Reisereportage: Ras Al-Khaimah, VAE

Banyan Tree Al WadiAm Rande des Wahnsinns

Das Emirat Ras Al Khaimah liegt nur wenige Kilometer nördlich von Dubai und doch Lichtjahre entfernt vom glasstählernen Aberwitz der Millionenmetropole. Noch. Denn die beschauliche Landspitze im persischen Golf eifert dem durchgedrehten Nachbarn bereits bereits so eifrig nach, dass sie rasch noch mal besuchen sollte, wer arabische Wüstenaura ohne Zwang zum Luxus erleben will.

Von Jan Freitag

Adel staunt. „Sie sehen sich unsere Stadt an?“, fragt der gottesfürchtige Muslim kurz vorm Freitagsgebet so ungläubig, dass seine Mundwinkel förmlich abwärts stürzen. „Sightseeing?“, hakt er in holprigem Englisch nach. „Einfach so?“ Der lederhäutige Mann mit den lachenden Augen kann es kaum fassen, dass da ein Mitteleuropäer seinen Geburtsort besucht, in dessen Nationalmuseum er oft tagelang vergebens auf ausländische Besucher wartet. Dass er sich also nicht wie der Rest gleich nach Ankunft stumpf an den Strand legt und dort rundumversorgt liegen bleibt, bis nach zwei Wochen der Bus zurück zum Airport fährt. Dass er bei glühender Mittagshitze freiwillig einen Abstecher zur riesigen Sheik Zayed-Moschee macht, aus Interesse am Feiertagsritus und nicht, weil eine geführte Bustour ihren raspelkurzen Fotostopp einlegt. Dass er da ist, wo er ist.

Hier, bei Adel Mahboub, dessen entgeistertes Gesicht besser als jedes Ortsschild, jeder Kompass, jede noch so wortreiche Antwort verrät, wo man sich gerade befindet: In Ras Al Khaimah, die nordöstliche Nase der Vereinigten Arabischen Emirate, deren Übersetzung bereits zart andeutet, dass es hier etwas beschaulicher zugeht. Sie lautet „Spitze des Segels“, und ganz gleich, ob sie jene vorüber ziehenden Schiffe beschreibt, die seit Menschengedenken der Straße von Hormus Richtung Persischer Golf folgen, oder doch Beduinenzelte, die von deren Ausguck aus als erstes sichtbar waren, wenn sie die Landzunge passierten – in RAK, wie das östlichste Emirat gern abgekürzt wird, ist die arabische Halbinsel noch so, wie sie zur Zeit der Segelboote war. Wenigstens beinahe, aus Südwesten kommend, Startbahn Dubai. Von dessen architektonischem Aberwitz ins abgelegene Ras Al Khaimah vergeht zwar kaum eine Stunde Busfahrt durch die Ödnis rotbrauner Dünen, doch gefühlt sind es Lichtjahre. Wer VAE erreicht, wie der junge Gesamtstaat gern abgekürzt wird, landet zunächst in einer Megacity, die auf engstem Raum alles Natürliche, Gewachsene, Erträgliche unter reichlich Glamour, Glasstahl und Konsum begraben hat. Dubai, das ist der zubetonierte Inbegriff menschlicher Anmaßung ohne Sinn, ohne Verstand. Ohne Herz vor allem.

Von dieser künstlichen Vorhölle geht es – den Golf zur Linken – über schnurgerade Highways Richtung RAK, und schon wenige Meter nach der Stadtgrenze stellt sich eine seltsame Ruhe ein. Sie wird sogar noch stiller, wenn sich am Ziel, vier Emirate später, im flimmernden Dunst beißender Hitze zur Rechten das mächtige Hadschar Gebirge am Horizont erhebt wie Asche aus einem aktiven Vulkan. Ras Al Khaimah ist eine Art Konzentrat dessen, was die arabische Halbinsel eigentlich gar nicht ist: vielfältig. Hier aber, Seite an Seite mit dem Sultanat Oman im Osten, haben es Tektonik, Gischt und Klima offenbar besser gemeint mit dem kargen Land als in den sechs anderen Teilstaaten. RAK kennt entlang seiner Küste schließlich nicht bloß Wüste, Wüste, Wüste und was Mensch und Maschine ihr mühselig abtrotzen. Hier gibt es noch nahezu unberührte Mangrovenwälder in malerischen Lagunen. Biotope, aus denen riesige Flamingoschwärme aufsteigen, bis sich der Himmel rosa färbt überm fruchtbaren Ackerland, das vom Quellwasser der angrenzenden Gipfelkette gespeist wird, in der es regelmäßig Niederschläge gibt, zuweilen gar Schneefall, was in den schattigen Wadis winters die Flussbetten füllt und sommers für Abkühlung sorgt. All dies macht das Emirat abwechslungsreich, urbar und lebenswert. Nicht so eintönig oder artifiziell wie die Gegend ringsum.

