer Selbst Willen.

Dafür ist dann sein Polizist in der Ki.Ka-Serie Allein gegen die Zeit noch deutscher als der Kidnapper im Tatort. Warum sich der wählerische Charaktertyp für dieses dramaturgische Durcheinander hergab? Weil er Kammerspiele möge, sagt Moschitto, „Geschichten auf engstem Raum“. Vor allem aber: Experimente. Und dazu darf man Hochzeitsnacht ruhig zählen, mit ihrer klaustrophobischen Atmosphäre in einem verschlossenen Festsaal, Verbindung zur Außenwelt gekappt. Allein: es ist herzlich missglückt und somit kein schönes Geburtstagsständchen für Sabine Postel. Seit 15 Jahren ermittelt ihre Hauptkommissarin Inga Lürsen in Bremen. Mit nunmehr 26 Fällen zählt sie nicht nur zu den dienstältesten, sondern populärsten Ermittlern der ohnehin beliebten Krimiserie. Das ist insofern bemerkenswert, als Lürsen samt Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen) vom Feuilleton gern als bemerkenswert hölzern kritisiert wird. Ihre Fälle mögen mit bis zu 14 schon mal die meisten Toten aufweisen und dank achteinhalb Millionen Zuschauern stabile Quoten aufweisen; filmisch ist das Team der winzigen Sendeanstalt zuweilen doch arg beschränkt.

Daran ändert auch Denis Moschitto wenig, der mit dem Rapper Ferris MC zur Seite eifrig gegen das furchtbare Drehbuch ankämpft. Als Bösewicht, der weit mehr ist als böser Blick. Der all die Wut, den Wahnsinn, „der in jedem von uns steckt“, sehr versiert abruft und dabei stets sympathisch bleibt. Denis Moschitto ist eben gar nicht so, der will nur spielen.

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