Relevanz & Rivalen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

24. Februar – 2. März

Maren Müller macht also ernst. Mit Gleichgesinnten will die Initiatorin der Online-Petition gegen Markus Lanz den Verein „Ständige Publikumskonferenz für die öffentlich-rechtlichen Medien“ gründen. Und wie bedeutsam der sein könnte, deutete vorige Woche nicht nur ein zweiseitiger Brief an, mit dem ZDF-Programmchef Thomas Bellut Maren Müller halboffiziell zusichert, ihre Vorwürfe ernstzunehmen; sein Quotenzugpferd Günther Jauch hatte kurz zuvor mal wieder den allwöchentlichen Beleg dafür geliefert, wie richtig Maren Müller auch abseits von Lanz’ desaströser Gesprächsführung in Talkshow und Wettsendung mit ihrer Kritik am Ersten und Zweiten Programm liegt.

In einem Land nämlich, dessen Bewohner ihre Kinderliebe Tag für Tag auf populistisches Gekeife gegen die vermeintlich anschwellende Flut der Pädophilie reduzieren, eröffnete Jauch seine Sonntagsrunde vor Wochenfrist allen Ernstes mit der Frage, ob wir zu lasch seien im Umgang mit Kinderschändern. Zu lasch! Nein, Herr Jauch, sind wir nicht. Nicht nur schlicht gestrickte Menschen in diesem Land drehen ja angesichts der Edathy-Affäre schier durch vor geiferndem Furor gegen das, was ihnen die Medien servieren: Eine Gesellschaft in der praktisch unablässig Schutzbefohlene gequält, gefickt, gefoltert werden. Mit steigender Tendenz, tönt es vom Boulevard. Und nicht nur von dem. Selbst seriöse Sender lassen gefühlt in jedem zweiten Kriminalfall gegen Täter minderjähriger Opfer ermitteln. Das bedient die Stammtische, hat aber mit der statistischen Realität wenig zu tun – auch wenn das Erregungsfernsehen Bild-geschulter Dampfplauderer wie Günther Jauch unablässig das Gegenteil suggeriert.

Wobei die ARD ja genau für diese Erregungstherapie der Karikatur eines politisch relevanten Moderators das Dreifache dessen zahlt, was sie zum Beispiel pro Sendeminute in die seriöse Sandra Maischberger investiert. Und dann rechtfertigen die Verantwortlichen den Preis von Jauchs oberflächlich geleiteten Panikmache auch noch mit „publizistischer Relevanz“. Wobei „publizistische Relevanz“ ein Begriffspaar von großer Biegsamkeit ist. Als „publizistisch relevant“ gilt demzufolge ja auch die Kampagne einer Supermarktkette, deren Spot Supergeil bis gestern millionenfach im Internet geklickt wurde und sogar so erfolgreich ist, dass Youtube Werbung vor die Werbung schaltet, vor die irgendwann Werbung geschaltet werden dürfte. Weil sich „Politische Relevanz“ also vornehmlich an der Rezeption orientiert, trifft sie vermutlich auch auf die Vorstellung des Berliner Tatort-Teams zu, wo das Blitzlichtgewitter heller strahlte als, sagen wir: auf einem FDP-Parteitag 2014.

TV-neuDie Frischwoche

3. – 9. März

Doch der Oscar publizistischer Relevanz 2014 geht natürlich an – den Oscar selbst. Künstlerisch ist er zwar weit weniger wert als etwa der Golden Globe, macht aber einfach den größere Bohai um seine Verleihung. Vor wenigen Stunden wurde er wieder vor einem Milliardenpublikum verliehen, von Pro7 seit Mitternacht übertragen und seit 8.20 Uhr in voller Länge wiederholt. Wobei der Glamourkanal Relevanz ohnehin abseits qualitativer Faktoren bemisst. Kein Wunder also, dass dessen zweitwichtigste Sendung ein Werbeblock namens TV total Wok-WM ist, mit der Samstag abermals die Grenze zwischen Gehirn und Gesäß verwässert wird. Mehr gibt es im Privatfunk diese Woche nicht zu empfehlen. Zumal Christian Rach ja nun im ZDF auftischt. Auch die zweite Folge wird Donnerstag wohl kaum ein öffentlich-rechtlicher Stammzuschauer sehen wollen. Aber immerhin entzieht sie dem Rivalen RTL ein paar Kunden.

