Matthias Schweighöfer: Jungwild & Superstar

Alterwachsen

Matthias Schweighöfer schafft es, Junger Wilder und alter Hase zugleich zu sein. So alterslos der Schauspieler auch mit 34 nämlich noch ist, so versiert und erfahren trimmt er alle seine Filme seit seinem Durchbruch in Soloalbum vor elf Jahren auf Erfolg. Matthias Schweighöfer Superstar, das zeigt auch seine Komödie Rubbel die Katz, Sonntag bei RTL. Dabei war der Spross einer Schauspielerfamilie aus dem Osten mal ein schüchternes Talent, wie ein Interview mit ihm zeigt, dass er anlässlich seiner Rolle als Friedrich Schiller mal führte.

Interview: Jan Freitag

Matthias Schweighöfer: Sorry, ich muss erst mal fragen, wie Sie den Film fanden. Das ist unheimlich wichtig für mich.

freitagsmedien: Gelungen, er erinnerte teilweise sogar an die Shakespeare-Adaptionen von Kenneth Brannagh, wenn auch ohne Humor.

Echt? Schön.

Allerdings drohte es manchmal zu stören, dass Schiller ständig fiebrig, erhitzt war – warum müssen Genies immer so überdreht dargestellt werden?

Habe ich ihn so gespielt?

Offenbar war die Rolle so angelegt. Ist überliefert, dass Schiller mit 21 eine derart durchgeknallte Phase hatte?

Im Gegensatz zur Realität hat unsere Variante sogar noch ein leichtes Limit. Und es fehlen auch noch 25 Minuten, die rausgeschnitten wurden. Schiller war zum Beispiel schwerer Autist. Der Mensch war der pure Leuteschinder, er hat alles geschunden, was ihm in den Weg kam, er hat intellektuell alles herausgefordert, er stand die ganze Zeit unter Strom.

Weil er so ein Egomane war?

Weil er bereits mit 20 gesagt hat, ich werde früh sterben. Er hat gegen die Zeit angeschrieben, deshalb blieb ihm nicht viel Zeit für Normalität.

Live fast, die young – typisch Popstar.

Es war damals fast Rock’n’Roll. Aber ich verstehe das.

Warum?

Weil das, was er gemacht hat, gegen ein System ging. Es ging nicht um Anpassung, sondern um einen neuen Weg. Rock’n’Roll ist das Gegenteil von Anpassung, auch mal mit der Gitarre durch die Wand und das hat Schiller gemacht, seine Ideale, seine Moral ins Volk zu werfen und die mussten damit umgehen – ohne Rücksicht auf Verluste.

Gehört diese Renitenz, dieses Abdrehen zum Älterwerden dazu?

Ich hoffe nicht, dass wir alle total abdrehen, wenn wir älter werden. Aber bei Schiller war es nun mal so, schon durch seinen Zeitrhythmus, die Geschwindigkeit mit der er dem Schreiben nachging. Deswegen musste er vorlegen und konnte sich nicht normalisieren.

Muss man ihn auch deshalb so darstellen, um junge Leute für ihn zu begeistern?

Der Regisseur wollte, dass ich ihn so spiele. Man hätte ihn auch auf andere Weise darstellen können. Es ist halt ein Weg zu zeigen, dass es heute genauso ist, die damalige Hektik existiert ja noch immer. Lieber akribischer und dafür einen Schritt vorwärts als stagnieren und stehen bleiben.

Was kann Schiller der Jugend sonst noch geben?

Den Mut, nicht nur bei sich zu bleiben, in die Zukunft zu blicken und zu wissen, man kann über den Moment hinausgehen, egal welche Grenze man sich vorgibt. Es ist möglich, sich selber Kraft zuzutrauen, Vertrauen in sich zu kriegen.

Auch Sie und ihre Generation Schauspieler werden „Junge Wilde“ genannt.

Ich finde den Ausdruck Junge Wilde total Scheiße. Wenn man jung ist, sind scheinbar immer alle wild. Okay, ich bin zwar jung und ich bin wild, aber nicht in dieser Kombination – weil ich mich selbst in meinem Kopf bewahre. Ich will das sein, was ich tue, oder das, was mich durch meine Arbeit auszeichnet, nicht mehr. Ich würde nicht sagen, dass ich Rock’n’Roll bin, immer mit dem Kopf durch die Wand.

