Devid Striesow: Film-Veredler & Tatort-Kasper

Gib dem Affen Zucker

Devid Striesow zählt  zu den besten Schauspielern im Land. Ob als Betrüger (So glücklich war ich noch nie) oder Betrogener in Dieter Wedels Gier, als Stasioffizier (12 heißt: ich liebe dich) oder Sturmbannführer (Die Fälscher), Serienkommissar (Bella Block) oder Musikproduzent (Fraktus) – stets brilliert der 40-Jährige mit einem Spiel, das zu echt wirkt, um gespielt zu sein. Sonntag überdreht er es allerdings auch in seinem dritten Saar-Tatort gehörig. Ein Gespräch über innere Unruhe, TV-Freaks wie Kommissar Stellbrink und warum beide Yoga machen.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Striesow, Ihr Kommissar Jens Stellbrink ist ein ziemlicher Freak mit merkwürdigem Gehabe und Kleidungsstil.

Devid Striesow: Ich würde es mal unkonventionell nennen.

Wobei das Unkonventionelle deutscher Fernsehkommissare längst so konventionell ist, dass man sich stinknormale Ermittler wie Hansjörg Felmy wünscht, dessen einzige Marotte es war, Buletten zu mögen.

Okay, aber dann müsste man doch noch mal über eine neue Besetzung nachdenken, denn den Felmy zu spielen, das ist in dieser Rolle einfach nicht meine Intention. Mir geht es generell selten darum, eine Figur besonders exaltiert zu gestalten, sondern die zwei Seiten zu zeigen, die in jedem von uns stecken: Die Abgründe am Sympathieträger und die netten Seiten am Bösewicht. Da hoffe ich, noch einige Fässer zu öffnen.

Macht es dennoch mehr Spaß, komische Käuze wie Jens Stellbrink zu spielen?

Mit der zugehörigen Spielfreude kann man jedem Typ was Spannendes entlocken, aber wer – vorsichtig ausgedrückt: dem Affen Zucker gibt, kann sicher mehr ausprobieren.

Schauspieler sind Betrüger?

Eher Verwandler. Der Spaß daran ist groß, und am Größten dann, wenn das Publikum Spaß daran und dabei hat. Dann hat man das gute Gefühl, ihm Publikum keine Stereotypen anbieten zu müssen oder in irgendeinem Rollentypus verstzustecken.

Die Gefahr ist beim Tatort nicht grad gering.

Es gibt mittlerweile auch in diesem Format, besonders durch eine hohe Ermittlerdichte die Möglichkeit, jede Figur voneinander klar abzusetzen. Das ist auch die Chance, nach geliebten sieben Jahren Bella Block einen weiteren TV Krimi zur Prime Time im öffentlich rechtlichen zu beleben

Was haben Sie gerufen, als Ihnen ein weiterer angeboten wurde: Hurra oder Hilfe?

Man sagt erstmal Aha?! Nach eingehender Prüfung, was genau zwei Monate Lebenszeit kosten könnte, hab ich dann erstmal abgesagt, aber schnell wieder zu.

Woher der Sinneswandel?

Zum einen bin ich der Verlockung erlegen, wie toll es werden kann, wenn alles funktioniert. Zum anderen, weil ich einfach unglaublich gern spiele. Schauspieler haben ja diesen kindlichen – nicht infantilen! – Spieltrieb in sich. Seinetwegen ziehen wir nicht bloß Faschingskostüme an und sind für drei Stunden Dracula, sondern füllen die Maskerade mit Leben. Dafür nehmen wir in Kauf, die gleiche Szene 30 Mal zu spielen, ohne es auf dem Bildschirm nach harter Arbeit aussehen zu lassen.

Aber das ist es.

Absolut, aber es ist meine Arbeit und sie ist für mich eher Lust als Last.

Haben Sie dieses Arbeitsethos von Ihren Eltern?

Ich bin ruhiger geworden. Mit 40 Jahren, Frau und Kindern muss man sich dringend Freiräume schaffen.

Sie wohnen also nicht mehr mit Ihrem Bruder zusammen?

