Kitzbühel: Die Königin der Streif

Kitzbühel-Signe Reisch im Zielschuss2Miss Kitz

Kitzbühel ist Signe Reisch! Ohne deren Familie wäre das Herz des alpinen Sports noch heute ein Dorf, der Zielhang des weltgrößten Skirennens gehört zu ihrem Hotel, nun ist sie sogar Tourismuschefin. Eine Begegnung mit der mächtigsten Frau des Tiroler Winters.

Von Jan Freitag

Mausefalle, Hausbergkante, Lärchenschuss – es gibt Worte, die lösen selbst in Wintersportmuffeln etwas aus. Und dann erst diese: Kitzbühel, Hahnenkamm, Streif. Wen das kalt lässt, stammt offenbar aus Wüstenregionen. Wobei selbst dort noch viele kennen dürften, wohin Signe Reisch mit großer Geste zeigt. „Da oben kommen sie ums Eck“. Traverse, Rechtsschwung, Zielschuss, „direkt auf uns zu“. Es braucht zwar noch etwas Phantasie, um sich hier, auf sattgrünem Gras, das weltwichtigste Skirennen vorzustellen. Doch es endet jedes Jahr vor Signe Reischs Füßen, an ihrem Hotel, dem Rasmushof. Mit 120 Sachen! Die kleine Frau mit den strammen Waden lacht durch den ganzen Körper. „So schnell bin nicht mal ich.“

Dabei fährt wohl keiner sonst die Strecke so oft wie sie. Mit 57 Jahren fällt ihr das Gehen zwar zusehends schwer, das sagt sie selber. Doch auf den Brettern, die auch ihre Welt bedeuten, rast die Anwohnerin auch Steilpassagen rasant zu Tal. Und das jeden Morgen, sobald die Schneekanonen feuern. Mit dem ersten Lift geht’s rauf und in vier Minuten Fahrt hinunter, zweimal sogar. Frühsport vor der eigenen Haustür. Schließlich ist es ihre Streif, irgendwie. Auch, wenn sie das so nicht sagt. Na ja, so sagt sie es, „uns gehört ein Teil des Zielhangs“. Wenn Signe Reisch wollte, wär’s rasch vorbei mit der Streif. Nur: warum sollte sie wollen? So wie das Rennen vom Rasmushof profitiert, profitiert der vom Rennen. „Eine win-win-Situation“. Wieder zeigt ihr Arm bergan, zur stilisierten Gams rechts der Piste, dem Logo Kitzbühels, jenem Ort, der ohne ihre Familie ein anderer wäre. Für diese These braucht man nur durch den Ort zu gehen, vom Rasmushof an Hermann-Reisch-Saal und Reischfeld vorbei zum Hermann-Reisch-Weg, rechts auf die Franz-Reisch-Straße zur Altstadt, wo man Reisch Bar und Sporthotel Reisch zur Linken auf die Kanzleien von Klaus und Roland Reischs stößt. Kitzbühel ist Reisch-Reich, das spürt man überall.

Und gegründet hat es, wenn man so will, Signe Reischs Urgroßvater Franz. Vor 120 Jahren importierte der spätere Bürgermeister das erste paar Skier ins Dorf. Es war die Geburt der größten Manege im Schneezirkus. All die Helden-, Reise-, die Promigeschichten – ohne ihn und seine Nachfahren gäbe es keinen Skisport, ohne Skisport keine Streif, ohne Streif kein „Kitz“, nicht in dieser Form. So lautet hier die Gleichung. „Ach Gott“, winkt Signe Reisch ab, doch was sie dann sagt, sagt viel aus über ihr Selbstbild: „Hätte Steve Jobs das iPhone nicht erfunden, hätt’s irgendwann ein andrer getan“. Klingt bescheiden. Doch ein Vergleich zum Apple-Gründer, das bedarf einiger Chuzpe, mancher würde sagen: Arroganz. Hinter vorgehaltener Hand gar: Größenwahn. Und vorgehaltene Hände gibt es viele in Kitzbühel. Aber dass sie kritische Worte dämpfen, spricht ja bereits für die Größe des Namens. Reisch wird ja im selben Atemzug mit den Sailers genannt, den Hinterseers, den Ortsgranden eines grandiosen Orts.

Kein Wunder, dass die Attribute anschwellen, fragt man, wer für Kitzbühel besonders wichtig sei. „Die Familie hat enorme Bedeutung“, sagt der Bürgermeister und lächelt fein in seiner Kanzlei am Rande der Altstadt. „Ganz ernorm“, steigert der Schumacher die Relevanz der Sippe. Auch der junge Buchhändler, die wichtige Skiclubsprecherin, der rührige Tourismusobmann, die kritische Lokalblattchefin – alle stimmen ein: Was „die Signe“ am Rande Tirols darstellt, was sie bewegt, sei schon, genau: enorm. Das weiß sie selber. Sie spricht es sogar aus. Offen, laut, oft hart, aber herzlich. Eine Stunde Abendessen in ihrem urigen Viersternehaus gleicht einem Schnellkurs in touristischer Durchschlagskraft. Wo sonst der Stammtisch tagt, wechseln sich Businessprech und Heimatbegriffe, „Alleinstellungsmerkmale“ und „unser aller Erbe“ ab. Das heißt Kitzbühel. Vor allem aber heißt es Reisch: Uropa Franz – „Imker, Kaufmann, ein Visionär“, Sohn Hermann – „was der für den Fremdenverkehr bewegt hat!“, Klaus Reisch – „der Papa“, wie sie den Anwalt von 84 Jahren nennt, „Kitzbühels Doyen“: von all denen habe sie das Gen geerbt, sich stets grade zu machen. Als eins von sieben Geschwistern mit nur einer Zahnbürste ebenso wie als Gastronomin in einer Männerdomäne. In einem Männerland. In Tirol.

