Reisereportage: Thaipusam/Malaysia

Penang-Schmerz9Entspanntes Schmerzensfest

Dieser Tage ereignet sich im südasiatischen Raum wie jedes Jahr Erstaunliches: Millionen Hindus danken ihren Göttern am Thaipusam mit einem blutigen Ritual. Und nirgends lässt sich das wichtigste Fest der Weltreligion unverfälschter erleben als auf Penang, Malaysias Wellnessoase.

Von Jan Freitag

Normalerweise kennt Malaysia keine Jahreszeiten. 365 Tage im Jahr herrscht die gleiche drückende Hitze, nicht mal Regenzeiten verändern das Klima in Äquatornähe. An diesem Tag aber ist die Luft über der kleinen Insel Penang hoch oben im Norden noch ein wenig schwüler, ihre Hauptstadt scheint förmlich zu dampfen und das hat einen Grund. Besser Tausende: Räucherstäbchen. Inmitten einer endlosen Prozession entzündet Raja eine Handvoll davon und streckt sie hinauf zur Statue Subras auf dem geschmückten Festwagen. Der Sohn von Gott Shiva thront über allen, von bunt behängten Ochsen gezogen, die breite Jalan Utama hinunter zum Regierungssitz. Es ist Subras Ehrentag und Hindus wie Raja danken es ihm mit Früchten, Qualm und Kokosnüssen. Zwei Millionen, so heißt es, werden dieser Tage im ganzen Land zu Boden geschleudert, um sich symbolisch vom Schlechten des Jahres zu lösen. Auch Raja hat eine geknackt, wenngleich nicht für sich. „Ich habe für meinen kranken Vater gebeten, jetzt geht es ihm besser“, sagt der junge Hindu. Dann tanzt er barfuss über den kochenden Asphalt, die Hände stets am Kavadi. Das trutzige Gestell aus Holz, Stahl und Farben lastet schwer auf den Schultern, doch das ist gut so. Der Schmerz ist sein Opfer.

Und das größte steht Raja erst bevor. Morgen, beim Thaipusam, dem Geburtstag von Murugam, Gott der Wünsche und des Dankes. Jedes Frühjahr versammeln sich unzählige Hindus in den Straßen Südasiens, um das Wertvollste darzubringen, was sie geben können: ihr Leid. Dass es vor allem Einheimische sind, Pilger, deren Verwandte, die auf vor Malaysias Westküste feiern, ist für die wenigen Touristen vor Ort ein wahrer Segen. Nirgends erlebt man das wichtigste Fest des Hinduismus unverfälschter als hier. In den Metropolen ist es ein Event, zigtausendfach durchlitten und millionenfach bestaunt. Doch nur auf Penang ist das Sehenswürdige am qualvollen Ritual die Würde selbst, nicht ihre bloße Optik.

Wie gut, dass man sich als Außenstehender so überaus angenehm darauf einstimmen kann. Denn Penang ist nicht nur eine Hochburg des Thaipusam, sondern auch der Entspannung. Nirgends liegen Wohl und Wehe näher beieinander als hier und jetzt. Jede Herberge in der brodelnden Vielvölkerstadt Georgetown hat einen eigenen Spa-Bereich, auch niedrigklassige Häuser bieten Beautysalons und chinesische Heilmedizin an. Und die ganz großen wie das edle Rasa Sayang vor den Toren Georgetowns, in diesem Jahr trotz einer Speisekarte aus aller Herren Länder, verschwenderischem Wasserverbrauch und fast absurdem Überfluss zum nachhaltigsten Hotel Asiens gewählt, kommen wie ein einziger Wellnessbereich daher – gediegene Poolwelten, mobile Masseure und Gratisschampus inklusive.

Was für eine Entwicklung am „Ende der Welt“, wie Einheimische die Grenzregion zu Thailand lange nannten. Denn früher, erzählt Shamsul, „gab es hier im Sumpf Krokodile, an Land Kopfjäger, auf dem Meer Piraten und in der Luft Malaria“. Wie die meisten Reiseleiter der Gegend beherrscht auch Shamsul viele Sprachen und erklärt damit die Gegenwart seiner Heimat voller Stolz. Schließlich war die Vergangenheit keineswegs lebens-, geschweige denn sehenswert. Als der Fremdenverkehr Einzug hielt, in den Siebzigerjahren, regierte der Beton, ein Hochhausinferno des Billigtourismus für Malaysier. Erst vor einigen Jahren, erzählt Shamsul, während sich am Straßenrand die Affen tummeln, habe sich Penang zum First-Class-Ziel Malaysias gemausert. Ein kostspieliges zwar, aber für derart lückenlosen Fünfsterneservice und westliche Geldbeutel sogar erschwinglich. Und wie bereitet man sich wohl besser auf ein Schmerzensfest wie Thaipusam vor als faul und verwöhnt am indischen Ozean zu dösen. Was morgen kommt, wird selbst für Zuschauer hart genug. Es ist ein Feuerwerk für die Sinne.

