Uthoff & von Wagner: ZDF-Anstaltsleiter

Das Äußere ist mir kabarettistisch egal

Nach dem Rückzug von Priol und Pelzig streicht Die Anstalt zwar Neues aus der… davor, macht aber dennoch eine Verjüngungskur durch: die zwei Kabarettisten Claus von Wagner und Max Uthoff sind allerdings nicht nur weniger alt als ihre Vorgänger, sondern viel hintergründiger – zumindest optisch. Das fand zum gestrigen Debüt gleich mal stolze drei Millionen Zuschauer und macht Lust auf mehr. Ein Vorabgespräch mit beiden über Anzüge, Vorbilder und die Grundlagen des Fernsehhumors.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr von Wagner, als Sie 2003 – verzeihen Sie die Wikipedia-Recherche…

Claus von Wagner: Ach was, mehr Recherchen brauchen wir auch nicht.

Als Sie also 2003 Ihre Magisterarbeit zum Thema „politisches Kabarett im deutschen Fernsehen“ abgegeben haben, ist Dieter Hildebrandt beim Scheibenwischer ausgestiegen. Gibt es da irgendeinen Zusammenhang?

Wagner: Ich erinnere mich an die Überschneidung. Aber letztlich war die Magisterarbeit nur der Versuch, im Rahmen eines eher nutzlosen Kommunikationsstudiums wenigstens mal lange Experteninterviews mit meinen großen Vorbildern Gerhard Polt, Georg Schramm, Volker Pispers und natürlich Hildebrandt zu führen. Dass der zugleich aufgehört hat, war aber reiner Zufall.

In welchem Zustand hat er Ihnen das Kabarett hinterlassen?

Wagner: Sendungen kamen, Sendungen gingen, der Scheibenwischer aber war immer da und plötzlich war er es nicht mehr, nicht wie zuvor. Das hat definitiv was verändert. Auf 3sat war Richard Rogler grad abgesetzt, es gab keine heute-Show, das ZDF war völlig blank; da wurde schon das Ende des Kabaretts im Fernsehen ausgerufen.

Max Uthoff: Aber es war ja auch zuvor schon öfter mal totgesagt worden. Da wurde nur ein weiterer Leichensack geöffnet.

Hat sich seither zum Besseren entwickelt?

Wagner: Als Historiker weiß ich, dass es Kabarett seit 100 Jahren gibt, und als Kabarettist, dass es mein ganzes Leben durchzieht. Ich stehe seit 1997 auf der Bühne, anfangs vor wenigen Zuschauer, später vor mehr; aus meiner Sicht hat Kabarett schon immer sein Publikum gefunden, was sich auch aufs Fernsehen übertragen hat, wo es mal mehr, mal weniger gute Sendungen gab, aber immer ein Angebot.

Uthoff: Dennoch muss man es als Glücksfall betrachten, dass mit Thomas Bellut damals einer ZDF-Programmchef war, der das Kabarett wieder für den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag entdeckt und Neues aus der Anstalt in den Sender gehievt hat. Seitdem geht es dem ZDF satirisch am Besten. Manchmal muss nur einer kommen und etwas Pionierarbeit leisten.

Wagner: Das sieht man auch an der heute-Show oder Pelzig hält sich.

Dessen Darsteller Frank Markus Barwasser Sie nun neben Urban Priol ablösen. Ist das ein Generationen- oder bloß ein Personalwechsel?

Wagner: Ach so viel älter sind die beiden auch nicht als ich mit meinen 36 und Max mit 46 Jahren; die Qualität des Wechsels am Alter festzumachen – ich weiß nicht.

Uthoff: Was unser Alter mit sich bringt, ist vielleicht, dass unsere Bühnenfiguren noch frisch, also nicht ausgereizt sind.

Wagner: Im Unterschied zu uns waren Schramm und Priol bei ihrem Einstieg schon ziemlich populär, fast auf dem Höhepunkt; wir müssen noch mit dem Format mitwachsen.

Bringen aber schon mal eine neue Sachlichkeit hinein, indem Sie nicht wie Ihre Vorgänger Hawaiihemd und Cordhut tragen, sondern Anzug und Krawatte.

Wagner: Das hat mehr mit persönlichem Geschmack als Inhalten zu tun: worin fühlt man sich am wohlsten?

Uthoff: Wer sich eine Bühnenfigur schafft, tut das nicht zwingend, um vom Inhalt abzulenken, sondern oft, um eine neue Ebene zu erlangen. Und Urban Priols Kunstfigur ist kein bisschen besessener als die Arbeitsweise dahinter. Der greift alles auf, was um ihn herum passiert. Und wenn ich einen Anzug trage ist das seinerseits auch bloß Mimikri, um eine größere Fallhöhe zu dem zu schaffen, was ich sage.

Wagner: Ich trage den Anzug nicht mal, ich drapiere ihn eher so, dass der Uthoff ihn ständig richten muss. Aber ob Sie’s glauben oder nicht: Das Äußere ist mir kabarettistisch egal.

Das kritische Publikum unterstellt jemandem in Maskerade gern, fehlende Substanz optisch aufzuwerten.

Uthoff: Formale Strenge muss nicht mit inhaltlicher konkurrieren. Georg Schramm hat dem Wort im heutigen Kabarett ungeachtet seiner drei Verkleidungen eine Sprachgewalt zurückgegeben hat, die es nicht bei vielen gibt.

