Aberwitz Olympia und zwei Anstaltsneulinge

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

20. – 26. Januar

Nun ist es also vorbei. Endlich, sagen viele. Leider, noch mehr. Wer das Dschungelcamp als König(in) verlässt, wollen wir hier mal so sittsam verschweigen wie die Preisträger der irrelevanten Goldenen Kameras am gleichen Tag. Wer der vorgestrigen Krönung förmlich entgegen gefiebert hat, dagegen nicht: Roger Willemsen! Ausgerechnet das kultivierte Großhirn der Fernsehnation nämlich outete sich Samstag in der Süddeutschen Zeitung als Fan der „brillant gemachten“ RTL-Sause, „die von Lebenden handelt nicht von Untoten – wie bei ARD und ZDF“.

Und als ginge es den gescholtenen Kanälen darum, dieses Expertenurteil vorsorglich zu belegen, hatten, hat sich der Vorzeigezombie Kai Pflaume ins exhumierte Uraltquiz Das ist Spitze! am Donnerstag zuvor allen Ernstes öffentlich-rechtliche Lebendleichen wie Marianne und Michael oder Johann Lafer und Horst Lichter zu Dalli Klick geladen. Da passt es ins Bild, dass Hans Rosenthals betongrinsender Nachfahr selbst bei einer Umfrage im Auftrag der geriatrischen Frau im Spiegel nur auf Rang 7 der beliebtesten Moderatoren im Land landet – noch knapp vor den gebührenfinanzierten Kollegen Pilawa, Lanz, Kerner und Silbereisen, aber doch meilenweit hinter den kommerziellen Jauch, Kerkeling, Raab auf den ersten drei Plätzen. Und wenn letzterer in der Vorwoche für seinen Satz im Kanzlerduell, „das ist doch keine Haltung, zu sagen: Ich will nur gestalten, wenn ich ‘King of Kotelett’ bin“, sogar noch für den renommierten Grimme-Preis nominiert wurde, dann zeigt sich: So nah waren sich die zwei Fronten im Grabenkrieg des Dualen Systems noch nie.

Trotzdem ist es natürlich nichts anderes als blanker Zynismus, was RTL ankündigt. Zunehmend erfolgreich müht sich der frühere Tittensender seit 30 Jahren testosterongeflutet, seinem Medium samt aller Zuschauer den Anspruch auszutreiben und durch wohlfeile Effekthascherei zu ersetzen, da wirbt er – hoppela – fürs Lesen. Lesen! Und das mit Sendergesichtern wie Frauke Ludowig, die neben der Mimik glamouröser Hollywoodstars wohl höchstens ihre Kontoauszüge liest. Diese Art der Zuckerbrot-und-Peitsche-PR erinnert folglich verteufelt an Russland, das erst mit Entzug aller Gaslieferungen drohte, sollte sich die Ukraine der EU annähern, um ihr den Brennstoff quasi zu schenken, sobald die Drohung gewirkt hat. Privatfernsehprinzip Putin.

Das ist übrigens der, der sich zurzeit die aberwitzigsten Winterspiele der Olympiageschichte in die Subtropen baut und dafür alles vergewaltigt, was den Vergabekriterien des IOC entspricht: Natur, Demokratie, Menschenrechte, Meinungsfreiheit. Und all dies wird von staatsbeauftragten Rundfunk zwar gelegentlich auf den Spartensendern oder zur Nacht thematisiert – aber natürlich nur mit gehörigem Sicherheitsabstand zum Topevent, dem lästige Misstöne bloß nicht die Biathlon-Quote versauen sollen.

TV-neuFrischwoche

27. Januar – 2. Februar

Denn nachdem es bis zur Eröffnungsfeier wie heute um 20.15 Uhr auf 3sat noch kritische Reportagen wie Sotschi – Glanz und Kehrseiten der Putinschen Olympia-Medaillen gegeben haben wird, stehen Programm 1 und 2 ab Freitag um vier 16 Tage lang ganz im Zeichen patriotischen Jubels. Nicht mal im Anschluss an die verlogene Auftaktveranstaltung traut sich das ZDF zum Gegensteuern. Stattdessen schickt es den nächsten Zombie in die Primetime: Der Staatsanwelt. Wenn 240 Stunden Live-Sause später dann die Zeit der Rückbesinnung und Retrospektive beginnt, dürfte es also kaum Nicht alles war schlecht heißen, um mal mit dem Titel vom 2. Teil der gar nicht so schlechtn Ostalgie-Dokumentation morgen im Zweiten zu sprechen. Eher wünscht man Verantwortliche öffentlich-rechtlicher Sportrechteverwertung zur Beobachtung in Die Anstalt, wo mit Max Uthoff und Claus von Wagner ab Dienstag zwei junge, frische, allürenfreie Kabarettisten die Leitung übernehmen.

Wer übrigens tags zuvor (also heute) Dieter Nuhrs Satire-Gipfel erduldet hat, wird keinen Zweifel mehr daran hegen, dass gediegene Komik schon längst nicht mehr vom früheren Scheibenwischer Kanal kommt, sondern wenn überhaupt, dann aus Mainz. Aber wenn’s schon mit dem politischen Humor und der zugehörigen Würde bergab geht, hat die ARD ja immer noch ihre politisch korrekte Fiktion. Den Mittwochsfilm etwa, diesmal Der Prediger, wo Lars Eidinger als verurteilter Mörder nach realen Motiven Geistlicher werden will, was Devid Striesow als bischöflicher Referent prüft. Das ist besser noch als der morgige Psychothriller Im Schatten mit Mišel Matičević (ZDFkultur), besser auch der Berliner Tatort am Sonntag drauf, besser gar als der iranische Oscar-Sieger Nader und Simin, am Mittwoch auf Arte, oder zwei Tage später die deutsch-französische Version der amerikansichen Kinderschwangerschaftskomödie Juno namens Am Himmel der Tag auf gleichem Kanal mit der ebenso versierten wie bezaubernden Aylin Tesel. Erstaunlich aber ist, dass er nur ein bisschen besser ist als heute Mein Mann, ein Mörder (ZDF). Dank Ulrich Noethen als untreuer Gatte ist das nämlich der erste Film, in dem einem Veronica Ferres als kämpfendes Muttertier nicht ausnahmslos nervt.

Das tut dafür ab Donnerstag wieder Heidi Klum beim Modelcasten mit Wolfang Joop. Oder Thomas Gottschalk im Klassentreffquiz Back to School mit Schulkameraden von Matthias Schweighöfer. Oder Ingo Lenßen als Gastgeber einer Justiztalkshow mit Publikumsurteil auf Sat1 Gold ab Mittwoch. Oder die Adaption von Johnny Depps Fantasyfilm Sleepy Hollow als Pro7-Serie ab Mittwoch. Oder die nächste Anwaltsstory namens Suits ab Freitag auf Vox. Bei so viel oder geht fast unter, dass Fernsehen auch an die Nerven gehen kann, ohne sie zu strapazieren, was ein Arte-Themenabend über deutsche Waffenexporte am Dienstag belegt. Der Tipp der Woche ist dafür diesmal total harmlos: der traumhaft schöne Disney-Film Bernhard und Bianca von 1977 auf dem zugehörigen Channel am Samstag.

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