EWG & FCB

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

13. – 19. Januar

Der Second Screen ist ein seltsamer Bildschirm. Wer ihn parallel zum Fernseher öffnet, sieht irgendwie doppelt fern – und irgendwie nur halb. Es ist also mit Vorsicht zu genießen, was das MediaCom Science-Institut vorige Woche veröffentlicht hat: Beim jährlichen Social TV Buzz-Ranking wurde ermittelt, zu welchen Sendungen das Publikum nebenbei auf Twitter oder Facebook unterwegs war. Ergebnis: Vorn lag der allmächtige Tatort mit 444.053 Beiträgen, gut doppelt so viel wie die zweitplatzierte Tagesschau, gefolgt vom – hoppela – Night-Talker Domian auf Rang drei. Die gute alte Glotze mag also reichlich Interesse in den neuen Medien entfachen und das trotz sechs Pro7-Formaten unter den Top 20 vor allem öffentlich-rechtlich – am Ende erhöht der Second Screen nicht die Aufmerksamkeit am first one, sondern reduziert sie durch Doppelbeschuss.

Es bleibt also dabei: Der zweite Bildschirm bleibt ein notorischer Feind des ersten, versucht ihn peu à peu mit solch perfiden Methoden in die Bedeutungslosigkeit zu treiben, und was tut das Fernsehen? Es reagiert mit gewohnt rückständig, um zumindest Bestandsschutz zu erlangen, also mit den ewig gleichen Mitteln. Mit Günther Jauch zum Beispiel, der seinen Vertrag mit der ARD gerade bis 2015 verlängert hat. Mit Deutschland sucht den Superstar, dessen gut fünf Millionen Zuschauer zum Start der 11. Staffel an die Topquoten früherer Jahre anknüpfte. Mit dem Dschungelcamp, das es gerade beim jungen Publikum auf die gewohnten Spitzenwerte oberhalb eines Drittels der Gesamtzuschauer brachte.

Und nun sogar mit Einer wird gewinnen.

Hans-Joachim Kuhlenkampffs Straßenfeger aus den Fernsehrwirtschaftswunderjahren vorm dualen System ab März wiederzubeleben, ist ja nichts weniger als die Kapitulation des Innovativen vor der Nostalgie, wie zuvor schon die Exhumierung von Dalli Dalli. Und es hat etwas umso Fatalistischeres, dies auch noch mit den faltenfrei vergreisten Biedermeiermoderatoren Jörg Pilawa und Kai Pflaume zu tun. Armer Nachwuchs.

TV-neuDie Frischwoche

20. – 26. Januar

Für den bleibt vor wie hinter der Kamera abseits einiger Spartenkanäle wenig übrig. ZDFneo mag also unverdrossen Serien wie Spooks (montags, 23.35 Uhr) oder Mad Men (dienstags, 22.40) zeigen, die den Vollprogrammen schlicht zu vertrackt sind. ZDFkultur mag das Ganze mit guter Musik zur Nacht und Eins Plus mit wunderbaren Magazinen à la Beatzz (heute, 20.15 Uhr) garnieren – die Hauptkanäle widmen sich lieber Menschen fehlenden (RTL), billigen (Pro7) oder geriatrischen (ARZDF) Anspruchs.

Verkörpert durch den Bachelor, der mittwochs um zehn auf RTL wieder um emanzipationsbefreite Halbnacktmodels buhlt. Garantiert durch irgendwas mit Raab am Wochenende. Oder durch Filme der Art von Die letzte Instanz, wo Jan Josef Liefers heute (ZDF) bis tief in die DDR zurückermittelt, und die ARD-Mittwochskomödie Eine Hand wäscht die andere mit Ulrich Noethen als korrupten Kleinstadtbeamten. Beides gute Unterhaltung, beides wie gemalt für die Zielgruppe 60+. Und ob Liam Neeson plus Peter Maffay auf dem Karlsruher Wettsofa ein viel jüngeres Publikum anlocken, sei mal dahingestellt.

Das fällt gediegeneren Sendern naturgemäß schwer, aber sie versuchen es wenigstens mit gediegeneren Angeboten. Heute etwa Wolfgang Ettlichs und Andreas Duerrs 3sat-Doku Hat der Motor eine Seele? über ein aberwitziges Autorennen von 1908 oder zeitgleich der shakespearegute Frühwestern Red River, gefolgt vom vielleicht besten Horrorfilm ever, Carpenters The Fog, beides auf Arte. Dort also, wo morgen ein Themenabend zum Organhandel Gespür für Aktualität beweist und tags drauf einer namens Speed über den Faktor Zeit in unserer dauerbeschleunigten Gegenwart. Diese Gegenwart ist allerdings nicht nur zu schnell, sondern zu populistisch. Weshalb auch der Saarbrücker Tatort von etwas handelt, was der Krimi so unablässig wie realitätsfern zum Alltagsverbrechen hochjazzt: Kindesmissbrauch.

Diese Form der Publikumsanbiederung ist so öde, so blöde, dass der Tipp der Woche fast Weltniveau erreicht: Conan der Barbar, Arnold Schwarzeneggers Durchbruch vor fast 34 Jahren und der endgültige Beweis, dass zumindest in den USA offenbar doch jede/r von ganz tief unten bis ganz hoch nach oben kommen kann. War noch was? Ach ja: Freitag startet die Bundesligarückrunde, natürlich live mit den Bayern, das übliche Elitensubventionsprogramm eben. Im Fernsehen nichts Neues…

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