Führen Sie die Anstalt im Sinne Ihrer Vorgänger fort oder wird es unter neuer Leitung erneuert?

Wagner: Die Anstalt war leer, darüber waren wir traurig und besetzen sie jetzt neu. Dieses „neu“ ist allerdings weniger inhaltlich gemeint, weil man nicht immer alles erneuern muss. Wir machen das, was uns antreibt, mit den aktuellen Themen, die uns interessieren: Stichwort Finanzen, Stichwort Wachstum. Im Kabarett wird der Begriff des Neuen immer eingeschränkt durch den des Aktuellen.

Uthoff: Kabarettisten schnitzen sich ja keine Missstände, sondern bewerten bestehende aus eigener Sicht heraus. Was wir da anders machen wollen, ist einzelnen Themen vielleicht mal ein paar Minuten mehr zu widmen, als zwingend alles abzuhandeln, was die Woche über in den Nachrichten von Belang war.

Weniger Tagesaktualität, mehr Sendungsschwerpunkt?

Wagner: Wir werden sicher nicht monothematisch. Aber wenn es genug Stoff gibt, kann es zu längeren Abhandlungen kommen.

Uthoff: Ich kann mir eine Rhein-Main-Donau-Kanal-Sendung wie beim Scheibenwischer gut vorstellen. Trotzdem sitzen wir vor jeder Ausgabe zunächst vor einem leeren Blatt und beginnen es zu füllen.

Sie beide sind juristisch ausgebildet, Max Uthoff gar bis hin zum 2. Staatsexamen. Verändert die Kenntnis des Rechts eine andere, vielleicht nüchterne Form des Humors?

Uthoff: Andersrum – man braucht eine Menge Humor, um das Recht zu studieren. Aber was ich im Studium gelernt habe ist Präzision, also eine gewisse Übung darin, Texte sehr genau zu lesen. Bei der Zeitungslektüre entdeckt man dann eher mal gewaltigen Schwachsinn, den andere für völlig normal halten. Andererseits hat Recht nicht mal allzu viel mit Gerechtigkeit zu tun; wie soll es da beim Verständnis von Politik helfen.

Wagner: Bei mir war es eher die Tatsache, dass mein Vater Jurist ist. Er hat stets so strukturiert und flüssig argumentiert, dass auch ich gelernt habe, Diskussionen schärfer zu führen und mich darin zu behaupten.

Uthoff: Im Recht wie im Kabarett geht es eben darum, seine eigene Sicht der Dinge so plausibel zu machen, dass die Zuhörer, also letztlich Richter, erst zuhören, dann zustimmen.

Wagner: Das Schöne in unserem Beruf ist allerdings, dass wir sowohl die Plädoyers halten als auch urteilen dürfen.

Uthoff: Sogar ohne die geringste Ahnung vom Thema zu haben.

Wenn Sie also beide auch noch aus juristisch geprägten Elternhäusern stammen – wer hat Ihnen denn dann den Humor mitgegeben?

Wagner: Ich bin spät zum Kabarett gekommen, so mit 12 Jahren [Uthoff lacht] und hatte mein endgültiges Coming-out um die 20. Mit dem Elternhaus hatte das weniger zu tun.

Uthoff: Bei mir eher mehr, das ist fast genetisch bedingt. Mein Vater hatte sein eigenes Kabarett, in dem ich groß geworden bin. Das schafft nicht automatisch einen Kabarettisten, aber einen respektlosen Umgang mit Macht und deren Protagonisten.

Wollten Sie als Kabarettisten die Gesellschaft verändern oder nur gut unterhalten?

Uthoff: Es sollte immer eine gesunde Mischung aus beiden sein, denn wer sich zu sehr aufs Verändern beschränkt wird niemanden gut unterhalten und umgekehrt.

Wagner: Auch auf die Gefahr hin, andere zu wiederholen: In guter Unterhaltung steckt eine Haltung. Die war mir und uns immer wichtig.

Uthoff: Und man muss sich vor der verbreiteten Einschätzung hüten, Kabarett könne nur in Diktaturen was bewirken wie beim großen Werner Finck, dem nichts anderes übrig blieb, als während der Nazizeit die Kunst der Andeutungen zu perfektionieren. Das ist gefährlicher Unfug, weil man dann, um gutes Kabarett zu wollen, dringend die NPD wählen müsste.

Wagner: Uns bleibt ja nichts anderes übrig, als uns mit der Zeit auseinanderzusetzen, die wir nun mal haben. Aber keine Sorge: auch, wenn man als Kabarettist keine Angst mehr um Leib und Leben haben muss, kann man mit den vorhandenen Missständen sehr gut arbeiten. Und die Anstalt bietet uns dafür eine gute Bühne.

Wenn man in Ihrem Alter…

Uthoff: Schon wieder…

Wenn man Mitte 40 und Mitte 30 bereits den Gipfel Deutschlands wichtigster Sendung für politisches Kabarett erreicht hat – was kann dann überhaupt noch kommen?

Wagner: Ich habe noch nie so gehandelt, dass ich dachte: was kommt als nächstes.

Uthoff: Um am Ende froh zu sein, wenn überhaupt einer kam und uns wollte.

Wagner: Also was kann noch kommen? Preise fürs Lebenswerk!

Uthoff: Ich mache das solange, bis ich den Friedensnobelpreis, die höchste kabarettistische Auszeichnung überhaupt. Dann höre ich sofort auf, versprochen!

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