Blacklist: Oberfläche & Anspruch auf RTL

Dr. Brody und Mr. Lecter

Mit The Blacklist läuft seit dieser Woche dienstags um 21.15 Uhr bei RTL eine Agentenserie, die wie so oft das Schlechteste an RTL zum Ausdruck bringt, aber auch eine Art Hoffnungsschimmer, der Sender könnte unterm neuen Geschäftsführer doch so was wie seriös werden.

Von Jan Freitag

Diego Klattenhoff kann nichts dafür. Er macht seine Sache hervorragend, wie immer eigentlich. Sein FBI-Agent Donald Ressler steht seinem US-Army-Captain Mike Faber in kaum einer Weise nach. Der kanadische Schauspieler kann also Geheimdienstler ebenso wie Soldaten, weil er die fein justierte Männlichkeit anspruchsvoller Action-Charaktere mit einem wunderbar empathischen Gesicht verfeinert, das je nach Bedarf steinhart oder butterweich werden kann. An Diego Klattenhoff liegt es also nicht, dass die neue RTL-Serie The Blacklist trotz vergleichbarer Herkunft, Dramaturgie, Ausstattung und Mittel irgendwie nicht an die grandiose Sat1-Serie Homeland heranreicht. Das hat andere Ursachen. Sie sind vor allem äußerlicher Natur.

Denn die Geschichte vom gesuchten Terroristen Ray Reddington (James Spader), der sich freiwillig stellt, um aus Gründen, die das Drehbuch erst nach und nach preisgibt, mit der Nachwuchsprofilerin Liz Keen (Megan Boone) eine schwarze Liste anderer Terroristen abzuarbeiten, ist eigentlich so klug wie spannend – wäre da nicht diese dauernde Effekthascherei. Schon die heutige Pilotfolge steigt gleich zu Beginn mit jenem dräuenden Da-passiert-gleich-was-Sound ein, der auch die restlichen 21 Episoden keine Sekunde verhallt. Visuell wird alles ebenfalls unablässig überdreht. Kein Licht wirkt natürlich, FBI-Knäste sind düstere Zukunftsvisionen des Überwachungsstaats, Festnahmen grundsätzlich Aufmärsche seines gesamten Geräteparks und die blutjunge Hauptdarstellerin hatte auf dem rasanten Weg zur perfekten Spionin stets genug Zeit für ihre Nebenkarriere als Model. Kurzum: die guten Anlagen der Story um Doppel- und Dreifachagenten, um vermeintlich Unverdächtige rings um den instinktbösen Serienfiesling Reddington, der für so viel dramaturgische Oberflächlichkeit eine erstaunliche Tiefgründigkeit an den Tag legt, all dies ist irgendwie typisch RTL.

Auch Deutschlands abgelöster Marktführer vollzieht ja seit dem Intendantenwechsel vom vorigen Jahr inhaltlich eine sachte Wandlung zum Positiven, die nur ästhetisch noch nicht Schritt hält. Regierte in den acht Jahren unter Geschäftsführerin Anke Schäferkordt ein dramaturgischer Aberwitz, der die Wirklichkeit konsequent durch gefälschte Realitäten ersetzte und Unterhaltung durch Publikumsverachtung, so scheint sich RTL unter ihrem Nachfolger Frank Hoffmann langsam darauf zu besinnen, dass Fernsehen vielleicht doch kein Ballerspiel ist und ein Vollprogramm etwas anderes als ein Bahnhofsklo. Die unsägliche Scripted Reality etwa befindet sich anders als bei der Ballermannprinzessin Anke S. nicht zügig auf dem Weg in die Primetime, sondern peu à peu auf dem Rückzug. Das Jenke-Experiment betont beim vielfach missbrauchten Begriff „Infotainment“ seit Ewigkeiten wieder die erste statt bloß der letzten Silbe. Mit Wie tickt Deutschland wagte sich Steffen Hallaschka zur Bundestagswahl sogar mal an echte politische Berichterstattung. Günther Jauch und Thomas Gottschalk tragen als Die 2 gegen ALLE fast einen Hauch öffentlich-rechtlicher Unterhaltungsbetulichkeit ins Private. Und im aufdringlichen Testosteronstahlbad der handelsüblichen RTL-Formate von Cobra 11 bis Transporter setzt auch The Blacklist auf ein gewisses Understatement zur besten Sendezeit.

Trotz aller Oberflächlichkeit, so scheint es zum Auftakt und so legt es auch der zweite Teil nahe, zieht Jon Bokenkamps Drehbuch seine furiosen Spannungsbögen nämlich doch nicht ausschließlich aus billigen Effekten. Unablässig gibt es erstaunliche Wendungen, überraschende Charakterzüge und, ja, grandiose Actionszenen. Und James Spader gibt den Bösewicht in Staatsdiensten dabei so versiert abgründig zwischen Hannival Lecter und Nicolas Brody, zwischen Schweigen der Lämmer und Homeland, dass es einem wie in den beiden Formaten oft schwer fällt, seine Sympathien zweifelsfrei zu verteilen. Das hilft dem Zuschauer beim Dranbleiben und RTL bei der Positionierung als Abenteuersender mit etwas mehr Hirn, als es die ersten 30 Jahre des Senderbestehens der Fall war. Die Hoffnung stirbt ja auch im Actionfilm zuletzt.

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