Sabine Postel: Tatort & Traumschiff

Inga und ich

fast 60 Jahren hat sich Sabine Postel in aller Stille die Top Ten der meistermittelnden Tatort-Kommissare erklommen. Dank der Bodenständigkeit ihrer Filmfigur Inga Lürsen. Und der eigenen. Zu Brüder, ihrem 29. Fall im 16. Jahr als Kommissarin erklärt Postel, was sie mit ihrer wichtigsten Filmfigur zu tun hat – und was nicht.

Von Jan Freitag

freitagasmedien: Frau Postel, Sie wirken in Ihrer Rolle als Kommissarin Inga Lürsen meist ungemein geerdet, sachlich und nüchtern. Sind Sie selbst so norddeutsch wie Sie spielen?

Sabine Postel: Ja, absolut sogar. Ich bin ja auch gar nicht so weit von meinem Einsatzort geboren. Man bringt eben – nur so als Hausnummer – immer um die 50 Prozent eigener Persönlichkeit ein in die Rollen. Mit Inga Lürsen geht das soweit, dass unsere Überschneidungen bisweilen zur Deckungsgleichheit führen.

Und im Internet geht es so weit, diese Bodenständigkeit mit „ideale ewig patente Mama aus der Werbung“ zu umschreiben.

Um Gottes Willen!

Das geht zu weit?

Meilenweit! Das ist ja frech. Welcher Idiot hat das denn geschrieben?

Jemand, der ihre Integrität womöglich nur optisch griffig umschreiben wollte.

Aber Integrität ist doch eine positive Eigenschaft, kein Attribut einer Waschmitteltante aus der Gardinenreklame. „Ewig patent“ heißt ja wohl eher, nur vorzugeben, für alles eine Lösung zu haben, aber im Grunde nur bemüht zu sein, die Hindernisse des Lebens ohne Ecken und Kanten, ohne Schwachstellen und Restmüll zu umschiffen. Aber das tue ich weder im Privatleben noch in der Tatort-Rolle. Insofern ärgert mich diese Umschreibung maßlos. Inga und ich sind beide gern mal ruppig, machen Fehler, verstoßen gelegentlich auch mal gegen Vorschriften, sind dabei aber eigentlich völlig uneitel, was nun wirklich nichts mit dem Klischee der weiblichen Werbehausfrau gemein hat, die vor allem Fassade ist und schafft.

Uneitle Schauspielerin klingt allerdings auch nach einer PR-Strategie in eigener Sache.

Na ja, ganz uneitel wäre auch gelogen. Ich glaube niemandem der behauptet, es interessiere ihn nicht, wie er beim Blick in den Spiegel morgens aussieht. Aber privat halte ich es dennoch ungeschminkt, mit Jeans und T-Shirt.

Sind Sie denn eitel genug für Minderwertigkeitskomplexe?

Minderwertigkeitskomplexe haben auch was mit Selbstkritik zu tun. Und einen Mangel daran kann ich mir eigentlich nicht vorwerfen. Warum fragen Sie?

Weil Sie längst in den ewigen Top Ten der langlebigsten Tatort-Kommissare sind. Stört es Sie da, dass selbst dienstjüngere Kollegen häufig mehr im Rampenlicht stehen, während Inga Lürsen so ein wenig am Rande der Popularität dümpelt?

Wir sind halt gut, aber bescheiden. Das stört mich überhaupt nicht, da bin ich völlig neidlos. Aber Marketing hat ja nicht unbedingt mit Qualität zu tun; außerdem haben wir im Vorjahr nur einen Tatort gesendet, während etwa der WDR vier aus Köln gezeigt hat. Da ist es kein Wunder, dass Schenk und Ballauf stärker im Publikumsgedächtnis haften bleiben. Und die neuen Kommissare haben den Vorteil, dass sehr viel mehr Wirbel um ihren Einstieg veranstaltet wird wie bei dem aus Hamburg. Bei uns gab’s das kaum. Ich war eben die Neue aus Bremen und fertig. Man schlich sich so rein, thematisiert wurde höchstens mein Geschlecht, da ich damals erst die zweite weibliche Ermittlerin war.

Gibt es einen Konkurrenzkampf unter den Tatort-Kommissaren, wer populärer ist, wer mehr Auftritte hat, wer den besseren Ermittlungsort kriegt?

