Femalefriday: The Anna Thompsons, Warpaint, Dum Dum Girls

The Anna Thompsons

Nein, es ist kein musikalisches Verkaufsargument, genetisch ohne Y-Chromosom auszukommen. Und nein, es ist auch kein Kaufargument, Parität im Plattenregal schaffen zu wollen. Denn nein, das Geschlecht spielt allenfalls beim Klang der Stimme eine Rolle für das, was da aus den Boxen kommt und selbst das nur bedingt, angesichts all der männlichen Falsette, die den Pop nicht erst seit Talk Talk bevölkern. Und doch kommt man nicht so recht umhin, das Debüt von The Anna Thompsons auch aus Gender-Perspektive zu betrachten. Das frische Quartett Berliner Hipster um die zugezogenen Schwestern Ambika und Karen Thompson mit ulkigen Pullis und zu großen Brillen macht schließlich einen Sound, der bislang nun wirklich eine Männerdomäne war: Garage, Tendenz Psychobilly, sehr schnellen, sehr sixtiessynthielastigen Schreddelpunk mit unmelodischem Vierfachrufgesang verschrobener Texte.

Und das klingt nicht neu, nicht innovativ, nicht weiblich, nicht männlich, es klingt einfach nur wahnsinnig lustig. Als würden Chicks on Speed die Ramones covern oder umgekehrt, als wären die Fuzztones eine Spur hochgepitcht, als hätten da vier Leute im Übungsraum einfach richtig Spaß an sich und ihren Instrumenten gehabt. Gut, mit Hey Pony ist eins der elf Stücke etwas mädchenhaft betitelt, was bei Unicorn auch noch so klingt, wenn der sonstige Furor mal ins Balladenhafte schwenkt; insgesamt aber ist das keine Jungs- oder Mädchenmusik, sondern einfach Rock’n’Roll. Und kein schlechter dazu.

The Anna Thompsons – The Anna Thompsons (RAR/Motor)

Dum Dum Girls

Schlecht ist auch der Rock’n’Roll nicht, den das New Yorker Frauenquartett Dum Dum Girls macht. Geschlechtslos allerdings schon gar nicht. Denn die vier Damen um den kalifornischen Wirbelsturm Dee Dee Penny mögen ebenso psychedelischen 60s-Beat mit Punkattitüde machen wie The Anna Thompsons; ihr neues Album Too True ist wie das erste vor vier Jahren in etwa so asexuell wie ein Beate-Uhse-Katalog. Benannt nach einem Lied von Talk Talk, präsentieren sich die Dum Dum Girls schließlich kompromisslos als rockende Sexbomben, deren Garagensound Ausflüge in den Mainstream radiotauglichen R’n’Bs meidet wie ein Prieser das Weihwasser.

Um nicht missverstanden zu werden: Die zehn Stücke sind ungemein schmissiger Indiepop, analoger Vorwärtsrock mit allerlei Soundspielereien, die einfach Spaß machen. Aber wenn Dee Dee Penny in Anlehnung an die Väter ihres Künstlernamens sagt, “ich wollte, dass meine Band nach Mädchen klingt, die mit den Ramones ausgegangen sind”, dann ist das nicht bloß Koketterie mit der Weiblichkeit auf Männerbühnen, sondern Ausdruck eines Selbstverständnisses, in denen auch die Texte überwiegend von Mädchenträumen nach Mr. Perfect nebst der Hindernisse auf dem Weg dorthin handeln. Man das Album also im Lichte dieser Geschlechtlichkeit hören, man kann es aber auch wie jeden Garagenpop dieser Art genießen: Ohne groß nachzudenken. Es funktioniert.

Dum Dum Girls – Too True (Sub Pop)

Warpaint

Die Suche nach dem passenden Soundtrack ist gemeinhin eine Gratwanderung. Fast jeder geigenverkleisterte Blockbuster zeugt davon, wie sie misslingen kann, während die aufdringliche Stille gediegener Problemfilme oft genug belegt, dass weniger doch nicht zwangsläufig mehr ist. Manchmal allerdings klingen Töne wie gemacht für laufende Bilder – selbst, wenn die gar nicht zu ihnen gehören. Warpaint zum Beispiel, das neue Album der gleichnamigen Band aus Los Angeles, hört sich an, als sei es die ideale Begleitmusik zu Lena Dunhams New Yorker Twentysomethingserie Girls oder auch Fances Ha, dem grandiosen Prekariatsporträt Gleichaltriger an gleicher Stelle.

Wie der träumerisch-verspielte Indiepop darin durch die Gefühle der nachwachsenden Großstadtboheme mäandert, wie es die Melancholie der multioptionalen Ziellosigkeit junger Leute zwischen Ausbildung, Praktika und Arbeitslosigkeit mit ätherischer Schwerelosigkeit vertont – das wirkt wie ein Gegenentwurf zum mal traurigen, mal euphorischen Begleittakt der Leistungsgesellschaft. Es ist Klang gewordener Optimismus ohne Chancen. Und es ist wirklich schön. Love Is To Die zum Beispiel (siehe Video weiter unten), nicht das beste, aber ein emblematisches Stück der zweiten Platte: Wie ein scheues Requiem auf all die Versprechungen der Moderne gräbt es sich in die Ohren der Zielgruppe, ruft allerdings mit trotzigen Trommeln zum Weitermachen und Verweigern zugleich auf. Stella Mozgawas artifizielles Keyboard gibt diesem Widerspruch darin zu Beginn etwas Depechemodehaftes, Newnewwaviges, Tiefgründiges. Emily Kokals Gesang fügt dem sodann die harmonische Dissonanz schiefer Töne zur richtigen Zeit hinzu. Und Jenny Lee Lindbergs Gitarre zwischendrin holt aus dem Trübsinn von The XX, deren Vorband Warpaint einst gab, exakt so viel Schwermut heraus, um nicht allzu leichtfüßig zu klingen, aber doch fernab aller Euphorieschübe.

Gäbe es also noch einen Film, dem die elf – verglichen mit dem erfolgreichen Debüt vor drei Jahren – helleren, nicht aber leuchtenden Stücke wie aufs Drehbuch produziert erscheinen, dann wäre es Jan-Ole Gersters schwarzweiße Berlin-Studie Oh Boy. Noch so ein urbanes Epos übers elegante Scheitern der Generation Facebook(verweigerer), vor allem das männliche. Gäbe es eines namens Oh Girl, könnte man also den Diskurs eröffnen, ob die vierfach weibliche Besetzung von Warpaint eine Vertonung spezifisch weiblicher Lebenswelten hervorbringt, ob das Geschlecht an sich eine andere Bühnenpräsenz erzeugt, eine andere Musik, ob der furchtbare Bandname womöglich Statement gegen all die Macker an gleicher Stelle ist. Das aber führt in die falsche Richtung.

Warpaint mögen frei von Testosteron sein – ihr Werk ist bis auf die Stimmen geschlechtslos, ja es unterläuft nicht mal das maskulin konnotierte Abfeiern instrumenteller Virtuosität. Warpaint, die Zweite, ist oft vertrackter Psychofolkpop für, um, über die großstädtische Mittelschicht und erzählt emotionale Geschichten der Menschen darin. So flüchtig und feenhaft es daherkommt: Wahrhaftiger klang Folkpop selten.

Warpaint – Warpaint (Beggars); pics’n’sound’n’kommentare: http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/01/20/warpaint_17391#more-17391

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