Iris Berben: Diva, Mutter, Superstar

Jenseits der Optik

Iris Berben ist ein Phänomen. Sie altert nicht sichtbar, umschifft Durchschnittsfilme, ist nicht nur als Schauspielerin wahrnehmbar und  macht sogar Simmelverfilmungen sehenswert. Jetzt spielt sie im ZDF-Melodram Der Wagner-Clan (Sonntag, 20.15 Uhr) die Gattin des Großkomponisten. Porträt einer Diva, die keine ist.

Von Jan Freitag

Wie sie so vor einem sitzt, im barocken Mobiliar eines Hamburger Luxushotels: Strahlend, strahlend schön vor allem, die Beine übereinander geschlagen wie vom Glamourmagazin drapiert, die Schuhe daran so halsbrecherisch, als bräuchte man fürs unfallfreie Tragen artistisches Basiswissen, das Haar schwarz wie frisch vom Färben, die Mimik etwas angespannt und zweifellos in intensiver dermatologisch-kosmetischer Behandlung, aber nie maskenhaft – diese Frau soll über 60 sein? 60 Jahre? 60 Jahre alt?

Iris Berben lächelt, als sie sich ihre Zeit auf Erden kurz vor Augen hält, aber sie lächelt nicht zwanghaft, es ist kein PR-Lächeln, Magazincover-Lächeln, Showbühnen-Lächeln. Eher so eines der Art, sehr genau zu wissen, was sich bei der Promotionsarbeit für einen Film eben geziemt, ohne die seltsame Etikette des globalen Filmmarketings überzubewerten. Es ist kein Schalter-Lächeln. Und so kann diese Schauspielerin, deren alterslose Attraktivität für permanentes Raunen in der Klatschpresse sorgt, auch sehr schnell mal aufhören zu lächeln.

Ob sie eine Diva sei? Wie abgeglitten von glattem Fels rutschen ihre Mundwinkel da abwärts. „Ich tauge nicht zur Diva“, antwortet sie ernst, zeigt sodann leicht gönnerhaftes Verständnis für eine Viertelmillion Google-Treffer ihres Namens in Kombination mit dem mythischen Siegel der weiblichen Filmbranche und erklärt gleich mal, warum das trotzdem alles Blödsinn sei, dieses Diva-Gefasel, dem sie so oft ausgesetzt sei. „Die Verschmelzung des Privaten mit dem Beruf, ein ganzes Leben in allen Facetten für den Film, der ihr Selbstwertgefühl vollends bestimmt“, so fasst sie die Funktionsweise divenhafter Persönlichkeiten zusammen. „Für Beziehung, Kinder, Freunde ist da kaum Platz.“

Was also soll das mit Iris Berben zu tun haben, die bei aller beruflichen Belastung ihren Lebtag Zeit für Beziehung, Kinder, Freunde und sogar Nebenbeschäftigungen hatte, für politisches Engagement also, soziales Engagement, gegen Rassismus, pro Israel, zur Wiederwahl der SPD? „Nichts!“ Erwidert sie selbst, und dann lächelt die Berben wieder ihr Berben-Lächeln und es ist ein strahlend schönes, mildes, beinahe weises, ein Antidivenlächeln: „Aber was ist privat, was ist beruflich?“

Ja, was ist privat, was beruflich, in ihrem Metier, dieser Glasmanage im Erregungszirkus Filmbranche? Privat wird beruflich und umgekehrt, könnte man ihr entgegnen, wenn Iris Berben, sagen wir: in einer Verfilmung von Johannes Mario Simmel mitwirkt. Das hat sie unlängst getan, ausgerechnet die ewig junge Alt-68erin half also den Großinquisitor bürgerlicher Moral verfilmen. Weil der Mario, wie sie ihn zärtlich nennt, gar nicht so war. Weil er ihr Freund gewesen sei, den sie spät, dann aber richtig kennenlernen durfte. Weil sie sein Interesse für echten Liberalismus, die deutsche Versöhnung mit den Juden, Freiheit selbst normfernster Meinungen, fürs Große Ganze geteilt habe. Da könne man den Chefliteraten des abflauenden Wirtschaftswunders ruhig mal ins Fernsehen bringen.

Und dass Iris Berben daran beteiligt war, ist dabei weit weniger bemerkenswert, als die Tatsache, dass sie es ist, die einen guten Film daraus gemacht hat. Das ZDF will eine ganze Reihe von Simmel-Schinken adaptieren. Es sind schwere Literaturvorlagen, nicht unbedingt dramaturgisch, eher physikalisch: Dicke Wälzer, die in Ludwig Erhards „formierter Gesellschaft“ wohl in jedem zweiten Haushalt die Statik der Bücherregale herausforderten. Die erste Verfilmung war ein Desaster, „Und Jimmy ging zum Regenbogen“, betuliches Problem-TV mit Heino Ferchs einzigem Gesichtsausdruck, irgendwo zwischen maskulin und melancholisch. Iris Berben dagegen hat die baugleich manirierte Handlung von Niemand ist eine Insel mit der gleichen Lebendigkeit gefüllt, wie am Sonntag die Rolle der Großkomponistengattin Cosima im ziemlich berechenbaren Kostümmelodram Der Wagner-Clan.

So wie sie nun überhaupt manch eventtauglichen Filmstoff belebt. Im öffentlich-rechtlichen Kosmos macht sie das zu einer Art Defibrillator, der das ergraute Stammpublikum mit Intensität und Güte aus ihrem herbeigepilcherten Wachkoma reißt. Ausgerechnet die Gastwirtstochter aus Detmold, die mit heutzutage sonderbar verklärter Brachialcomedy von Zwei himmlische Töchter bis Sketchup einst zu ulkiger Popularität gelangte, darf mittlerweile Betsy Buddenbrook und Bertha Krupp, Kolonialherrinnen und Exterroristinnen, ansehnliche Serienkommissarinnen und menopausengeplagte Hausfrauen, auf der großen Leinwand oder am kleinen Bildschirm spielen.

Das macht die Quereinsteigerin ohne Schauspielausbildung mehr als 40 Jahre nach ihrem Kameradebüt spürbar stolz und der Stolz wird noch spürbarer, wenn Iris Berben schildert, wie ihr Talent dafür erst die Hürde der Optik überspringen musste. „Ich werde heute in einem sehr charakterlichen Fach wahrgenommen, in dem man sich über Äußerlichkeiten weit weniger Gedanken machen muss“, schwindelt sie ein bisschen, denn die meisten Regisseure besetzen da ja doch noch eine ziemlich gut aussehende Frau mit der beneidenswerten Eigenschaft, kein Gramm zuzunehmen. Doch statt Filme, die sich nur eine glitzernde Fassade an die Bühnenkante holen, und da endet die Schwindelei, „mache ich erwachsene Filme, die sich parallel zur Entwicklung des eigenen Alters und dessen Gefühlslage, Erkenntnisse, Erfahrungen und Verluste abspielen“.

Reale Figuren, thematisch vielleicht auch deshalb so dicht an der eigenen Lebenswelt, weil sie zusehends vom eigenen Sohn Oliver produziert werden, jedenfalls „eins-zu-eins besetzt in vertrauenswürdigen Rollen“, wie sie es nennt, also im Wesentlichen in einer Lebensphase, wo man, wie zuletzt geschehen, schon mal den Bayerischen Filmpreis fürs Lebenswerk entgegennehmen kann, ohne sich dafür auch ein bisschen schämen zu müssen. Warum, das sieht, wer ihr mal live gegenübersitzt. Altern sieht anders aus.

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