Doch wer braucht Feinde, wenn er Freunde hat wie Nick Tschiller. Auch der zweite Fall des Hamburger Tatort-Haudraufs erinnert bei aller optischen Brillanz in seiner dramaturgischen Schlichtheit an Cobra 11, nur mit viel, viel mehr Leichen. Die sind schwer zu zählen“, wie Til Schweigers glaubhaft schnodderiger Assistent Fahri Yardim einräumt. Dennoch rät er zur Gelassenheit: „Wir sind weder eine Polizeidokumentation noch naturalistisches Erzählkino.“

Da beides ARD wie ZDF aber doch besser zu Gesicht steht, raten wir hiermit weder zum heutigen Karnevalsoverkill noch zur morgigen 13. Staffel von Um Himmels Willen, sondern empfehlen stattdessen, äh, nein – der oft gediegene Mittwochsfilm fällt dank eines Fußballländerspiels im Ersten aus. Die vierteilige Reihe junger Regisseure Stunde des Bösen startet heute mit dem Kleinen Fernsehspiel Der zweite Mann erst kurz vor Mitternacht. Anna Loos liefert als Helen Dorn ab Samstag an gleicher Stelle eher biedere Krimikost. Und die wirklich spannenden Sachen laufen ohnehin bei Spartenkanälen wie Arte.

Zum Beispiel die morgige Montage Homs aus 300 Stunden Material syrischer Filmemacher in der Frontstadt des Bürgerkriegs. Oder tags drauf ein koreanischer Themenabend, angefangen mit der erschütternden Dokumentation Camp 14 über nördliche Arbeitslager, fortgesetzt mit dem südlichen Klassiker Das Hausmädchen, erst das Remake von 2010, dann das 50 Jahre ältere Original. Samstag gibt es dann noch den sehenswerten Schwerpunkt Starke Frauen. Und dann wäre da noch die belgische Krimiserie Code 37, ab Mittwoch um 22.30 Uhr bei ZDFneo, in der es auch schon wieder um Missbrauchsthemen geht. Also doch zurück zum Sport und der Eröffnung der Paralympics am Freitag im Zweiten, dem das Erste abends zuvor die faszinierende Langzeitdoku Gold über drei behinderte Sportler voranschickt – und das zur besten Sendezeit.

Bleibt noch der Tipp der Woche, diesmal: Herr Ober!, Gerhard Polts brillante Medienschelte von 1991, heute um 22 Uhr im BR. Und als Schmankerl noch der Schwarzweißevergreen Herr der Fliegen (Sonntag, 0.25 Uhr, 3sat) von 1963.

Die Gebrauchtwoche

Maren Müller macht also ernst. Mit Gleichgesinnten will die Initiatorin der Online-Petition gegen Markus Lanz den Verein „Ständige Publikumskonferenz für die öffentlich-rechtlichen Medien“ gründen. Und wie bedeutsam der sein könnte, deutete vorige Woche nicht nur ein zweiseitiger Brief an, mit dem ZDF-Programmchef Thomas Bellut Maren Müller halboffiziell zusichert, ihre Vorwürfe ernstzunehmen; sein Quotenzugpferd Günther Jauch hatte kurz zuvor mal wieder den allwöchentlichen Beleg dafür geliefert, wie richtig Maren Müller auch abseits von Lanz’ desaströser Gesprächsführung in Talkshow und Wettsendung mit ihrer Kritik am Ersten und Zweiten Programm liegt.

In einem Land nämlich, dessen Bewohner ihre Kinderliebe Tag für Tag auf populistisches Gekeife gegen die vermeintlich anschwellende Flut der Pädophilie reduzieren, eröffnete Jauch seine Sonntagsrunde vor Wochenfrist allen Ernstes mit der Frage, ob wir zu lasch seien im Umgang mit Kinderschändern. Zu lasch! Nein, Herr Jauch, sind wir nicht. Nicht nur schlicht gestrickte Menschen in diesem Land drehen ja angesichts der Edathy-Affäre schier durch vor geiferndem Furor gegen das, was ihnen die Medien servieren: Eine Gesellschaft in der praktisch unablässig Schutzbefohlene gequält, gefickt, gefoltert werden. Mit steigender Tendenz, tönt es vom Boulevard. Und nicht nur von dem. Selbst seriöse Sender lassen gefühlt in jedem zweiten Kriminalfall gegen Täter minderjähriger Opfer ermitteln. Das bedient die Stammtische, hat aber mit der statistischen Realität wenig zu tun – auch wenn das Erregungsfernsehen „Bild“-geschulter Dampfplauderer wie Günther Jauch unablässig das Gegenteil suggeriert.