Am Tag der Tage zieht ein Brodem aus Schweiß, Rauch, Gewürzen und warmer Milch durch Georgetown, doch Raja riecht nichts. Überall wird gefeiert, gesungen, gebetet, doch er hört nichts. Dass Merkwürdigste aber ist, dass er auch nichts zu spüren scheint. Rund 50 Kilo wiegt sein Kavadi, ein quietschbuntes Pfauennest mit Diskokugeln im Schnabel und Subra in Alu, zwei Meter hoch, gehalten von dürren Metallspießen – in Rajas Haut! Es schmerzt schon beim Anblick, doch Raja schweigt. „Ich habe keine Angst“, sagt er leise, bevor ihm eine bleistiftdicke Lanze durch die Wangen gestoßen wird, „der Schmerz gibt mir Kraft“. Ein Helfer will ihmWasser über die blutende Zunge gießen. Raja winkt ab: Keine Linderung auf diesem, seinem Weg.

Im Zug Tausender Pilger läuft er die 5000 Meter hoch zum Wasserfalltempel, dem Ziel der endlosen Prozession, um dort für seine Götter zu tanzen und ihnen Milch aus silbernen Krügen zu spenden. Doch zunächst mal muss er mal hinkommen, gebremst von einem Dutzend Haken in seinem Rücken mit Seilen, an denen sein Bruder wie wild zieht. „Vel Vel“, so schreit ihn die Menge in Trance. Vel ist Tamilisch für jene Lanze, die Murugan der Legende nach im Kampf gegen das Böse erhielt. Eine Ewigkeit später ragt sie nun aus Rajas Gesicht und erhöht seine Qualen. Vel Vel, immer wieder die aufmunternde Liturgie – anders ist die steile Treppe nicht zu ertragen, nicht für die zähesten Männer, nicht für die wenigen Frauen. In Kuala Lumpur mag das Fest prächtiger sein und damit der Andrang größer; auf Penang ist es am härtesten. So hart, dass die Selbstkasteiung im hinduistischen Kernland Indien längst verboten ist. Auch das lockt Hindus aus aller Welt nach Penang. Je stärker der Schmerz, desto größer der Dank.

Es ist ein faszinierendes Erlebnis. Die Wunden der Teilnehmer bluten nur selten und kaum, dass sie von den Kavadis, Haken, Spießen befreit wurden, kehrt das Leben zurück in die geschundenen Körper. Raja ist fort, untergetaucht im Menschenmeer, einem elektrisierenden Volksfest. Er hat es geschafft, bis zum nächsten Thaipusam, seinem sechsten. Nun darf er entspannen, all die Schmerzen und 40 Tage Askese in den Gliedern. Nach vielen Stunden der Hitze ist das auch für Zaungäste nötig. Die Eindrücke eines Jahres an nur einem Tag im Kopf verarbeiten sich bei einer Strandmassage für den Gegenwert einer Schachtel Zigaretten am besten. Manchmal muss man sich auch von den Strapazen anderer erholen.

Am nächsten Morgen zum Beispiel, beim gemeinsamen Thai Chi im Rasa Sayang mit Master Hue. Um diese Zeit misst die Luft noch beinah frische 24 Grad, weniger als das quallenreiche Meer in Wurfweite, und der chinesische Lehrer zeigt, was die fernöstliche Kampfkunst aus Menschen machen kann. Trotz seiner 72 Jahre stößt der kleine Chinese einen stämmigen Engländer mit zwei Fingern fort, immer wieder, so sehr sich der Schüler auch wehrt. Nur umgekehrt bewegt sich nichts. Es ist der Frühsport des New Age und Master Hue erzählt von Wilma aus Deutschland, die es jedes Jahr für Monate nach der Stoppuhr zelebriert: halb acht Schwimmen, danach Frühstück, um zehn Liege reservieren, zwei Stunden später Mittag, vor dem Kaffee eine Runde Golf auf dem Hoteleigenen Neun-Loch-Platz, Strand, Abendessen, Cocktails, Nachtruhe und alles wieder von vorn.

Mehr als die Hälfte der Gäste aus Europa, Amerika, Australien verlassen ihre Hotels nur selten, klagt Suleiman Abdul Rahman, der Manager des Rasa Sayang. Selbst in die zahllosen Food-Center der Stadt mit ihren vielen Restaurants aller Geschmacksrichtungen verliert sich kaum mal ein Tourist, um die vielfältigen Spezialitäten zu probieren oder einfach ein bisschen am Leben der Einheimischen teilzuhaben. All-inclusive kann auch ein Hindernis der Begegnung sein. Deshalb nimmt sich Mr. Suleiman fürs nächste Jahr vor, „unsere Feste viel besser zu vermarkten“. Thaipusam am 8. Februar ebenso wie das chinesische Neujahr zwei Wochen zuvor. Die mehrtägige Party der größten Minderheit stellt mit seinen Myriaden von Girlanden, Feuerwerken und Straßenumzügen sogar das Schmerzensfest der Hindus in den Schatten. Penang versteht es eben nicht nur zu leiden, sondern auch zu feiern.

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