Kitzbühel-Skikanone vor Rasmushof+ Red Bull Bar1„Darauf bin ich schon stolz“, sagt sie bei Tofugeschnetzeltem und erzählt vom elterlichen Gasthof, den sie seit 1974 zur noblen Ganzjahresdestination mir 59 Zimmern gemacht hat. Sie erzählt vom Museum, das sie 2001 nach zehn Jahren neu eröffnen ließ, von Hausaufgaben, die sie fürs Unternehmerdiplom der Hoteliersvereinigung kriegt, vom Newsletter, den sie pflegt, von Gremien, Präsidien, Vereinen, denen sie vorsitzt. Und wie sie beim Aufzählen eine Angestellte bittet, „den Vorhang da, Gesine, den machst noch mal“, und das „Bitte“ bei allem Wohlwollen schwer nach „Zackzack“ klingt, da fragt sich: Geht es Signe Reisch um Macht oder Einfluss? Letzteres, betont sie ernst. „Weil man ersteres erzwingen muss.“ Einfluss könne man sich nehmen. Jetzt hat sie wieder zugegriffen. Der Tourismusverband wählte seinen Obmann, Signe Reisch wollte, dass es eine Obfrau wird, dass es also nicht Christian Harisch bleibt, dass eine gewinnt, die anders als ihr Hotelierkollege beide Seiten des Fremdenverkehrs „a bissl zusammenführt“: Platzhirsche und Neulinge, Familienbetriebe und Kettenhäuser. Die Rasmushöfe und Kempinskis oder Arosas mit ihren Luxussuiten. In denen sieht Signe Reisch zwar heute durchaus eine Chance für Kitzbühel. Eins davon nennt sie jedoch beharrlich „Russenhotel“.

Das kommt an: Weil ihr das Herz auf der Zunge liegt und die Zukunft am Herzen, weil sie konservativ ist und kosmopolitisch, weil Signe Reisch das handbemalte Barockfassaden-Kitzbühel von einst, als Weihnachten einige Hundert Gäste kamen, ebenso vertritt wie jenes Glas-Stahl-Kitzbühel von heute, das ganzjährig Hochsaison feiert, wird Tirols Touristenmagnet nun von ihr repräsentiert, der neuen Obrau, Signe Reisch. Bevor dieses Hybrid zwischen Jetset und Bauernstolz vom streng frisierten Kraftpaket im Businessdirndl repräsentiert wurde, hatte es allerdings „den Papa in Kenntnis gesetzt“. Natürlich. „Aber der fand’s gut“. Sagt die Signe. Und die Leute? Vermitteln die übliche Mixtur aus Nähe und Distanz zur einflussreichsten Frau weit und breit. Barbara Thaler, Sprecherin des Streif-Veranstalters, schiebt statt zu sprechen den Bildband „100 Jahre Kitzbüheler Ski Club“ über den Schreibtisch. „Das ist ein anderes Kapitel“, sagt der alteingesessene Schumacher Herbert Haderer in seiner rustikalen Werkstatt. „Na ja…also…werd’n ma seh’n“, sagt der älter eingesessene Schneider Franz Prader zwischen Fotos mit Weltstarwidmung und Windjacken für 8700 Euro. „An der Verdrängung kleiner Läden wie unserem kann auch sie nix ändern“, sagt Alteingesessenenenkel Oliver Haertel im letzten Buchladen am Platze und nennt als Beispiel die Schließung der Metzgerei Fuchs, wo sich das Dorf morgens zum Schwatz traf und mittags zur Vesper. „Signe ist schon recht“, sagt Elisabeth Pöll vom Kitzbüheler Anzeiger, „die ist qualifiziert und stets im Hotel anzutreffen“.

Aber ob sie vermittelt, dass Kitzbühel für alle da ist? Ausgerechnet Signe Reisch, die im Zielhang sommers einen Golfplatz betreibt und den fünften Stern nur aus Trotz nicht mehr will? Die ihre Balkone mit Zielblick auch beim 73. Hahnenkammrennen für Leute à la Bernie Ecclestone reserviert und kulinarisch mit dem „Red Bull“ versorgt, das dem früheren Skilehrer der Reischs Dietrich Mateschitz angeblich den Namen seiner Brause lieferte? Die einen Mangel an Diplomatie einräumt und so dynastisch denkt, dass ihre Ehe, wie sie freimütig erzählt, auch an mangelnder Hingabe ihres Manns für die Hotelkarriere der drei Kinder gescheitert sein soll? Meistens herrscht da Ratlosigkeit. Ein Zustand, den Signe Reisch meidet. Der Sonntag erwacht, ein herrlicher Morgen, für sie ist es einer wie immer. „I bin scho mit dem Papa ummi ganga“, ruft sie vom 9. Loch, wo nun das VIP-Zelt steht, zum Hotel. Die Außendeko brauche noch Feinschliff, trägt sie zwei Schülern auf. Den Bäumen fehle Farbe, dem Boden Licht. „Macht’s ihr des?“ Klingt fast wie eine Bitte.

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