Rodelmillionen & Klittergeschichte

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

11. – 17. Februar

Es ist immer erfrischend, wenn Anspruch, Sinn, Bedeutsamkeit vom Bildschirm Besitz ergreifen und Aufregung, Entertainment, Effekthascherei kurz mal in ihre Schranken weisen. Vorige Woche hätte es mal so weit sein können. Da dominierte der Verrat straffrechtlicher Geheimnisse über vermeintliche Vergehen des SPD-Abgeordneten Sebastian Edathy so anhaltend die Nachrichten, bis politisch Köpfe rollten. Zu dumm, dass es dabei um den Erwerb kinderpornografischer Bilder ging; da haben es Anspruch, Sinn, Bedeutsamkeit schwer, gegen Aufregung, Entertainment, Effekthascherei zu bestehen. Und so gibt es dieser Tage ein Paradebeispiel, wie unsere mediale Gegenwart funktioniert. Denn ob Edathy irgendetwas von dem getan hat, was ihm der Pöbel samt seiner Leitorgane besonders lautstark zur Last legt, ist eigentlich auch egal. Als öffentliche Person ist der Politiker tot. Mausetot. Denn vor dem faktischen Ableben beginnt heutzutage das mediale – da können sich seriöse Medien von Tagesschau bis Süddeutsche noch so um Ausgewogenheit bemühen.

Dabei war darunter sogar ein Medium, das frisch von den Toten auferstanden ist: Die Frankfurter Rundschau. Die einstmals größte deutsche Tageszeitung schrieb nämlich nach der zwischenzeitlichen Insolvenz erstmals wieder schwarze Zahlen. Gut – dieser „Erfolg“, beklagten hessische Gewerkschafter, basiere auch darauf, dass zwei Drittel der Redakteure untertariflich bei einer Leiharbeitsfirma angestellt sind. Aber so sieht sie eben aus, die schöne neue Medienwelt, in der Festanstellungen selten werden und das beruflich prekäre Nomadentum zur Regel.

Womit wir beim Tatort wären, der nach den Pensionierungsabgängen früherer Tage längst Ermittler verschleißt wie Nick Tschiller Platzpatronen. Nun also wird das ungewöhnlich langlebige Berliner Duo Ritter/Stark nach kaum 13 Jahren ausgetauscht. Gegen Meret Becker und Mark Waschke, die ab 2015 als „waschechte Berlinerin mit Herz und Verstand“ plus „Mann und zwei Söhnen im Wedding“ beziehungsweise „Single und ehemaliger Jurastudent aus Pankow“ ermitteln, wie die ARD mitteilte. Dass das eine Verjüngungskur sein dürfte, belegte der sterbenslangweilige Abschlussfall ihrer Vorgänger in spe am vorvorigen Sonntag. Umso mehr erstaunt dessen Quote auf Münster-Niveau. Was allerdings mit 9,99 Millionen nur ein paar Tausend Zuschauer weniger hatte als ein Rodelrennen in Sotschi.

Doch darüber wollen wir nun wirklich mal den Mantel des Schweigens hüllen und uns wichtigeren Dingen widmen, wenn es schon um Sport geht. Die Rückkehr von Monica Lierhaus zum Fernsehfußball zum Beispiel, der Sky einen Interviewformat zur anstehenden WM angeboten hat – was aus sportlicher wie menschlicher Sicht ja nun mal eine gute Nachricht ist

TV-neuFrischwoche

18. – 24. Februar

Eine bessere jedenfalls, als die Übertragung des Champions-League-Achtelfinals Arsenal gegen Bayern am Mittwoch, dessen Ausgang noch weniger überraschen dürfte als die neue Aufgabe für Christian Rach. Der Fernsehkoch ist nämlich ab Donnerstag als – richtig Fernsehkoch. Nur diesmal fürs ZDF, wo er unseren Ernährungsgewohnheiten auf den Grund geht. Staatsauftrag erfüllt, könnte man sagen, zumindest teilweise. Ebenso wie das Erste am Tag zuvor. Weiter als der Ozean ist die geruhsam erzählte Doppelgeschichte einer Psychologin (Rosalie Thomass) und eines Meeresbiologen (Robert Gwisdek), deren Schicksale sich auf überraschende Weise kreuzen. Ein Mittwochsfilm eben.

Diese Woche allerdings überzeugt ja sogar der Freitagsfilm an gleicher Stelle namens Immer wieder anders, wo Katharina Wackernagel und Barnaby Metschurat ein wirklich erfrischendes Beziehungsgeflecht verhandeln. Ja, selbst Sat1 liefert morgen gute statt seichte Unterhaltung, wenn Annette Frier unterm denkbar dämlichen Titel Achtung Arzt! als eben solche(r) im Karnevalsstress heilt. Und auch das Zweite legt parallel zum faden Bremer Tatort am Sonntag mit einem opulenten Stück biografischer Opulenz nach. Oliver Berbens Wagner-Clan hingegen weist mit Mama Iris, Heino Ferch, Lars Eidinger, solchen Kalibern zwar reichlich Topstars auf, lässt im präzisen Porträt der Komponistensippe nach dem Tod des Meisters indes eine entscheidende Phase außen vor: Den Nationalsozialismus. So bleibt ein Stück Geschichtsklitterung am Drama kleben.

Das passt zum vorgezogenen Tipp der Woche: Morgen zeigt der Bayrische Rundfunk nämlich die Dokumentation Im Schatten von Jud Süß über dessen umstrittenen Regisseur Veit Harlan, gefolgt von Oskar Roehlers Entstehungsdrama des faschistischen Propagandafilms schlechthin mit Moritz Bleibtreu als Joseph Goebbels (22.45 Uhr). Schade, dass so etwas nicht früher läuft, im ZDF etwa, am besten beides. Schade auch, dass dort mit Ripper Street zwar die nächste Adaption des Jack-the-Ripper-Stoffs aus England läuft, aber erst freitags um 23.45 (ab heute immerhin schon knappe zwei Stunden früher auf ZDFneo). Schade auch, dass sich Jay Leno heute von der Tonight Show auf NBC verabschiedet. Ersetzt wird der legendäre Whitehead nach 22 Jahren durch den weit jüngeren Jimmy Fallon. Und um an Ende nicht gar nichts von Arte empfohlen zu haben: Donnerstag startet dort der französische Achtteiler Rani um eine kämpferische Adlige aus dem 18. Jahrhundert. Das ist solide Historienunterhaltung, die nur einen besseren Untertitel als Herrscherin der Herzen verdient hätte. Ja sind wir denn bei RTL2?

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