Vor Harald & nach Schmidt

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

3. – 9. März

575.200.000 ist eine ziemlich große Zahl. Und wenn dahinter Euro steht, klingt sie dazu noch lukrativ. Oder teuer. Manchmal beides. Für stolze 575,2 Millionen Euro nämlich hat das ZDF 2013 Fernsehen von senderfernen Firmen (ko)produzieren lassen. Rund 3000 Stunden – das bestellte sonst kein anderer Kanal. Und als Dank für pünktliche Lieferung dürfen sich Lieferanten auch noch die besten Sendeplätze aussuchen: allein sechs von sieben um 20.15 Uhr. Dass das nicht immer zum Vorteil des Programms ist, hat vorige Woche jedoch die ECO Media TV-Produktion gezeigt. Ihre Boulevardreportage ZDFzeit war mit der Ausgabe Schlank in den Frühling nicht nur der Inbegriff kommerzieller Stilistik; bei der Begleitung von sechs Paaren im Kampf um purzelnde Pfunde standen auch noch minutenlang Logos wie „Brigitte-Diät“ und bekannte Nahrungsmarken am Bildschirm.

So dumm, so dreist, so billig kann Fernsehen sein, egal wer es macht. Dumm, dreist und billig eben wie der Boulevard allerorten ist – auch wenn ihm künftig wohl eins der wenigen Blätter abhanden kommt, das es mit Anspruch unterm Regenbogen versucht: Die Münchner Abendzeitung hat vorige Woche nach fast sieben Jahrzehnten am bayrischen Markt Insolvenz angemeldet. Das ist echt schade und wurde ausgerechnet damit erklärt, dass Boulevard im Internet und Fernsehen einfach schneller ist. Dass er auch dümmer, dreister, billiger zu haben sein könnte, wurde so höflich unterschlagen wie der Grund, warum offenbar Till Boom Schweiger alias Nick Bang Tschiller nach seinem gestrigen Tatort-Gemetzel aus „privaten Gründen“, wie der Moderator zum Schluss meinte, auch noch ins Studio von Günther Jauch gestürmt ist, wo er von drei breitschultrigen Bodyguards  eher unhöflich gestoppt wurde.

Höflicher war da schon der Pay-TV-Kanal Sky, der die tapfere Monika Lierhaus am Mittwoch vorm deutschen Fußballländerspiel gegen Chile zu Jürgen Klinsmann geschickt hat. Das erste, nun ja: Interview seit ihrer schweren Krankheit war allerdings so derart banales Abhaken unzusammenhängender Fragen, dass sich die Frage stellt, ob dem Bezahlfernsehen der therapeutisch-humanistische Ansatz am Ende wichtiger ist als Relevanz und Güte. Schwer zu glauben bei einem Sender, der Deutschlands distinguiertester Giftspritze noch immer ein abendliches Asyl gewährt.

TV-neuDie Frischwoche

3. – 9. März

Doch damit scheint Donnerstag allen Ernstes Schluss zu sein. Dann leitet Harald Schmidt nach knapp 2000 Sendungen in 20 Jahren seine letzte Late-Night. Ob das am Ende einen Verlust fürs Fernsehen darstellt, werden die zugehörigen Debatten in den distinguierteren Feuilletons zwar auch nicht klären, aber vermissen werden wir ihn irgendwie schon (mehr jedenfalls als Martin Wuttke und Simone Thomalla, die Sonntag wohl zum vorletzten Mal am Leipziger Tatort ermitteln). Allerdings werden wir ihn eher so wie wie Gunther Sachs vermissen, dem Arte Sonntag (21.50) ein schönes Porträt widmet: Auch der hat das Leben zwar nicht bedeutsam gemacht, aber wenigstens ein bisschen bunter.

Weder bedeutsam noch bunt, sondern schlicht überflüssig ist dagegen längst Das Perfekte Dinner auf Vox, wo ab Montag um sieben 100% Fleisch verkocht wird, was in etwa so zeitgemäß ist wie der Kalte Krieg auf der Krim, dem die ARD weiter Tag für Tag Brennpunkte verpasst. Den Scheißegal-Programmierern bei Vox sei da einfach mal 3sat am Freitag empfohlen, wo Der Schweine-Baron Adriaan Straathof erklärt wird. Für eingefleischte Fleischfans könnte es sehr erhellend sein, wie der Niederländer Flora und Fauna für seine Profite mit unserer Ernährungsignoranz ruiniert.

So viel Realität ist zwar ebenso schwer verdaulich wie der ARD-Mittwochsfilm Keine Zeit für Träume übers sperrige Thema Zappelkinder, aber eben notwendig und seriös. Und wer sich ein wenig fröhlicher aufklären lassen will, kann ja morgen Abend die ZDF-Anstalt einschalten, wo Max Uthoff und Claus von Wagner zum zweiten Mal beweisen werden, dass sie würdige Nachfolger des Scheibenwischers sind. Eine würdige Nachfolgerin von Miss Marple ist jedenfalls die Golden-Globe-Gewinnern Brenda Blethyn als Import-Ermittlerin Vera, kurz zuvor auf ZDFneo. Wundervoll jovial, herrlich britisch. Wundervoll verschroben, very american ist zugleich Kevin Spacey als kiffernder Psychiater Shrink bei RTL Nitro. Wundersam blödsinnig und very german endet tags drauf der Bachelor, was natürlich eine viel schönere Nachricht wäre, hätte RTL nicht kolportiert, dass Dschungelkönigin Melanie ab Sommer als Bachelorette auf Sendung geht.

Das zeigt abermals, dass man in Köln außer Testosteron eigentlich nur noch eines im Blut hat: Benzin.Weshalb der Brachialkanal am Wochenende praktisch ausschließlich mit der Formel 1 füllt. Aber damit niemand denkt, Private liefern nichts als Deppen-TV, sei hier Oli Schulz empfohlen, der Samstag auf Pro7 wieder irgendwo aus der Box steigt und grandiosen Aberwitz erlebt. Bleibt noch der Tipp der Woche: Die Konsequenz (heute um 23.15 Uhr im NDR) mit dem jungen Jürgen Prochnow, dessen schwule Rolle den bigotten BR 1977 noch zum Ausklinken aus dem Gemeinschaftsprogramm brachte.

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One Comment on “Vor Harald & nach Schmidt”

  1. Genialer Post. Ebenso hammer, wie das Gaming an sich. So verpönt das Daddeln von Videospielen auch sein mag,
    so ist wissenschaftlich bewiesen, dass zocken, grundlegende geistige
    Unversehrtheit des Spielenden vorausgesetzt, förderlich für den Geist des Spielenden sein kann.
    Beim Daddeln von Videospielen lernt man in angenehmer Umgebung
    schneller als üblich Urteile zu fällen und zwischen wichtig und unwichtig zu differenzieren. Die
    meisten Spiele vermitteln überdies auch Basics über Ökonomie und fördern die kognitiven Fähigkeiten des
    Spielenden. Sogar die verrissenen MMORPGs können doch sehr oft den vorgeschobenen Effekt der sozialen Verwahrlosung} umkehren. Man kann wohl
    auch vielen verkommenen Subjekten begegnen, doch findet der Spielende öfters exakt in seinem Lieblingsspiel Gleichgesinnte.

    Kurz gesagt: Gaming ist super! Ungeachtet des Spiels und der Plattform, Daddeln ist ein Kulturgut.


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