Christian Rach: Fernsehkoch & Brotrecycler

Das Medium

Seit fast zehn Jahren ist der saarländische Sternekoch Christian Rach (56) neben seinen Hamburger  Spitzenrestaurants auch im Fernsehen aktiv. Nach unfassbar erfolgreichen Zeiten bei den Privaten, wechselt er nun zum ZDF,  wo er die Menchen über gesunde und korrekte Ernährung aufklären will. Beim Auftakt vor zwei Wochen wollten das zwar nicht allzu viele Zuschauer sehen. Beim morgigen Teil 2 von Rach tischt auf! (Donnerstag, 20.15 Uhr) kann es also nur besser werden.

freitagsmedien: Christian Rach, für Ihr Nahrungsmittelformat Rach tischt auf kündigt Sie das ZDF „als Anwalt der Verbraucher an. Wie kriegt man dafür die Zulassung?

Christian Rach: Oh, wenn man dafür eine braucht, muss ich mich wohl schleunigst drum kümmern.

Sehen Sie sich als Verbraucherschützer?

Dafür klingt mir der Begriff zu pädagogisch. Aber ich möchte, was Verbrauch angeht, Transparenz fördern. Weil die meisten von uns zu fast jeder Zeit online sind, befinden wir uns ständig in Lernsituationen über alles und jeden, aber mich dünkt, dass die Lebensmittelindustrie da nicht so ganz mithält.

Anders formuliert: Sie betrügt den Kunden.

Das klingt jetzt wieder zu hart. Aber die Nahrungsproduzenten haben in der Außendarstellung so große Defizite, dass sie in vielen Studien auf der Beliebtheitsskala unten bei den Bankern landen. Um das zu ändern, haben sie nur eine Chance: Offenheit. Mir geht es um Kommunikation.

Sie firmieren also gar nicht als Aufklärer von Missständen, sondern Medium zwischen Hersteller und Kunde?

Gefällt mir, der Begriff. Es geht weniger ums Industrie-Bashing als Aufklärung. Nehmen Sie die Vernichtung von Essen: Gut 60 Prozent der vermeidbaren Abfälle entstehen im privaten Haushalt, was allerdings nicht nur mit dem Wegwerfverhalten zu tun hat, sondern auch den Herstellern mit ihrer Überproduktion. Wenn ich aber versuche, da Auskunft zu erhalten, stoße ich auf eine Mauer des Schweigens. Das verstehe ich nicht, und wenn ich was nicht verstehe, gehe ich dem nach.

Und was schmeißen Sie selber weg?

Äußere Salatblätter vielleicht. Selbst den Kopf vom Fisch koche ich für einen Fonds aus.

Das ist der Indianer-Ansatz, vom Büffel alles zu verarbeiten.

Genau, deshalb schmeißen wir nicht mal Brot weg, sondern machen daraus Knödel und armer Ritter. Da geht es ums Prinzip. Um nicht auf Produktwerbung reinzufallen, gehen wir deshalb nur mit Zettel einkaufen und möglicht satt; Hunger ist ein schlechter Ratgeber. Trotzdem geht es mir bei allem, was ich zum Thema Essen tue, um Fakten. Wer die nicht kennt, gerät aufs dünne Eis der Moral. Und das meide ich.

Wobei es angesichts des globalen Konsumirrsinns schwer sein muss, nicht moralisch zu reagieren.

Manchmal schon.

Kann das Fernsehen mit seinen Ratgebern und Kochshows daran etwas ändern?

Durchaus. Aber ich warne davor, das im Hauruckverfahren zu versuchen. Nachhaltiger Wandel braucht Zeit, vor allem aber Feingefühl. Um ein Kind von Brokkoli zu überzeugen, ist ein Hinweis aufs Leckere sinnvoller als aufs Gesunde. Es geht darum, ohne erhobenen Zeigefinger Bewusstsein zu schaffen. Selbst Kartoffelchips machen manchmal Spaß; erst wenn sie das Frühstück ersetzen, wird es problematisch. Dafür bedarf es permanenter Information darüber, wie gut man sich natürlich statt künstlich ernähren kann.

Was aber ziemlich teuer sein kann.

