Debattenfriday: Beck – Popstar oder Prediger?

Der Flokati-Verführer

Das neue, mittlerweile 12. Album von Beck ist musikalisch eher langweilig, wirft aber die Frage auf, ob eine Mitgliedschaft bei einer Sekte wie Scientology Auswirkungen auf Sound und Botschaft seiner Songs hat. Die Antwort: Leider nein, sonst gäbe es auf Morning Phase wenigstens irgendetwas, das zum Nachdenken anregt.

Von Jan Freitag

Was Worte sagen, ist vorurteilsfrei betrachtet nicht viel mehr, als die Summe ihrer Einzelteile. Buchstabensalat mit oberflächlichem Sinndressing. Nehmen wir „Fühlen“ – was da alles drinsteckt! Die ergreifende Herzensangelegenheit etwa oder doch bloß sensorische Sinneswahrnehmung. Als Emotion kann Fühlen den Lebenswillen rauben, als Empfindung auf der Haut verpuffen. Weil zwischen Euphorie und Juckreiz alles drin ist, kommt es da umso mehr auf den Kontext an. Das sollte man sich kurz vor Ohren halten, bevor der scheinbar arglos dahin gehauchte Imperativ „See only what you feel“ hindurchrauscht wie ein Hitparadenrefrain der Marke Sommerhit 2014.

„Sieh einzig, was du fühlst“ – von einer aufgebrezelten Vortänzerin des globalen Pop gesungen, wäre so ein Satz ja bestenfalls Begleitung seifigen Chartgedudels. Aber was, falls es einer singt wie Beck? Jener kindchenschemasüße Kalifornier mit Nachnamen Hansen; ein Singer/Songwriter, der Folkpop und Hip-Hop vor 20 Jahren zum Schnodderigsten kompilierte, was der Independent bis heute zu bieten hat?

Dann haben wir ein Problem.

Wenn jener Beck irgendwem auf dem neuen Album Morning Phase in seiner tiefenentspannten Art aufträgt, ausschließlich das zu sehen, was man fühlt, hören kritische Gemüter dahinter nämlich L. Ron Hubbard sprechen: Apostel, Gott, Prophet der Scientology-Sekte in Personalunion. Vor knapp zehn Jahren wurde ruchbar, dass Beck nach seiner Hochzeit mit einer Schauspielerin namens Marissa Ribisi (Some Girl) Hubbards dubioser Kirche beigetreten sei. Und so was Grundlegendes ist in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vom künstlerischen Werk zu trennen. Juliette Lewis, John Travolta, Kirstie Alley, ja sogar (stellvertretend für dessen Synchronstimme Nancy Cartwright) Bart Simpson und natürlich Scientologies strahlendster PR-Stern Tom Cruise – sie alle gelten ja nicht nur als Mitglieder einer inkriminierten Religionsgemeinschaft, sondern ihr kreatives Schaffen gleich mit. Noch jeder Travolta-Film erntet Boykottaufrufe, um Scientology nicht zu finanzieren. Und wann immer Cruise auf der Leinwand auftaucht, fürchten viele die Indoktrination der Zuschauer. Davor ist auch Beck nicht gefeit; da kann er seit seinem spirituellen Outing noch so oft „it’s a personal thing“ beteuern

Das ist es so wenig, wie die Existenz Prominenter generell als Privatsache aufgefasst wird. Im Selbstverständnis bunter Medien und ihres Publikums sind Stars nicht nur öffentliche Personen, sie sind Gemeineigentum. Jedes Wort, jede Tat, jeder noch so intime Habitus gerät in die Deutungsmaschinerie des Boulevards. Und wenn ein Beck im Spiegel-Interview „Antennen“ an sich verortet, mit denen er „Schwingungen der Luft“ aufnehme, mutiert das knuddeligste Lausejungengesicht zur Fassade. Zumal ein Künstlerkind aus dem liberalen Los Angeles, aufgewachsen im Umfeld von Andy Warhols Factory, garantiert zu klug ist, um verführt zu werden. Im Umkehrschluss hieße das: Beck – der Verführer. Durch seine Texte, die Musik, ihr PR-Potenzial. Das neue Album heißt Morning Phase? Damit kann folglich nur der erwachende Morgen scientologischer Weltherrschaft gemeint sein. Morgen? Morgenland? Islam? Islamismus? Klingelt’s?

Es klingelt. Aber vor allem im Verstand. Dass jemand, der einer Sekte angehört, von ihr vollends durchdrungen ist,  nicht in der Lage, sich unabhängig davon zu artikulieren, folgt ja einer doppelten Unterstellung. Allerdings wirft sie die berechtigte Frage auf, wie viel Einfluss Herkunft, Sichtweise, Umfeld und Wesen eines Künstlers grundlegend auf dessen Kunst haben. Am Westküstenidiom von Boy verweist kein Akzent auf die Deutschsprachigkeit des Duos und acht von zehn Amerikanern halten die Scorpions für Landsleute. Es gibt schwarzen Country, weißen Gangsterrap, tuntigen Straightpop, kernigen für Schwule, es gibt die alterslosen Madonna oder Birdie und selbst wenn Texte offenbar eine Richtung vorgeben, sagt das noch nichts über die Musiker aus. Oder hält jemand AC/DC wegen höllischer Wortspiele für Satanisten? Kurzum: Was übers Klangerlebnis hinaus nicht explizit als Meinungsäußerung deklariert wird wie im Agitprop der Art von Rage Against The Machine oder Patriotenstuss der Marke FreiWild, ist zunächst mal nur: Musik.

Und weil Beck nun mal „Musiker, kein Prediger ist“, wie er unablässig insistiert, sollte man auch die seine abseits aller Religiosität analysieren. Allein: Zum Vorteil gereicht ihr das nicht. Denn dieser ewige Slacker, der dem Pop mit Songs wie Loser und Platten wie Odelay eine ungehörte Lässigkeit verpasste, hat mit 43 den Turnaround ins Alter vollzogen und klingt nun, wie gereifte Rebellen oft klingen: bemüht. Hatte er sich nach dem Erstlingswerk Mellow Gold bis zum vorletzten Album Modern Guilt eine nonchalante Aufsässigkeit gegen alle Popmechanik bewahrt, klingt Morning Phase, als träfe Eddy Vedder Cat Stevens auf der Altersheimveranda zum Besingen besserer Tage.

Nicht dass alles schlecht wäre; es sind schöne Lieder, die Beck da vorträgt. Lieder, die erneut von Liebe, Freundschaft, Abschied und Leuten in seltsamen Situationen handeln. Doch keines davon reibt sich daran klanglich. Schon im Opener Morning webt Beck einen Flokati aus Geige, Orgeltupfen, Mundharmonika unter seine Neofolkprosa, die sich den ironischen Tonfall von einst so sehr verkneift, bis John Denver durchschimmert und schlimmer noch: jener Späthippie, den Beck auch optisch längst verkörpert. Nach elf Studioalben des verzögerten Erwachsenwerdens liefert sein 12. keinen Soundtrack mehr für Zyniker, die sich ihr richtiges Leben im Falschen nicht durch Moral vermiesen ließen. Es ist Einschlafmusik für Zivilisationsgestresste. Mehr steckt nicht dahinter, nicht mal die kleinste Scientologyreklame. Als Fan bedeutsamer Musik muss man fast sagen: Leider.

Mehr Text, Bilder, Sound und Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2014-02/beck-hansen-morning-phase

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