Popfriday: Dorau, Jurado, SDP

Andreas Dorau

Die Frage, ob man nicht langsam mal erwachsen werden sollte, steht bekanntlich auch den lässigsten Großstadthipstern irgendwann bevor. Nehmen wir mal den rundesten aller Geburtstage vor der mystischen 100. Wenn das Leben meist geruhsame Bahnen einnimmt und alles darin sachlicher, geordneter, reifer zugeht, könnte man meinen, ein Sänger verkneift sich selbst im adolsezenzbefreiten Planschbecken Popmusik Liedzeilen wie Flifliflaflaflaschenpfand oder Oh Baby, ich bin Löwe zu Titeln namens Bienen am Fenster oder Faul und bequem. Könnte man. Andreas Dorau allerdings kann nicht.

Am Sonntag wird das nimmermüde NDW-Gewächs stolze 50 Jahre, also schon ziemlich alt für einen Popstar. Doch wie – abgesehen vom verlustgeprägten 2011er-Album Todesmelodien – all die anderen Platten zuvor, klingt auch Aus der Bibliotheque in etwa so erwachsen wie ein Trinkspiel auf dem Abiball oder wahlweise ein ganzer Tag Ki.Ka. Allein – was soll’s? Andreas Dorau ist wie er ist. Er schreibt zarte kleine Weisen zu absurden kleinen Wortkaskaden, denen man große Gedanken oder große Banalität entlocken kann, je nach Zugangsweise. Wer dem Flatterschlager zum Kindergesang aufgeschlossen gegenüber ist, wird folglich auch seinem neunten Album in 33 Jahren etwas abgewinnen können. Wer nicht, hört ohnehin bald Klassik. Oder hat es schon immer getan.

Andreas Dorau – Aus der Bibliotheque (bureau b)

Damien Jurado

Es gibt Musiker, von denen man irgendwie schon gehört zu haben glaubt; mit einem Gesicht, das aussieht wie das dieses bekannten Schauspielers; der klingt wie, ja, wie hieß er noch gleich …? Es gibt also Musiker, die sind wie Schlossgespenster: uralt und flüchtig, voller Historie, aber nicht recht existent. Sixto Rodriguez war so einer, der weltberühmte Sugar Man, den dennoch fast niemand kannte. Oder eben Damien Jurado, einer der umtriebigsten Songwriter unserer Zeit, hochproduktiv, sehr kreativ. Stolze zwölf Alben hat er seit 1997 gemacht und insgesamt wohl mehr Kollaborationen, Singles, Projekte, als sein offenbar reifes Leben Jahre hat. Trotzdem nie gehört? Kann schon passieren.

Damien Jurado mag auch nach einem Vierteljahrhundert auf den abseitigen Bühnen der Independentwelt noch immer als Geheimtipp gehandelt werden, tendenziell aber einfach den meisten völlig unbekannt sein – der Grundschullehrer aus Seattle, von dem sich in den einschlägigen Foren nicht mal das Alter findet, ist ein Tausendsassa der unterschwelligen Empathie. Ein rastloses Räderwerk des pathetischen Understatements. Das Beste mithin, was experimenteller Folkwave womöglich zurzeit zu bieten hat – eine Kategorie, die er in gewisser Weise ja allein bespielt. Dank seiner blutleeren Stimme klingt schließlich auch das neue Album mit dem verstörend esoterischen Titel Brothers and Sisters of the Eternal Son zuweilen, als würde Randy Newman mit den Editors Texte von T.C. Boyle intonieren, als träfe sich die Family of the Year mit Bird Control an Lou Reeds Grab zum Poetry Slam. Nichts an den zehn Stücken voll absurder Namen zwischen Silver Donna, Silver Malcolm und Silver Katherine ist sofort eingängig, aber alles brennt sich ins Unterbewusstsein wie ein dräuender Klosterchoral.

Damien Jurado vermag es, mit einer Mischung aus zu viel Brimborium und zu wenig Nachdruck eine Atmosphäre zu schaffen, die anspruchsvolle Hörer wie in Jericho Road erst ganz kurz abstößt in seiner Seifigkeit, im selben Moment allerdings anzieht wie eine Feuerwerksfabrikexplosion am Horizont. Da flattert das Falsett in Deep-Purple-Manier, da hämmert ständig eine Pauke durchs Szenario, da gibt es Glockenschläge und Geigen und viel, viel Gefühl über der Westerngitarre. Aber, oh Donner: Es wirkt, es ist anrührend, es hat Substanz und bleibt, statt sich rasch wieder zu verflüchtigen wie ein Spuk nach der Geisterstunde. Auf Brothers and Sisters of the Eternal Son gebiert Jurado seinen Folk mehr, als dass er ihn spielt. Und das erzielt eine Wirkung, die zugleich aufdringlich und subversiv ist. Berühmt wird man mit so was natürlich nie, auch in zwölf weiteren Alben nicht. Die Chance zum Kennenlernen sollte sich aber dennoch keiner entgehen lassen, der schon immer mal wissen wollte, was Crosby, Stills, Nash & Young wohl getan hätten, hätten sie sich vor 25 Jahren gegründet und wären heute in den besten Jahren. So ungefähr könnte es klingen.

Damien Jurado – Brother and Sisters of the Eternal Son (Secretly Canadian); Sound’n’Pics’n’Kommentare: http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/01/15/damien-jurado_17368

Stonedeafproduction

Das wird die Review einer Musik, die nicht mit Musik beginnt, von einer Band, die nicht mit der Band beginnt, zu einer Platte, die inhaltlich irrelevant ist. Also beginnt diese Review nicht mit Tönen, Menschen, Tonträgern, sondern mit Bildern. Das Cover der neuen Platte von SDP namens Bunte Rapublik Deutschpunk nämlich ist strikt im bombastischen Vielfarbstil sowjetischer Propagandakunst gehalten und feiert vor allem eines: sich selbst. Weil allerdings noch das aufgeblähtestes Artwork am Ende ja doch nur den Sound dahinter illustriert, müssen wir also doch noch kurz darauf zu sprechen kommen. Leider.

Auf der Spielwiese kommerziellen Pops ist auch das zehnte Album des Berliner Ballermannduos Stonedeafproduction schließlich die Quintessenz dessen, was diese Art strukturierter Sinnlosigkeit so immens erfolgreich macht. 17 Stücke lang klingt ihr selbstreferenzieller PopHop, als würden Die Ärzte Die Prinzen covern oder umgekehrt, als wäre Oliver Pocher neuer Bassist der Atzen, als würde sich PR als Spaß tarnen und damit auch noch durchkommen. “Wir sind keine Band, wir wollen die Macht übernehmen”, singt der Berliner Aggroumfeldproduzent Vincent Stein alias Beatzarre samt seines Kumpels Dag-Alexis Kopplin und es klingt meist wie jener Dreck, den sie allen anderen in Lied für die Fans von den anderen Bands, vorwerfen: Nach Schlager für Volltrunkene. Wer das kauft, ist so blöd wie die Texte. Wer das verkauft, so klug wie sein Marketing. Und es funktioniert, die Masse tanzt. Pop eben.

SDP – Bunte Rapublik Deutschpunk (Berliner Plattenbau)

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