Lanz’ Zähne, Putins Spiele, deutsches Fleisch

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

20. – 26. Januar

Das Dschungelcamp, in den sozialen Medien gern IBES abgekürzt, als sei es ein Weltraumprogramm, dieses Dschungelcamp ist ein Phänomen: Mit gespenstischer Routine castet es Borderlinerinnen wie Sarah, Georgina oder diesmal eine gewisse Larissa, die das Lager so kameragenau in den Wahnsinn treibt, dass RTL damit Jahr für Jahr Rekordquoten einfährt. In der Zielgruppe erreichte es nun unfassbare 50 Prozent und zog gar das inoffizielle Casting der nächstjährigen Ausgaben mit aufwärts. Fünf Millionen Bachelor-Zuschauer waren nämlich ganze eineinhalb weniger als Wetten, dass…? am Samstag drauf erzielte, dessen Moderator statt der früheren Massen allerdings auch jenseits des Wettsofas bloß noch massenhaft Spott auf sich zieht.

Nachdem er sich als teilzeitkonservativer Talkhost vorige Woche testosterongeflutet in Sahra Wagenknechts linkes Bein verbissen hatte, ging das Internet mit einem Shitstorm nebst Rücktrittspetition auf ihn los, also dann doch zu weit. Nur zur Erinnerung: Lanz ist beim Talken wie Wetten gleichermaßen lästig, aber eben kein Bundespräsident. Und sein Sender mag Europas einst größte Unterhaltungssendung noch immer wie eine Monstranz vor sich hertragen – das letzte Hochamt im hiesigen Fernsehen heißt anders: Tatort. Der allerdings muss ab 2016 auf ein Ermittlerteam verzichten, dem wie Lanz kaum eine Träne nachgeweint werden dürfte: Simone Thomalla und Martin Wuttke. „Die älteste und erfolgreichste Krimi-Reihe im deutschen Fernsehen lebt einerseits von der Konstanz“, erklärte MDR-Fernsehspielchefin Jana Brandt dazu, „andererseits von der Originalität, sich immer wieder neu zu definieren“. Na vielleicht definiert der Ostsender seine neuen Kommissare dann ja ohne debilen Schmollmund oder aufgesetzte Verschrobenheit.

Apropos debil, apropos verschroben, apropos aufgesetzt, apropos Schmollen: Weil die debile Millionärswahl selbst dem verschrobensten Zuschauer zu aufgesetzt war, schmollt Pro7 und hat das Finale des Quotendesasters Samstag ins Internet verlegt. Wer gewonnen hat? Auch egal. Wichtiger ist, dass der WDR im Mai mit Monitor-Moderatorin Sonia Mikich endlich eine Chefredakteurin kriegt. Oder dass Zeit-Herausgeber Theo Sommer wegen Steuerhinterziehung zu 19 Monaten auf Bewährung verurteilt wurde, was dem Ruf gedruckter Zeitungen nicht grad neues Vertrauen zuführt. Das könnten sie indes gut gebrauchen, wenn man sich die medienpolitisch wichtigste Nachricht der Vorwoche anhört: Im Gleichschritt mit der Bravo, die trotz neuer Bild-Strategie voller Blau- und Rotlicht erstmals unter 200.000 verkaufter Hefte rutscht, hält auch der Sinkflug seriöser Medien wie dem Spiegel ungebremst an.

TV-neuDie Frischwoche

27. Januar – 2. Februar

Wichtig wird es diese Woche am Bildschirm zu einem ähnlich desaströsen Thema: Die Olympischen Spiele. Nein, sportlich geht es erst am 7. Februar los. Aber mit Sport hat es ohnehin wenig zu tun, was zwei famose Reportagen um und aus Sotschi zeigen, die witzigerweise beide Putins Spiele heißen. Heute um 21.45 Uhr reist die ARD unter diesem Titel durch ein zerrissenes Land, morgen bleibt Arte um 20.15 Uhr am Austragungsort und zeigt zu verstörendem Klaviergeklimper den Irrsinn, Wintersport im subtropischen Korruptionssumpf zu veranstalten. Weil den Öffentlich-Rechtlichen eine gute Biathlon-Quote allemal wichtiger ist als ein aufgeklärtes Publikum, versenden sie solch erhellende Formate aber lieber zwei Wochen vorm Live-Event. Die Privatsender beschränken sich währenddessen auf Randsportarten für ein Milliardenpublikum. American Football zum Beispiel, dessen Superbowl-Finale Sat1 in der Nacht zu Montag überträgt, nachdem Stefan Raab ab heute täglich TV total live aus New York auf Pro7 zeigt. Quietschbuntes Entertainment können sie ja, die Kommerzkanäle.

Die halbstaatlichen können dafür Sachfernsehen wie Ziemlich starke Frauen, eine sechsteilige Dokusoap über sechs Rollstuhlfahrerinnen, donnerstags bei ZDFneo. Sie können meistens auch Filme. Unter Anklage zum Beispiel über den Fall des realen Würzburger Justizopfers Harry Wörz, der bis auf Felix Klare als Anwalt auch ohne Stars fesselnd inszeniert ist. Oder Kückückskind parallel im Zweiten, das den Säuglingstausch zweier Familien unterschiedlicher Kulturen heiter statt klischeehaft erzählt. Nicht so gut können sie allerdings nach wie vor Serien, was das ZDF heute mit Inspector Jury schmerzhaft belegt, wo Schauspieler wie Fritz Karl und Götz Schubert an eine hundsmiserable Bestseller-Adaption aus England vergeudet werden, die kein einziges Krimiklischee auslässt.

Das dürfte also eher kein Kandidat für den renommierten Max-Ophüls-Preis sein, dessen diesjährige Vergabe Mittwoch kurz vor Mitternacht auf 3sat zu sehen ist. Für die dümmste aller Filmtrophäen – die Goldene Kamera, der das ZDF Samstag den nächsten Samstagabend (hoffentlich) kostenlose Werbung für die Hörzu schenkt – könnte es indes reichen. Im Tempelhof sicher ständig im Bild: Senta Berger, die einen ARD-Gastauftritt im heiteren ARD-Freitagssulz Almuth und Rita hat. Uschi Glas, die tags zuvor einen ZDF-Gastauftritt als Teleshopping-Queen bei SOKO Stuttgart hat. Jörg Schüttauf, Andrea Kiewel, Henry Maske, die morgen an gleicher Stelle Gastauftritte in der zweiteiligen Ostalgie-Show Nicht alles war schlecht (an der DDR) haben. Und weil das alles vielleicht springerpreiswürdig, aber doch nicht so dolle ist, muss beim Tipp der Woche was Gebrauchtes einspringen: Die erste Folge von Sex and the City, Serienmusster des selbstbewussten Antifeminismus, Freitag auf Sixx. Und mehr noch: Dier erste eigene Cartoon-Serie von ZDFneo namens Deutsches Fleisch, ab Mittwoch um 23.30 Uhr.

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One Comment on “Lanz’ Zähne, Putins Spiele, deutsches Fleisch”

  1. wutz says:

    danke herr freitag für die bitte:nicht einschalten.was ihnen vielleicht noch entgangen ist:der herr hidler(berufsloser zeichner) hat doch auch die olympischen spiele (missbraucht)??oder?und dieser zusammenhang kann ja auch was positives haben:herr putin muß die regierneden oligarchen in der ukraine zurückpfeifen,oder? sonst muß er vielleicht selber mit freiem oberkörper ….


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