Katastrophenfilme: Pomp & Pompeji

pompejiKatastrophale Filme

Wenn der Vesuv ab heute mal wieder Pompeji im Kino einäschert, zeigt sich wie so oft die Anziehungskraft des Untergangs aufs Publikum. Eine kleine Werkschau des Katastrophenfilms und was das über uns als Zuschauer aussagt

Von Jan Freitag

Und dann explodiert er doch. Es hat sich ja bereits eine Weile angekündigt, wie es sich eben immer eine Weile ankündigt, in diesem Genre: Ein einsamer Wanderer versinkt in aufgerissener Erde. Die Natur ringsum macht zusehends seltsame Geräusche. Überall qualmt, brodelt, zischt es. Und irgendwann, unvermeidlich wie der Kuss des Helden, beginnt im Glas der Wein zu zittern. Beim gängigen Katastrophenfilm heißt das: Jetzt geht’s los. Der Untergang nämlich. Diesmal mit der Mutter aller Katastrophenfilmopfer im Würgegriff der Mutter aller Katastrophenfilmtäter: Vesuv, Pompeji, mal wieder.

Schon in der Ursuppe laufender Bilder finden sich schließlich viele vom Vulkanausbruch anno 79. Allein bis Anfang der Sechziger wurde die sündhafte Stadt knapp ein Dutzend Mal fiktional dem Erdboden gleich gemacht. Heute kommt also die nächste Version ins Kino, zeitgemäß in 3D versteht sich, mit Kit Harington (Game of Thrones) als heroischer Sklave im Kampf um den schönen Klassenfeind (Emily Browning) und ihrer aller Überleben im Feuerhagel. Umgeben von Profitgier, Habsucht, Eitelkeiten spielt das handelsübliche Liebespaar sein gewohntes Spiel desaströser Dramaturgie und erneut zeigt sich: Es gibt viele Wege nach Armageddon, aber alle sind ähnlich beschildert.

Denn ob die Natur zuschlägt oder irgendeine Nemesis, ob sie einzelne Gruppen straft oder die ganze Spezies – meist läuft es doch so: Einsamer Mahner stemmt sich gegen die Ignoranz der Masse und rettet im Team mit blitzgescheitem Unterwäschemodel und noch klügerem Nerd erst seine Familie, dann den Rest der Stadt/Nation/Erde vor dem, was unsere Art zu konsumieren, siedeln, zu leben für Risiken mit sich bringt. Gut – in Pompeji fehlt vieles von dem, was zeitgenössische Disaster Movies mit sich bringen und am Ende sind alle tot. Doch auch hier geht es um Schicksal, Hybris und vor allem: um Angst.

Die ist ja nicht nur ein Gefühl, sondern eine Geschäftsidee, mit der sich seit jeher gut verkaufen lässt: Heilslehren, Sagrotan, Sicherheit, Psychopharmaka, Faltencremes – und Filme. Der moderne Medienmensch hasst Gefahr so sehr, dass er den Thrill liebt, sich davor risikofrei zu fürchten. Besonders am Bildschirm zeigt sich dabei: Die Angst hat Konjunkturen. Apokalypsenfilme, schreibt das Lexikon der Filmbegriffe, sind „Seismographen ihrer Zeit“, thematisieren also „politische, kulturelle und moralisch-ethische Problemkonstellationen“ der aktuellen Nachrichtenlage. Die aufkeimende Fortschrittsskepsis der Siebzigerjahre sorgte so für einen ersten Boom des filmischen Zusammenbruchs. Mit Hollywoodbombast wie Erdbeben oder dem Fernsehspiel Smog von Wolfgang Petersen. Die waffenstarrenden Achtziger ergänzten das Sujet um Atomkrieg (Day After), die globalisierten Neunziger um grenzenlose Erreger (etwa beim RTL-Comeback der Pest), die umweltbewegten Neunziger ums Klima (Day After Tomorrow). Stets geht es um den Fortbestand des Ganzen, symbolisiert durch Einzelschicksale auf begrenztem Raum. Zunächst meist im Kino, nach dem 11. September, als die Krise vom Ernstfall zur Regel wurde, zusehends am Bildschirm.

Das Prinzip Paranoia wirkt. Besonders, wenn die Auslöser unsichtbar waren wie Keime auf der Klobrille oder islamistische Schläfer im Flieger. Als sich Anfang des Jahrhunderts Fälle von Meningitis häuften, schickte Sat.1 seine Task-Force D.I.K. los. Als die Vogelgrippe wütete, drehte Pro7 seinen Epidemiethriller Faktor 8, als sie zur Pandemie geriet, infizierte das TV-Drama Pandemic die Bildschirme mit dem Influenzaerreger H3N7. Als SARS Lungen entzündete, reagierte das ZDF mit der Mobilen Einsatzgruppe Tropenmedizin. Ein Versuch, wie der damalige Unterhaltungschef Claus Beling sagte, „Wirklichkeit, die uns schneller einholt, als uns lieb ist, ins Vorabendprogramm zu holen“.

Noch mehr versucht es jedoch Sat1. Erst machte der Sender den europaweiten Blackout 2006 zu Der große Stromausfall, wo fiese Generatoren arglose Elektriker im grollenden Funkenregen verspeisen. Fünf Jahre später führte die Laufzeitdebatte zum AKW-Drama Restrisiko mit einer Schaltzentrale im Stile feindlicher Raumschiffe. Und dass beim Schwesterkanal Pro7 2009 ein Passagierflieger auf Berlin rast, hat seinen Ursprung in Flug 587, der Jahre zuvor auf New York gestürzt war. Dichtung oder Wahrheit – Angst ist ein guter Programmdirektor.

Das belegt jedes noch so weit entfernte Zugunglück, das es in die Tagesschau schafft. Das belegt vor allem die Exportquote. Eigenproduktionen von Tornado – Der Zorn des Himmels bis Inferno – Flammen über Berlin verkauften sich im Ausland so gut, dass der TV-Kritiker Christian Buß 2007 das „neue deutsche normierte Industrieprodukt namens Katastrophenfilm“ beschrieb. Seither geben besonders die Privatsender Gas. Vor drei Jahren inszenierte Sat1 den porös geförderten Ruhrpott zum Abgrund, während RTL die Eifel für neun Millionen Euro unterm explodierenden Vulkan begrub und am Einheitstag drauf gar ein Schwarzes Loch unterm Teilchenbeschleuniger CERN kreierte, das Deutschland nach allen Regeln der Katastrophenfilmkunst von unten aufzufressen drohte. Hätte es da nicht eine Handvoll attraktiver Helden gegeben, die dem knisternden Supergau ein Ende bereiteten. Stets vorn dabei: digitale Effekte von VFX bis CGI, stereotyp vermittelt durch die schöne Wissenschaftlerin plus schicker Held vs. gieriger Unternehmer, den der deutsche Koproduzent 2014 in Gestalt eines skrupellosen Gladiatorenzirkus-Betreibers sogar auf Pompeji ansetzt.

Mehr Text, Bilder, Kommentare auf http://www.zeit.de/kultur/film/2014-02/pompeii-katastrophenfilme

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