Karl Bartos: Ex-Kraftwerker & Jetzt-Frickler

Ich kann nicht anders

Der zweite von links ist alt geworden, aber nicht müde. Bei Kraftwerk war Karl Bartos bis zu seinem Ausstieg 1990 volle 15 Jahre für Gesang und Rhythmus zuständig, mit 61 geht er gerade mit seinem Solo-Album Off The Record auf Tour, die heute in Nürnberg Station macht, morgen in Berlin und Freitag in Hamburg. Begegnung mit einem Mann, der globale Musikgeschichte geschrieben hat – das aber im Gespräch beharrlich leugnet.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Karl Bartos, wenn man Sie diesen Samstag den weltweit wichtigsten Musikpreis „Grammy“ fürs Lebenswerk erhält – klingt das dann wirklich ehrenwert oder bloß alt?

Karl Bartos: Der Preis ja zumindest insofern ambivalent, als wir ihn Samstag gemeinsam mit den Beatles, den Isley Brothers und Kris Kristoffersen kriegen. Andererseits ist ein später Grammy allemal besser als gar keiner. Er wird aber mein Leben, über das ich gerade ein Biografie schreibe, nicht verändern.

Und das von Kraftwerk?

Auch nicht. Ich spreche allerdings nicht für andere wie Floria Schneider, Wolfgang Flür, Emil Schult oder den derzeitigen Inhaber des Trademarks Ralf Hütter

Wer wird den Preis in L.A. denn entgegennehmen?

Keine Ahnung, ich hab keine Einladung gekriegt. Aber John Lennon ist ja auch nicht da, um den für die Beatles anzunehmen.

Hätten Sie beide ihn wegen der innovativen Kraft Ihrer Bands schon früher kriegen müssen?

Dafür war Kraftwerk vermutlich schon immer zu unkommunikativ.

Im Sinne von öffentlichkeitsscheu?

Ja. Wir waren eben nicht verheiratet mit der Popkultur, deren Erfolg vom Zugang zu den Medien lebt. Und dann sind wir auch noch ein Produkt des Marshallplans (lacht); kein Wunder, dass vor uns noch keine Band aus Deutschland den Grammy gewonnen hat…

Dabei hat dieses Marshallplanprodukt den Pop mit Ihnen als 2. von links auf der Bühne förmlich revolutioniert, mit der vollständigen Ersetzung analoger Signale durch elektronische, digitale?

Da bin ich mir gar nicht sicher. Genau das lag damals ja schon länger in der Luft, als die Neue Musik der Vorkriegszeit in die Avantgarde überging. Wirklich neu an unser war allenfalls der Gedanke des Futurismus wie bei Filippo Marinetti in Italien, Pierre Schaeffer in Paris, Karlheinz Stockhausen in Köln. Sein Gesang der Jünglinge konstatierte schon 1955, dass Musik nicht unbedingt aus Harmonien, sondern Geräuschen bestehen kann, egal ob sie aus der Natur, Instrumenten oder der Technologie entstehen. Aus diesen akustischen Cocktails haben wir unseren eigenen Futurismus gezogen.

Futurismus im Sinne einer zivilisationskritischen Dystopie oder einer Utopie, die den Untergangsszenarien der Siebzigerjahre entgegengewirkt hat?

Unbedingt einer Utopie. Der Gedanke des Futurismus war ja vor allem musikalischer Natur, sich nicht immer wieder auf Beethoven und seine neuen Symphonien zu beziehen, sondern eigene Klangfolgen jenseits der Klassik zu entwerfen, denn genau wie Medien die Inhalte der Information beeinflussen, erschafft jedes neue Instrument neue Inhalte in der Musik. Das Thema war also eigentlich schon durch, die Gruppe Kraftwerk hat nur die maschinellen Möglichkeiten ihrer Zeit genutzt.

Und der breiten Masse zugänglich gemacht.

Nicht mal das. Ansätze von Neuer Musik und Avantgarde finden sich vom Rock’n’Roll über die Beatles bis hin zu John Cage lange vor uns. Die Manipulation der Tonbandgeräte und Synthesizer auf Abbey Road sind bloß nicht als solche deklariert. Das Innovative an Kraftwerk war so gesehen vor allem eine der Klangperspektive: Wir benutzen die Technologie nicht nur, sondern kennzeichnen sie auch als solche.

Alles eine Frage des Labels?

Des Benennens! Wir haben das, was endlich bei uns angekommen ist, industrielle Musik genannt. Als ich bei Kraftwerk begonnen habe, hatte ich noch nicht mal einen Computer; der kam erst 1976, so ein klobiger XT von IBM für 12.000 Mark.

Aber setzen wir mal voraus, die meisten Menschen empfinden Kraftwerk auch musikalisch als innovativ: Was ist an Karl Bartos 2014 ohne Kraftwerk innovativ?

Das ist mir völlig egal. Und innovativ sind auch selten Musiker selbst, sondern ihr eingesetztes Werkzeug. Als die Kunst erkannt hat, dass Beethovens Symphonien in ihrer Perfektion nicht weiterzuentwickeln sind, hat sie sich den Synthesizer erschaffen. Es mag ein gutes Verkaufsargument sein, Musik innovativ zu nennen. Sein Sinn ist für mich ein anderer.