Sondern?

Ich bin eher independent. Melancholisch, aber gradlinig genau. Sozusagen die Denkerbasis.

Hat das was mit Disziplin zu tun?

Auf jedem Fall. Ich baue erst mal die Wand, bevor ich sie einrenne.

Schiller sagt, jeder soll der Held seines eigenen Lebens sein. Trifft der Satz auf Sie zu?

Ich bin vielleicht der Held meines eigenen Lebens, aber mit einem gesunden Abstand. Ich bin in allen Bereichen ein Held, die nichts mit mir zu tun haben. Im normalen Leben, privat, bin ich oft eher ein Loser.

Was genau hat nichts mit Ihnen zu tun?

Was nichts mit einem selber zu tun hat ist Ablenkung von allem. Deswegen kann man acht Meter runterspringen und jemanden retten. Aber wenn man zuviel drüber nachdenkt, wenn man sich immer wieder hinterfragt, ob das alles richtig ist, ist man einfach kein Held, dafür braucht man Mut. Ich habe schon Mut und viel Selbstbewusstsein und bin so gesehen nicht wirklich ein Loser, aber wenn man zu sehr bei sich selbst ist, vergisst man andere Menschen. Dann kann man auch jedes Heldentum vergessen.

Und wann waren Sie der Loser – in der Schule?

Nein, da war eigentlich alles okay. Das Leben fängt ja erst so richtig mit 21, 22, 25 Jahren an – da merkt man, wo man sich so antrifft. Irgendwann definierst du deine Arbeit, findest eine andere Definition für Freundeskreis, für Verantwortung – die Glocke deiner Eltern ist nicht mehr so erhaben über dir.

Sie sind jetzt in dem Alter und werden mit Lob und Preisen überhäuft. Ist das so früh gelegentlich zu viel?

Auf jedem Fall. Dann merkt man, sich wieder selber Leben einhauchen zu müssen, weil man zu einem gewissen Grad den Selbstbezug verliert; es entscheiden ja immer andere Leute über Preise, über Ruhm und Erfolg und so was kann manchmal tagesabhängig sein. Dagegen muss man sich wappnen. Ich freue mich natürlich darüber, auch von Kollegen anerkannt zu werden – aber manchmal vergisst man da sein Alter, wird schneller erwachsen, gemacht als man ist.

Schneller erwachsen oder schneller alt?

Beides. Alterwachsen. Man altert schneller. Andere Leute in meinem Alter haben völlig andere Dinge im Kopf als ich.

Welche?

Sie müssen sich glaube ich mehr Sorgen machen, müssen erst noch anfangen, studieren erst mal, wissen noch nicht genau, was sie arbeiten wollen, kümmern sich um Familie, Frau, Freundin, Kinder, gehen auf Partys am Wochenende, suchen noch ihren Traum.

Den Sie bereits gefunden haben?

Meinen Traum suche ich immer, den sucht jeder Mensch. Aber ich habe eine andere Verantwortung meinem Beruf gegenüber und kann nicht einfach alles machen, was ich machen möchte. Deswegen ist meine Verantwortung ans Privatleben ein anderes, weil mein Beruf darin immer sehr gegenwärtig ist. Ich weiß halt, was ich in zehn Jahren machen möchte und was in 20. Da kann ich mich nicht einfach gehen lassen und mit Schokolade voll fressen. Ich fahre oft irgendwohin, um zu schreiben, schreiben, schreiben, zu beobachten, zu gucken, dass es funktioniert, was ich spielen will. Du kannst halt nicht in jeden Club reingehen. Du beschäftigst dich einfach anders. Wenn du den Job schon seit 15 Jahren machst, kannst du mit 23 nicht sagen: mal gucken, was jetzt kommt. Es geht los, zu sagen, du hast noch 40 Jahre vor dir und in denen musst du dir noch was ziehen.

Das klingt so zielstrebig, als sei für Jugend gar kein Platz gewesen.

Und ich bin stolz darauf. Ich habe mich schon ausgetobt, aber bei der Arbeit musste ich eben einfach schon früh die Zähne zusammenbeißen.