Nur deshalb, erzählt Adel Mahboub zwei Tage später in der stehenden Luft des Nationalmuseums, könne sein Arbeitsplatz unweit der großen Moschee von 7000 Jahren Besiedlungsgeschichte berichten. Von Perlentauchern und Steinzeitfunden, Landwirtschaft und der leidigen Piraterie, die das ökonomisch unbedeutende Stammesgebiet der weiterhin herrschenden al-Qawasims vor knapp 200 Jahren ins Visier der Briten trieb. Seither ist viel passiert Ras Al Khaimah hat sich entwickelt, je nach Perspektive sogar zum Guten. Denn während Dubais Petrodollar-Gigantismus seit der Staatsgründung 1971 groteske Blüten trieb, fristete der ölarme Nachbar weiter sein Nischendasein zwischen Fischerei, Zementindustrie und etwas sanftem Fremdenverkehr abenteuerlustiger Rucksacktouristen. Noch heute sind die Wanderwege im Hadschar diesseits von Oman kaum ausgebaut. Und der Eifer, das nachzuholen, sagt Nermin Abushnaf in fließendem Deutsch, „ist auch etwas gedämpft“. Nur Monate zuvor sei ein Pilot vom schmalen „Stairway of Heaven“ gestürzt, einem Trail, der bei klarer Luft zwar grandiose Blicke bis tief in iranische Hoheitsgewässer erlaubt, bei der ortsüblichen Schwüle jedoch kreuzgefährlich ist, mit seinem messerscharfen, aber brüchigen Fels.

Doch keine Sorge, sagt Nermin, die mit ihrer westlichen Kleidung im Einerlei vollverschleierter Frauen auffällt wie eine Seemöwe im Starenschwarm: „Wir entwickeln uns zügig.“ Sie sagt das beim Spaziergang durch RAK-City, der kleinen Regionalkapitale, die den Großteil der Infrastruktur des Emirates beherbergt und einen weit größeren seiner 265.000 Bewohner. Sie sagt es also beim Flanieren vor winzigen Ladengeschäften in zentraler Lage, die auch 2013 nur auf Arabisch beschildert sind. Umgeben von einem Straßenverkehr, der allen Ernstes noch fließt, statt bloß zu stehen wie zum Beispiel in Abu Dhabi, der weiter westlich gelegenen Hauptstadt. Sie sagt es auch am Fuße zweier vielstöckiger Wolkenkratzer, den einzigen dieser Größenordnung in RAK, wie Nermin beteuert, mehr würden nicht genehmigt, „garantiert“. Sie meint es also durchaus positiv, das mit dem Entwickeln. Und doch ist es eine Drohung.

Um sie zu erspüren, empfiehlt sich ein Rundflug per Wasserflugzeug, den manches neue Luxusresort hier für ein paar 100 Dirham anbietet. Vorbei am emsigen Siedlungsbau mit hoher Pooldichte, geht es hoch überm staubtrockenen Boden hinaus aufs Meer – und doch rasch wieder über Land. Neues Land, falsches Land. Ras Al Khaimah schüttet auf und zwar im großen Stil. Unweit des echten Forts aus dem 18. Jahrhundert erweitert ein Milliardenprojekt namens Al Marjan Island die Küstenlinie des Emirats um satte 21 Kilometer. Gegenüber der stilisierten Festungsanlage (die PR sagt lieber: Korallenriff) ergänzt das zweitgrößte Bauvorhaben des baufreudigen Emirats „Al Hamra Village“ zeitgleich die Landmasse im Staatsauftrag um ein paar trocken gelegte Lagunen. Vorbei am frisch eröffneten Fünfsternekoloss der Marke Waldorf Astoria frisst sich weiter östlich der riesige Hilton-Komplex ins Salzwasser hinein. Und da ist noch nicht mal von jener Kunstinselgruppe die Rede, mit der Real Madrid ein Standbein in den Golf schütten wollte, bevor die Pläne auf Eis gelegt wurden.