Wobei die ARD ja genau für diese Erregungstherapie der Karikatur eines politisch relevanten Moderators das Dreifache dessen zahlt, was sie zum Beispiel pro Sendeminute in die seriöse Sandra Maischberger investiert. Und dann rechtfertigen die Verantwortlichen den Preis von Jauchs oberflächlich geleiteten Panikmache auch noch mit „publizistischer Relevanz“. Wobei „publizistische Relevanz“ ein Begriffspaar von großer Biegsamkeit ist. Als „publizistisch relevant“ gilt demzufolge ja auch die Kampagne einer Supermarktkette, deren Spot „Supergeil“ bis gestern millionenfach im Internet geklickt wurde und sogar so erfolgreich ist, dass Youtube Werbung vor die Werbung schaltet, vor die irgendwann Werbung geschaltet werden dürfte. Weil sich „Politische Relevanz“ also vornehmlich an der Rezeption orientiert, trifft sie vermutlich auch auf die Vorstellung des Berliner „Tatort“-Teams zu, wo das Blitzlichtgewitter heller strahlte als, sagen wir: auf einem FDP-Parteitag 2014.

Frischwoche

Doch der Oscar publizistischer Relevanz geht natürlich an – den Oscar selbst. Künstlerisch ist er zwar weit weniger wert als etwa der Golden Globe, macht aber einfach den größere Bohai um seine Verleihung. Vor wenigen Stunden wurde er wieder vor einem Milliardenpublikum verliehen, von Pro7 seit Mitternacht übertragen und seit 8.20 Uhr in voller Länge wiederholt. Wobei der Glamourkanal Relevanz ohnehin abseits qualitativer Faktoren bemisst. Kein Wunder also, dass dessen zweitwichtigste Sendung ein Werbeblock namens „TV total Wok-WM 2014“ ist, mit der Samstag abermals die Grenze zwischen Gehirn und Gesäß verwässert wird. Mehr gibt es im Privatfunk diese Woche nicht zu empfehlen. Zumal Christian Rach ja nun im ZDF auftischt. Auch die zweite Folge wird Donnerstag wohl kaum ein öffentlich-rechtlicher Stammzuschauer sehen wollen. Aber immerhin entzieht sie dem Rivalen RTL ein paar Kunden.

Doch wer braucht Feinde, wenn er Freunde hat wie Nick Tschiller. Auch der zweite Fall des Hamburger „Tatort“-Haudraufs erinnert bei aller optischen Brillanz in seiner dramaturgischen Schlichtheit an „Cobra 11“, nur mit viel, viel mehr Leichen. Die sind schwer zu zählen“, wie Til Schweigers glaubhaft schnodderiger Assistent Fahri Yardim einräumt. Dennoch rät er zur Gelassenheit: „Wir sind weder eine Polizeidokumentation noch naturalistisches Erzählkino.“

Da beides ARD wie ZDF aber doch besser zu Gesicht steht, raten wir hiermit weder zum heutigen Karnevalsoverkill noch zur morgigen 13. Staffel von „Um Himmels Willen“, sondern empfehlen stattdessen, äh, nein – der oft gediegene Mittwochsfilm fällt dank eines Fußballländerspiels im Ersten aus. Die vierteilige Reihe junger Regisseure „Stunde des Bösen“ startet heute mit dem Kleinen Fernsehspiel „Der zweite Mann“ erst kurz vor Mitternacht. Anna Loos liefert als „Helen Dorn“ ab Samstag an gleicher Stelle eher biedere Krimikost. Und die wirklich spannenden Sachen laufen ohnehin bei Spartenkanälen wie Arte.

Zum Beispiel die morgige Montage „Homs“ aus 300 Stunden Material syrischer Filmemacher in der Frontstadt des Bürgerkriegs. Oder tags drauf ein koreanischer Themenabend, angefangen mit der erschütternden Dokumentation „Camp 14“ über nördliche Arbeitslager, fortgesetzt mit dem südlichen Klassiker „Das Hausmädchen“, erst das Remake von 2010, dann das 50 Jahre ältere Original. Samstag gibt es dann noch den sehenswerten Schwerpunkt „Starke Frauen“. Und dann wäre da noch die belgische Krimiserie „Code 37“, ab Mittwoch um 22.30 Uhr bei ZDFneo, in der es auch schon wieder um Missbrauchsthemen geht. Also doch zurück zum Sport und der Eröffnung der Paralympics am Freitag im Zweiten, dem das Erste abends zuvor die faszinierende Langzeitdoku „Gold“ über drei behinderte Sportler voranschickt – und das zur besten Sendezeit.

Bleibt noch der „Tipp der Woche“, diesmal: „Herr Ober!“, Gerhard Polts brillante Medienschelte von 1991, heute um 22 Uhr im BR. Und als Schmankerl noch der Schwarzweißevergreen „Herr der Fliegen“ (Sonntag, 0.25 Uhr, 3sat) von 1963.

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