Also bei uns gibt’s heute Abend Bohneneintopf, für das ich gestern Bohnen eingeweicht habe. Das kostet fast nichts, ist aber köstlich und gesund. Von daher sehe ich auch nicht die Kosten als größtes Problem, sondern mangelndes Wissen. Die Gleichberechtigung, so unerlässlich sie ist, hat dazu geführt, dass einst überlieferte Kenntnisse übers Essen nicht mehr von Mutter zu Tochter weitergegeben werden. Wenn ich da sehe, dass fast zwei Drittel der Krankenhauseinlieferungen ernährungsbedingt sind, wird es umso fataler, dass der Staat nicht mehr wie früher einspringt, als in der Schule noch Hauswirtschaft gelehrt wurde.

Sind so gesehen Fernsehköche, die seit 15 Jahren eine Renaissance erleben, die neuen Hauswirtschaftslehrer?

Sofern sie die Moralkeule unten lassen und nicht in Klamauk ausarten, dennoch spannend und unterhaltsam sind, also im besten Sinne einen Bildungsauftrag erfüllen schon. Der hört aber schon auf, wenn der Fernsehkoch sagt: Ich hab da schon was vorbereitet. Genau das hat ja für Mama und Papa keiner gemacht, wenn sie den ganzen Tag gearbeitet haben. Ich plädiere dafür, ehrlich zum Zuschauer zu sein, ohne Angst vorm Kartoffelschälen zu machen. Viele frische Mahlzeiten dauern kaum länger als ein Fertiggericht – so was kann Fernsehen vermitteln helfen.

Zugleich setzt es aber seit einiger Zeit japanisches Rind und kenianische Bohnen auf die Speisekarte, was mit Nachhaltigkeit wenig zu tun hat.

Also erstens habe ich mir zwar noch nie japanisches Rind gekauft, weil es mir einfach zu teuer ist. Aber wir leben nun mal in einer globalisierten Welt, das lässt sich nicht zurückdrehen. Zweitens plädiere ich zwar für regionalen Anbau, aber wir sollten uns hüten, keine Erdbeeren aus Südafrika zu fordern, aber fröhlich unsere Autos dorthin zu exportieren. Nochmals: Es geht immer um Bildung, Wissen, Erkenntnisse. Als kürzlich mal jemand probeweise Fischstäbchen mit Flosse dran in ein öffentliches Aquarium gesetzt hat, soll sich darüber niemand gewundert haben; da muss man ansetzen. Aufklärung ist ein Kundenbedürfnis.

Und Sie tun das wie in „Rach tischt auf“ nun sogar auf der großen Showbühne.

Stimmt, aber ich werde sicher nie „Wetten, dass…?“ moderieren. Dazu fehlt mir komplett der Narzissmus. Dennoch bin ich bereit, auch ein großes Publikum für so etwas wie eine Haltung zu begeistern. Wobei man auch die ständig überprüfen muss, weshalb ich etwa Massentierhaltung kritisch, aber offen hinterfrage. Auch gute News dürfen News sein und wenn ich positive Erfahrungen in einer norwegischen Aquakultur sammele, will ich die kundtun.

Würden Sie die denn auch in einer Hühnerfarm mit Käfighaltung sammeln?

Um Gottes Willen, nein, auch Offenheit hat ihre Grenzen.

Gibt es bei Ihnen daheim auch mal ein Fertiggericht?

Nein. Dafür habe ich viel zu viel Respekt vor dem Begriff Fertigkeiten, die wir nicht verlieren dürfen. Meine Frau kocht ebenso gern wie ich, und wir beide sorgen dafür, dass es einmal am Tag etwas frisches, selbst gemachtes Warmes gibt. Das heißt allerdings nicht, dass es bei uns keine Tütennudeln gibt und zwei Gläser Fertigsoße im Schrank; meine schulpflichtige Tochter bringt einfach zu viele Leute in unser open house, um alles immer von Hand zu machen.

Aber reagiert ihre Tochter auf den gewissenhaften Vater nicht mit derselben Renitenz aller Teenager und geht erst recht zu McDonalds?

Weil ich mit positiven Beispielen vorangehe, eher nicht. Auch bei uns stehen Kekse auf dem Tisch, davon explodiert ja niemand. Ich will mich von so was nur nicht ernähren. Das einzige Dogma auf unserem Küchentisch ist: kein Dosenfutter.

Eine Currywurst ist also schon mal drin.

Klar, aber bitte nicht mit dieser Einheitspampe zweier Hersteller. Wenn ich die Currysoße mache, dauert das mit Schnibbeln 20 Minuten, die reicht aber auch zwei Monate.

Und ist vermutlich billiger als im Imbiss.

Sehen Sie! Geht doch!

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