Das Gefühl habe ich nicht – weder unter den Darstellern noch den Redaktionen. Letztere könnten sich meiner Meinung nach aber schon mal mehr koordinieren, um etwa Themendoppelungen zu vermeiden. Es gab zum Beispiel drei Ehrenmordfälle in kürzester Zeit, die auch noch allesamt von Frauen aufgeklärt wurden – Ulrike Folkerts, Maria Furtwängler und ich. Da sollte man vielleicht besser miteinander reden. Aber von Konkurrenzkampf kann auch deshalb keine Rede sein, weil wir alle meistens gute Quoten haben. Ich hatte neulich achteinhalb Millionen…

Die Münsteraner – Jan Josef Liefers, Axel Prahl – haben mehr.

Es ist ihnen zu gönnen, sie verfügen auch über ein geniales Konzept mit ihrem humoristischen Ansatz. Das geht mehr in Richtung Entertainment, fast ein anderes Format als unseres. Die schweren Stoffe, die wir haben sind natürlich sperriger, damit weniger familienfreundlich also nicht jedermanns Sache. Wobei ich genau für diese Schwere kämpfe, denn der „Tatort“ ist in der komfortablen Position, ein massentaugliches Forum für Themen zu bieten, mit dem sich viele Zuschauer ansonsten nicht belasten wollen. Unsere Fälle drehten sich z.B. um Satanisten oder einen Mord auf hoher See, die beide einen realen Hintergrund hatten. Und mit Fällen vor sozialkritischem Hintergrund muss man sich mehr Mühe geben als bei den völlig fiktiven Familienfehden. Deswegen mögen Inga Lürsen und Oliver Mommsen als Kommissar Stedefreund zwar charakterlich unspektakulär daherkommen, inhaltlich haben sie konsequent brisante Stoffe zu behandeln.

Erwartet man vom Bremer Tatort diese sachliche Nüchternheit, weil es dem Klischee des Norddeutschen mehr entspricht als dem Metropolitischen Berlins, dem Münchner Glamour oder der sozialdemokratischen Aura an Rhein und Ruhr?

Das zu beurteilen wäre eher Aufgabe von Meinungsforschern. Insgesamt sind die Morde im privaten Umfeld bei anderen Tatorten eindeutig in der Mehrzahl. Aber wenn politische Brisanz mittlerweile von uns erwartet wird, hätten wir es ja immerhin geschafft, eine Marke zu werden mit bestimmten Attributen.

Muss das nicht jeder Tatort – sich als Marke etablieren?

Unbedingt sogar. Abgesehen von den großen historischen Mehrteilern der jüngeren Vergangenheit gibt es als durchgehendes Format ja nur Lovestorys und den Krimi, da ist es zwingend erforderlich, dass sich jede Serie mit ihren jeweiligen Ermittlern Alleinstellungsmerkmale verschafft, Unterscheidungskriterien, Wiedererkennbarkeit.

Und was unterscheidet Bremen vom Rest?

Schwer zu sagen, wir spielen ja alle in der ersten Liga.

Aber da gibt es ja auch Meister und Absteiger.

Vielleicht ist es das Authentische, eine Art Sturmstärke, diese norddeutsche Gradlinigkeit, das Unauffällige und dabei doch Bemerkenswerte, wie die Süddeutsche uns mal gelobt hat, weder spekulativ noch spektakulär. Es gibt Leute, bei denen merkt man sofort, ob sie authentisch, sie selbst sind, oder sich nur so geben. Wenn ich auf meine Rolle angesprochen werde, hebt man in der Regel besonders das Realistische hervor, das Normale. Und normal empfinde ich hier als Kompliment.

Sonst nicht?

Sie etwa?

Eher nicht. Mit der Norm ist es nun mal schwerer aus der Masse hervorzustechen.

Sehen Sie. Die Quotenzählerei ist zwar eigentlich doof und hängt von vielen Faktoren ab, wie dem Wetterbericht, was die Konkurrenz macht, wo gerade Schulferien sind oder Fußball gespielt wird, aber letztlich entscheidet das über den gehobenen oder den gesenkten Daumen für das ganze Projekt. Bei uns geht er meistens nach oben und wenn das mit dem zu tun hat, was sich als Normalität beschreiben lässt – warum nicht?

Ist es denkbar, dass diese Normalität in Zeiten der Krise, wo alles drunter und drüber geht und Billionensummen verzockt werden, an Popularität zunimmt – so wie das Geld unterm Kopfkissen?