Mit 24 schon ein Star. Stört Sie der Glamour, der Rummel?

Also mal ist es sehr angenehm. Aber der schönste Zustand ist, das Leben noch nüchtern zu beobachten.

Werden Sie schon auf der Straße erkannt?

Es wird immer mehr. Ja. Ich wundere mich selber, aber es gibt Tage, an denen meine Mutter sagt: Matthias, mich nervt das. Das liegt daran, dass meine Filme zwar bislang nicht viele Zuschauer hatten, aber dafür sehr viel Presse – die Leute kennen mich mehr daraus als aus meinen Filmen. Komischerweise.

Weiß man bei soviel Trubel kritische Worte besonders zu schätzen?

zuerst. Mich interessiert nicht, ob der Film gut ist oder die Leute sagen, wie geil ich in ihm war, sondern was an ihm nicht stimmt. Sonst komm ich ja nicht weiter. Man braucht auch mal die Kritik, die sagt: Alter das war richtig Kacke. Oder wie vorhin: das war zu viel. Zu viel Theater, zu viel Grimasse, keine gute Inszenierung, dramaturgisch läuft das auch nicht gut. Sonst entdeckt man keine Fehler; man muss weiterkommen und vor allem lernen. Ich bin ja nicht 58 Jahre alt, wo man langsam anfangen kann, sich gemütlich auf seinen Manierismus zu setzen. Heute hebe ich mal nur die Hand.

Woher nimmt ein junger Schauspieler die Lebenserfahrung, die für etwas Manierismus nötig ist?

Ich muss ehrlich sagen: ich spiele lieber Rollen, die älter sind als ich, und traue mir auch zu welche zu spielen, die sagen wir 48 sind. Weil Lebenserfahrung – klar, du kannst mit einer anderen Reife anders erzählen, aber ich möchte mir meine Reife erspielen. Nur, solange ich mir die erspielen kann, bin ich auch stolz auf mich. Das ist mein eigener Anspruch an mich selbst, das zu können.

Haben Sie den Anspruch umgesetzt?

Das beurteilen andere, dafür bin ich nicht objektiv genug meiner Arbeit gegenüber. Meine Reife zu erspielen heißt aber eher: scheiß auf alles! Zu sagen, ich muss einfach 48 Jahre packen, dieses Lebensgefühl muss irgendwo in mir drinstecken, es muss möglich sein, das irgendwo zu finden, in ganz bestimmten Momenten, das ist wie bei einer Frau, die man trifft – Reife kommt immer genau dann auf einen zu, wenn man damit am wenigsten rechnet.

Reifeprozesse sind also gar nicht wahrnehmbar?

Nein, man stellt Reife einfach irgendwann fest. Wenn sich Dinge ändern und man plötzlich merkt: mein Gott, was ist schon alles passiert. Meine Fresse!

Wenn ein 24-Jähriger von Reife spricht, klingt das für Ältere gern nach Altklugheit.

Es gibt ja auch alte Seelen in jungen Körpern.

Und die haben Sie?

Ich weiß nicht ob ich sie habe, aber ich mache mir über Sachen einen Kopf, worüber sich andere in meinem Alter keinen Kopf machen und umgekehrt. In dem Sinne vollzieht sich Reife ausschließlich meinem Beruf gegenüber. Ich will ja anderen Menschen was erzählen.

Zum Beispiel aus der Sicht eines 48-Jährigen. Wie soll das gehen?

Ich habe keine Ahnung, das könnte ich erst beantworten, wenn ich da stehe und ihn spiele. Aber wenn ich da stehe, würde es irgendwann Klick machen und dann wüsste ich es.

Allein eine Frage des Zutrauens.

Keine Angst davor zu haben, das ist das Wichtigste.

Wovor haben Sie Angst?

Natürlich vor Misserfolg, Nichtbeachtung, vor schlechten Geschichten, Nichtverstehen, vor Nichtfinanzierung von Filmen.

Aber nicht vor dem eigenen Scheitern.

Nein.

Brauchen Schauspieler ein so großes Selbstbewusstsein?

Nervosität hat man ja immer, aber wenn man Schiss hat vor seinen Rollen hat, braucht man gar nicht erst antreten.

Angst kann doch auch ein Antrieb sein.

