Fernsehhotels: bodenständig & nobel

Luxus für alle

Wenn Hotels in Film und Fernsehen zu Hauptdarstellern werden, sind es meist Nobelherbergen wie in der spanischen Hochglanzserie Grand Hotel, die ab Dienstag im Disney Channel läuft. Oder aber sie sind schwer sanierungsbedürftig. Dazwischen gibt es fast nichts. Eine kleine Reise durch die Fernsehgastronomie.

Von Jan Freitag

Die Welt der Wirtschaft, sagen zugehörige Wissenschaftler, verläuft in Wellen. Aufschwünge folgen stets Abschwüngen und umgekehrt, es ist ein einziges Wogen wie er Ozean im Herbststurm. Nachdem die Kurve zuletzt in kurzer Folge heftig bergab ging, weist sie nun wieder sachte aufwärts. Schuld am Sturzflug waren Spekulanten, Heuschrecken, Banken, Finanzminister, die Bösen also. Man zählt sie zur New Economy, die im Gegensatz zur Ökonomie alter Prägung angeblich weniger Werte kennt, weder Ethik noch Moral. Doch ganz gleich ober Auf- oder Abschwung, Boom oder Baisse, Millionenboni oder jump you sucker – offenbar nächtigen ihre Geschäftsreisenden ausnahmslos in Designausgaben edler Hotelketten, nicht in traditionellen Kästen wie dem Lindbergh in Berlin.

Was auch daran liegt, dass es der Phantasie des ZDF entstammt und 2006 unterm Titel Fünf Sterne für Quote sorgte. Über mehrere Jahre kennzeichnete dieser Luxusklotz einen Stil, der die Kritik am rüden Kapitalismus von heute gewissermaßen gastronomisch flankiert: wann immer Hotels im Fernsehen Hauptrollen spielen, um mit einem „Grand“ vorweg Nostalgie und Würde zu verkörpern, werden sie zu Nischen einer Marktwirtschaft, die noch für Wärme sorgt. Das ist im fiktiven Grand Hotel der fiktiven Beherbergungsdynastie Alarcón in einer fiktiven Stadt namens Cantaloa nicht anders. Nächsten Dienstag startet die träumerische Serie aus dem krisengeplagten Spanien zur besten Sendezeit beim krisenfest traumwedelnden Disney Channel und es geht dabei um ein Fin de Siècle, das vor allem glitzert. Das schön ist. Prunkvoll ist. Telegen ist. Und voller Hoteliers, die es gut meinen mit dem Gast und der Welt ringsum.

Denn so wie Familienunternehmen gegenüber Vorstandskonzernen gütig, fürsorglich, ja: selbstlos daherkommen, stehen TV-Hotels im gediegenen Beherbergungswesen stets für Kundennähe und Liebreiz. „Europas alte Residenzen sind keine anonymen Glas- und Glitzerpaläste, sondern bieten die feinste Kulisse für Leidenschaften, Politik und Kunst“ – so kündigte die ARD mal ihre anbiedernde Dokumentarreihe Menschen und Hotels an und schilderte elitistische Häuser vom Brenners Park in Baden Baden bis zum Londoner Savoy als solche „mit Tradition und Geschichte“, in denen „Könige und Präsidenten, Musiker, Maler, Stars oder Sternchen“ übernachtet hätten.

Macht und Ruhm, Tradition und Geschichte – schöne alte Welt. Im Lindbergh verteidigt sie der Namensgeber gegen den skrupellosen Investor: erst bei einem edlen Tropfen im burgartigen Weinkeller und schließlich per Faustkampf. Aug in Aug mit bloßen Renditeerwartungen erscheint die Hemdsärmeligkeit echter Kerle plötzlich als ebenso seriös und praktikabel wie überbordender Luxus. Das durfte zuletzt Heinz Hoenig als Chef eines Hamburger Spitzenhotels im ARD-Zweiteiler Rose unter Dornen belegen, das findet sich im spanischen Grand Hotel, wo sich edle Betreiber unablässig finsterer Intriganten erwehren müssen, die das behagliche Haus auf Rendite trimmen wollen. Kein Wunder, dass Hotelserien Produkte der krisenhaften Siebzigerjahre sind. Zwischen Ölkrise und Massenarbeitslosigkeit entstand Hallo, Hotel Sacher, Portier und setzte der realen Hektik 1973 das plüschige Wiener Denkmal entgegen, dessen Standestreue so arglos war wie im Haus am Eaton Place zur gleichen Zeit. Auf einmal wirkte die Klassengesellschaft so behaglich, dass unter Vernachlässigung exorbitanter Zimmerpreise, elitärer Atmosphäre und sozialer Hackordnungen eine Reihe fürstlicher Gasthöfe zu Drehorten wurden. Vom britischen Hotel in der Duke Street ab 1978 über Arthur Haileys 105-teiliges Hotel  der Achtziger bis hin zum exotischen Hotel Paradies, Roy Blacks Schloss am Wörthersee oder girl friends im Folgejahrzehnt. Stets waren die Häuser Projektionsflächen einer telegenen Mischung aus Glamour und Arbeit, Hierarchie und Luxus, Dienstbarkeit und Muße, Alltag und Urlaub.

Die Zuschauer sehnen sich nach Bodenständigkeit und Überfluss in einem. Sie möchten nur kurz am Jet Set der Klatschpresse schnuppern wie all jene Touristen, die von livrierten Portiers freundlich am Betreten des Adlon gehindert werden. Aber wer dank exorbitanter Preise leider draußen bleiben muss, dem bleibt ja als Ersatz noch die Vielzahl an Dokumentationen über Berlins teuerste Adresse oder jenes opulente Melodram in Starbesetzung, mit dem das ZDF Deutschlands berühmtester Herberge Anfang vorigen Jahres einen werbewirksamen Dreiteiler schenkte, der Das Adlon samt seiner Inhaber in weichgezeichnetes Wohnstubenlicht tauchte.

Was beweist: Das Thema reizt. Und damit es nicht zu sehr abhebt, checkt manch Ottonormalverbraucher in vielen Formaten zwar ein paar Sterne über seinem Kreditrahmen ein. Doch wenn der schwäbische Angestellte bei einer mühsam ersparten Silberhochzeitsreise auf dem Traumschiff die Augen aufreißt vor Glanz und Gloria und Wunderkerzen beim Captain’s Dinner, ist er sich seiner Wurzeln eben doch stets bewusst. Und um auch seinem  Geldbeutel gerecht zu werden, begab sich der NDR mal in die Tiefen der Mittelklassehotellerie und möbelte im Coaching-Format Retten Sie unser Hotel Familienbetriebe mit Namen wie Tannengrund auf. Am Ende träumt der gemeine Gastronom ja doch vom eigenen Haus für die Schönen und Reichen. Der Kunde will es so. Und der Zuschauer erst recht.

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