Nein, leider nicht, dafür ist meine Familie einfach zu groß geworden. Ich bin ja vor Kurzem innerhalb von drei Tagen zweimal Vater geworden.

Das ist biologisch bemerkenswert…

Gar nicht, eine Tochter meiner Frau ist aus Afrika nachgekommen, die ist 7 Jahre alt. Und zwei Tage später kam unserer Lütte zur Welt.

Glückwunsch.

Danke. Und dann hab ich noch einen 15-jährigen Sohn und einen zweijährigen mit meiner jetzigen Frau. Das macht ja kein WG-Bewohner mit, wenn es sich so füllt im Haus.

Ist das nicht ein bisschen viel Unruhe für jemanden wie Sie, der ohnehin viel Unruhe in sich selbst trägt?

Nicht unbedingt. Aber ich werde Ihnen jetzt nicht ausbreiten, was meine Hyperaktivität für Auswirkungen hat [lacht laut].

Und beruflich?

Ich bin auch, was meine Arbeit betrifft, mittlerweile zentriert genug, um vernünftig zu arbeiten. Andererseits ist es für alle Schauspieler die große Herausforderung, mit jeder Klappe in Echtzeit 3000 Umdrehungen hochzutouren und nach der Szene sofort wieder runterzukommen. Wenn man das den ganzen Tag lang macht, dieses Arbeiten in Sinuskurven, ist jeder am Ende bis zum Äußersten erschöpft – hibbelig oder nicht. Da habe ich über die Jahre gelernt, meine Energie richtig einzuteilen.

Womit?

Da wären wir bei meinem Tatort-Kommissar: Unter anderem mit Yoga. Es war meine Idee, ihn das auch machen zu lassen, also einen Charakter zu kreieren, der ständig unterwegs ist und gerade deshalb zwischendurch immer mal bei sich selbst ankommen muss. Darin ähnelt er durchaus mir, denn bei solchen Übungen atmet man mal tief durch und geht danach viel gelassener in den Tag. So was erdet Jens Stellbring ebenso wie mich selbst.

Lassen Sie alle Ihre Figuren so nah an sich ran?

Nein, nein, ganz gewiss nicht. Ich gehe an meine Figuren eher emotionslos ran, rein technisch. Ich behandle sie wie etwas Außenstehendes, wie Objekte, denen ich mich für eine bestimmte Zeit widme. Da gibt es kein Verschmelzen, nicht mal Sympathie oder Empathie, geschweige denn Abneigung. Eine Rolle ist für mich eine Rolle, in die ich reinschlüpfe und dann wieder raus.

Diese hier, sagt der zuständige Redakteur vom Saarländischen Rundfunk, sei auch Ihr Werk, denn einem Devid Striesow gebe man keine Rolle, er mache sie erst zu einer.

Das ist nicht nur bei mir so, aber stimmt schon: Wir haben uns vorher über die Figur unterhalten, Dinge überlegt, die dem Humor zuträglich und visuell so interessant sein könnten, dass sie den Zuschauer packen. Sowohl der Drehbuchautor als auch der Regisseur, ja selbst der Produzent waren oft dabei, um gemeinsam eine Art Konsens zu erzielen, der sich dann in allerlei Skizzen fürs Drehen wieder finden, bei dem mir die Möglichkeit gegeben wird, bei Gelegenheit einen Zacken zuzulegen. Und um das Ganze glaubhaft zu machen, habe ich eingeworfen, sie mir durchaus ähnlich zu gestalten

Eben sagten Sie noch, dass Sie eher technisch an eine Figur rangehen.

An eine Filmfigur. Bei einer Serienfigur fühle ich mich wohler, wenn ich nicht jedes Mal wieder bei Null anfangen muss. Meine Erfahrungen, ein Stück meines Lebens da mit einfließen zu lassen, macht es nicht nur reicher, sondern auch leichter. Trotzdem bin das ja nicht ich.

Am Ende des Films sagt eine Kollegin zu Jens Stellbring, er sei unheilbar naiv. Sind Sie das auch nicht?

Alles andere als unheilbar.

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