Nämlich?

Die Ritualisierung des Lebens und Strukturierung seines Rhythmus. Seit Vivaldi wissen wir ja, dass es Jahreszeiten sogar als Klangfolgen gibt. Musik hat mit Zeit zu tun; so wie unser Leben in Jahre, Tage, Stunden, Sekunden eingeteilt ist, teilt sich die Musik in Takte, Schläge, Metren. Musik ist die Artikulation der Zeit, mehr nicht.

Also machen Beethoven, die Beatles, Kraftwerk und Motörhead im Grunde das Gleiche mit anderen Mitteln?

Ganz genau. Weil jeder Musik anders hört, interessieren mich daran vor allem die Wechselwirkungen. Ob Matthäus-Passion, Hardrock oder Kraftwerk ist dabei egal. Erstens strukturiert Musik unser Leben, schafft zweitens Ordnung, ohne das Chaos auszuschließen, spendet drittens Trost, Wärme, Unterhaltung. Und ist viertens zeitlos, obwohl sie die Zeit artikuliert. Diese Widersprüche treiben mich an, was ich daraus mache, ist in meiner musikalischen DNA gespeichert. Ich kann nicht anders. Ob das alt oder neu klingt, ist mir gleichgültig.

Immer wieder neu war und ist allerdings die Verschmelzung von Bild und Ton, der bei Ihnen ebenso zentral ist wie bei Kraftwerk.

Aber auch das lag an der damaligen Zeit und setzt sich bei uns nur auf besondere Weise fort. Schon auf einer Platte von Frank Zappa, den ich neben den Beatles sehr verehrt habe, stand: This record is an acoustic movie. Das hatte natürlich auch mit den lustigen Zigaretten zu tun, die man damals rauchte, aber Zappas Musik war schon vor uns zutiefst visuell, schon weil sie sich alle Zeit der Welt nehmen konnte, statt alles in drei Minuten packen zu müssen.

Bei Ihren Konzerten sind es 90 Minuten.

Die aber ihrerseits stark strukturiert sind, wie ein Film. Als ich auf der Universität der Künste Auditive Mediengestaltung studiert habe, als einziger Musiker im Fach Sound Studies, hatte Popmusik noch eine höhere Bedeutung und höhere Botschaften als heute. Jetzt stellen sich im Fernsehen ständig arme Teufel vor eine Jury und werden bewertet, das ist purer Wettbewerb. Pop ist dem Sport längst ähnlicher als der Musik.

War die ostentative Bewegungslosigkeit von Kraftwerk so gesehen auch ein Statement gegen den aufkommenden Wettkampfgedanken im Pop?

Täuschen Sie sich nicht! Wenn man sich alte Videos von uns ansieht, ist da ganz schön Bewegung auf der Bühne. Im Stück Pocket Calculator von 1981 schließen wir technische Geräte an die PA und improvisieren dazu eine Choreografie, das war eher Pina Bausch als regungslos.

Das gängige Bild von Kraftwerk sind allerdings vier Programmierer, fokussiert auf ihr Instrument.

Heute mag das so sein, aber vielleicht sind das ja gar keine Menschen mehr, sondern Roboter (lacht). Verglichen damit, aber auch mit Konzerten der Beatles, die stocksteif vor den Mikros standen, waren unsere früheren Auftritte Rockkonzerte. Zumal wir echte Namen trugen: Ralf, Karl, Wolfgang, Florian. Dann erst hat sich das Konzept von meinem Selbstverständnis als Musiker gelöst.

Und wie bewegt sich Karl 2014?

Ich versuche die alte Langeweile, nur dazustehen und wichtig auszusehen, aufzubrechen. Bis zu dieser Tour habe ich die Visuals live modifiziert, jetzt mache ich wieder mehr Musik, singe sowieso, spiele Keyboard – das schafft Dynamik.

Und scheint mir auch tanzbarer zu sein als Kraftwerk.

Ich bin von meiner musikalischen Ausbildung her ohnehin eher rhythmisch.

Wenn man wie Sie seit 40 Jahren auf der Bühne steht…

45 sogar.

… hat man dann irgendwann mal genug davon?

Nein. Das ist mein Beruf. Ohne ihn fehlte mir der Bezug zu den Menschen. Nur noch zuhause Musik zu machen wie Brian Wilson, der sich eine Fuhre Sand ins Wohnzimmer hätte kippen können und dort bis ans Lebensende Surfmusik komponieren – das wäre nichts für mich. Wir Menschen brauchen die Spiegelung in anderen. Weil die Medien nur eine transzendierte Version des Selbst bieten, muss man als Musiker in Gesichter blicken. Als ein abgebrochener Kunststudent aus Liverpool mal come together / right now / over me sang, war das ein zentraler Satz für mich, weil er den Beruf des Musikers auf den Punkt bringt. Musik ist Kommunikation, und damit möchte ich nie aufhören – egal, wie schwer es meinen Beinen auch fiele. So gesehen betrachte ich den Grammy eigentlich als eine Art Tapferkeitsorden. Toll.

Off-The-Record-Tour:

29.01.2014 Festsaal K4, Nürnberg

30.01.2014 Postbahnhof, Berlin

31.01.2014 Grünspan, Hamburg

01.02.2014 Amager Bio, Kopenhagen/DK

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