Noch sind Kräne also meist die höchsten Erhebungen weit und breit, doch es sind viele und es werden mehr. Scheinbar mehr gar als in Dubai selbst, wo unablässig ein messbarer Anteil der weltweit verfügbaren Großgerätschaften tätig sein soll. Und so kommt besonders Al Marjan dem Irrsinn der Metropole näher und näher. Dicht an dicht wachsen dort pyramidenförmige Hotels gen Himmel. Gediegene Bettenburgen für beständig wachsende Übernachtungszahlen. Noch 2011 kamen ganze 600.000 Gäste. Doch schon dieses Jahr soll der Wert verdoppelt werden, mit schwelgerischen, aber günstigen Komfort, nach dem der globale Pauschaltourismus so dürstet. Kein Wunder, dass es allerorten längst ein bisschen nach Las Vegas riecht. Nach Wasserverschwendung, wo kaum Wasser ist. Nach Energieverschwendung, wo Öl fast nichts kostet. Kein Witz: An 350 Sonnentagen tankt augenscheinlich nicht ein einziger Kollektor regenerative Energie. Der flirrende Frühdunst am Horizont, dieses visuelle Spektakel, das den Hadschar wie der Münchner Fön seine Alpen heranholt – längst ist zu befürchten, dass Unmengen an Abgas die Optik weit mehr täuschen als der heiße Wind.

Statt seine Stärken zu bündeln, statt die ortsübliche Zweigeschossigkeit zum Markenkern zu erheben und die Reize der Natur zum lokalen Alleinstellungsmerkmal, statt womöglich eine Perle des nachhaltigen Tourismus inmitten des ökologischen Scheißegals zu werden, kopiert RAK also doch bloß Dubai. Und könnte somit wie der Moloch zu einem der reichsten, atmosphärisch aber ärmsten Punkte auf dem Erdball wachsen. Dabei ist die Segelspitze – zumal in den milden Wintermonaten – ein Ereignis. Ab 600 Metern Höhe wird es im schroffen Gebirge selbst sommers so erträglich, dass man sich gedanklich leicht verlieren kann am Rande grandioser Canyons, wo allenfalls mal ein Ziegenhirte vorbei kommt. Wer zurück in der Ebene dem dichten Netz der Klimaanlagen ins Freie entflieht, die mitunter auch dort alles auf Kühlschranktemperatur kühlen, kriegt allerdings rasch ein Gefühl dafür, was es 2022 heißen könnte: im baulich ebenso absurden Katar, wo der arabische Absolutismus offen despotische Züge annimmt, Fußball zu spielen.

Dank des äußerst beliebten Alleinherrschers Scheich Chalid ibn Saqr al-Qasimi, der seine Untertanen zwar Kindern gleich behandelt, aber vor Alltagssorgen wie Steuern bewahrt, ist sein Emirat weder mit dem autoritären Oman noch dem närrischen Dubai geschweige denn der Religionsdiktatur Saudi-Arabiens zu vergleichen. Und dennoch: The Rising Emirate, wie sich Ras Al Khaimah vermarktet, bereitet doch eher dem Business Freude. Für untere Einkommensschichten dagegen bleibt neben ein paar Dirham mehr im Portemonnaie nur die Entfremdung der Heimat. „Schauen Sie“, bittet Mahmud in warmen Worten, als sei er hier geboren, „wie schön das alte Ras ist“. Seit 25 Jahren lebt der Taxifahrer fern der algerischen Heimat und weiß daher genau, was seine neue zu verlieren hat. Auf dem Weg von RAK-City nach Al Hamra erzählt er vom Zusammenhalt der Menschen, der gewachsenen Kultur, vom quirligen Gewusel des Suk, den es längst nicht mehr gibt, und vom Zauber des Beduinenlebens, das bei seiner Ankunft als junger Mann noch geherrscht habe. Ohne Elektrizität, ohne Verkehr, ohne Kräne, nur Fischerei, Bergbau, Leben. Und jetzt? Der tiefgläubige Muslim kratzt sich am Vollbart: „Jetzt ist alles gut fürs Geschäft, aber schlecht für die Seele.“

Um die seine macht sich Adel Mahboub keine Sorgen. Eben noch dröhnte es aus knarzenden Lautsprechern über den Platz, als gebe es heute Hasspredigt; doch zurück in der sengenden Sonne betont Adel im schneeweißen Kaftan, der Scheich habe um Respekt für Frauen, Milde mit Kindern und weniger Egoismus gebeten. Zum Beleg hält Adel drei Finger in die Höhe: „Liebe, Frieden, Hoffnung“, übersetzt er das Zeichen und zeigt sein lustigstes Lächeln. „Das treibt uns an in Ras, das bewahrt uns vor dem Schlechten.“ In Dubai war es sicher mal ähnlich.

www.rasalkhaimahtourism.com

Der Text ist im Januar 2014 in der Süddeutschen Zeitung erschienen

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