Fernsehen funktioniert eigentlich eher andersherum. Natürlich könnte man denken, mit Bodenständigkeit kommen wir jetzt insbesondere bei denen gut an, die sich an der Börse verzockt haben oder darunter leiden, dass es andere getan haben. Aber gerade in der Krise hat sich immer wieder gezeigt, dass die Leute von der Realität im Fiktiven weniger wissen wollen. So gesehen sollte eigentlich der Gärtner als Mörder Konjunktur haben wie bei Inspector Barneby aus der englischen Provinz, dessen Fälle von Leichen gepflastert sind, die aber alle zwischen hübschen Blumenrabatten liegen, über denen die Bienen summen. Der Drang zurück zu Entertainment und Märchen ist für uns also eher Gefahr als Chance, gerade bei älteren Zuschauern. Man will sich nicht noch mehr belasten, als es der Alltag ohnehin schon tut.

Aber wächst mit dem Zusammenbruch tradierter Wertesysteme nicht auch der Bedarf nach Verlässlichkeit wie sie die Normalität scheinbar bietet?

Was das Personal im Tatort betrifft, vielleicht. Was die Inhalte betrifft, eher weniger. Vielleicht eignet sich der Begriff Kontinuität da besser. Ich hoffe so oder so, dass wir unsere brisanten Stoffe mit starkem Realitätsbezug noch lange durchsetzen können. Wenn mir auf der Straße jemand sagt, ich sei privat ja so normal wie im Fernsehen, hat mich das früher geärgert; mittlerweile weiß ich das aber zu schätzen, weil der Schwierigkeitsgrad mit fremden Texten Authentizität zu erzeugen, die normal wirkt, natürlich höher ist, als mit blumigen Worten Märchen zu erzählen.

Ist Normalität härtere Arbeit als Exzentrik?

Absolut.

Auch als Leichtigkeit.

Ja.

Sie spielen durchaus beides.

Na ja, wir haben alle diesen Beruf ergriffen, um nicht immer das Gleiche zu tun. Nichts ist schließlich langweiliger als die Wiederholung. Vor einigen Jahren hab ich auch Traumschiff gedreht.

Das ist wie Urlaub, hört man oft von den Darstellern.

Nicht wirklich, aber die Reisen sind natürlich toll. Und auch hier wird man mit hochkarätigen Kollegen konfrontiert, die alle mal Lust auf diese Art zu arbeiten haben. Das geht hin bis zum großartigen Harald Schmidt. Ich hatte Heinz Hönig als Filmmann. Das war gottvoll!

Harald Schmidt hat es wenigstens mal zugegeben, dass er die Rolle vor allem wegen des Geldes und der kostenlosen Kreuzfahrt gespielt hat.

Endlich mal einer, genau. Aber trotzdem muss man auch bei solchen Drehs natürlich arbeiten und liegt nicht nur faul in der Sonne.

Und dann kehrt man zurück nach Norddeutschland, ins kühle Bremer Umland und dreht Krimis mit realitätsnaher Schwere. Warum ist der Norden so überrepräsentiert als Tatort-Drehort.

Lassen Sie uns mal rechnen: einmal Hannover, einmal Kiel, zweimal Hamburg und wir – sind das mehr als im Westen oder Süden?

Im Verhältnis zur Einwohnerzahl allemal.

Mag sein, aber die nördlichen Tatorte sind alle viel zu verschieden, um Rückschlüsse auf unsere Standorte zuzulassen.

Versuchen Sie’s doch trotzdem.

Vielleicht sind die Menschen in ihrer Nüchternheit krimitauglicher. Aber nehmen Sie mal den Hamburger: Das ist doch eher 24 als Tatort, also im Grunde ein anderes Genre als unseres und tut, was dieses Format immer getan hat: Marken setzen, dramaturgisch wie filmtechnisch.

Gab’s bei Ihnen auch schon mal einen Splitscreen oder Zappelschnitte zu Techno?

Nee, noch nicht. Das würde vielleicht auch ein bisschen aufgesetzt wirken. Wenn ich nun ständig über Brücken springe und dazu stampft die Musik im Hintergrund, machen wir uns doch lächerlich. Das würde echt nicht passen.

Wie wäre es mit der, dass Sie den vielen beziehungsunfähigen Kollegen anderer „Tatorte“ mal entgegen wirken und einen Mann finden?

Das fordere ich doch seit langem! Warum müssen alle meine Kollegen frustrierte Singles sein? Gut, für Liebesgeschichten gibt es genügend andere Genres als den Krimi, aber jetzt muss mal Schluss sein, dass sich Inga Lürsen immer nur allein am Rotweinglas festhält. Deshalb krieg ich demnächst mal wieder einen Lover.

Herzlichen Glückwunsch.

Danke.

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.