Muss sie sogar. Ich habe Angst vor gewissen Tagen und das bringt mich in andere Sphären; aber deswegen habe ich ja keine Angst vor meiner Rolle. Dann würde ich sie ja belügen.

Gab es nach Soloalbum die Angst auf einen Rollentypus als Popstar festgelegt zu werden, als schauspielernder Stuckrad-Barre?

Ich habe immer versucht, dagegen an zu gehen. Mit dem Hörspiel Baal von Brecht, mit Kammerflimmern, jetzt mit Schiller – alles eben extreme Figuren, die sich nicht klassifizieren lassen, auf hübsch, blond, gut aussehend. Ich war mal ein bisschen dicker, mal ein bisschen dünner, habe hier und da trainiert. Gerade von den Äußerlichkeiten her bin ich sehr bemüht, mich zu verändern, damit man mich nicht festlegen kann.

Sie waren ein dickes Kind.

Das stimmt. Aber für Schiller war es genau das Gleiche: ich musste sechs Kilo abnehmen, hab dann aber soviel getrunken in der Zeit, dass ich wieder rasend schnell zugenommen habe. Ich stand körperlich so unter Hochspannung damals – der hat sich den Zucker aus dem Alkohol geholt, so schnell konnten die gar nicht gucken.

Ihr Vater hat Sie gar als fette Sau beschimpft. Brauchen Sie Tritte in den Hintern?

Nein, denn ich bin eigentlich sehr diszipliniert. Aber ich habe auch Leute in meinem Umfeld, die sehr genau auf mich gucken, die auch mal sagen – das und das war nicht gut. Das ist am Anfang schwerer zu ertragen, weil man für Kritik aus der eigenen Familie oder dem engeren Freundeskreis doch angreifbarer ist. Ich brauche in gewisser Weise schon manchmal einen Tritt, aber nicht, was den Beruf angeht und meine eigene Disziplin darin.

Sie stammen aus einer Schauspielerfamilie – gab es da je eine berufliche Alternative?

Es gibt immer Alternativen, aber nicht für mich. Ich bin so aufgewachsen, Schauspielen war immer mein Leben. Mit Mama und Papa ab zur Vorstellung, ab zur Probe, zwischendurch Kantine. Hort – Schule – Theater – das war schon immer so.

Oft steigert so eine Herkunft den Erwartungsdruck.

Bis jetzt nicht. An der Schauspielschule wurde man natürlich drauf angesprochen, weil die meine Eltern kannten. Und früher war das immer relativ entspannt und angenehm. Ich war dadurch öfter einsam und allein, musste mehr mit mir selbst ausmachen. Aber heutzutage ist das komplizierter. Man trifft auf gleichgesinnte Kollegen, jeder hat seinen Denkrhythmus dem Beruf gegenüber und wenn wir dann zusammentreffen, können das vier Leute sein, von denen jeder seinen Brei abgibt, wo einer sagt: siehst du, da warst du wieder privat, der sagt wieso, war doch geil, der nächste meint, der Film sei aber doch Kacke und der andere dann wieder, wieso, war doch toll. Da kriegt man oft nicht die richtige Richtung.

Spielen Sie in Schiller eigentlich Theater oder Film? Die Grenze verwischt manchmal.

Wirklich? War es Ihnen zuviel gespielt?

Es könnte dem breiten Publikum zu viel, zu intensiv gespielt sein.

Das hab ich mir auch überlegt. Es ist eine ganz schön heftige Nummer, man kriegt viel um die Ohren geknallt. Aber das war damals so, es steckte ein anderer Pathos in der Geschichte; deswegen agiert Schiller so heftig. Mir persönlich ist es auf jedem Fall nicht zuviel, weil ich Theater auch sehr mag. Die Frage ist: Wie viel Normalität wollen die Menschen und wie viel Extreme? Amadeus von Milos Forman war ja genauso Theater im Film.

Das war noch nicht die Antwort: Ist Schiller abgefilmtes Theater oder ein Film mit Theaterelementen?

Ein Film mit Theaterelementen.

Wo ist der Unterschied?

Ganz plakativ: für abgefilmtes Theater bräuchte ich eine Bühne, auf der ich die ganze Zeit spielen kann. Aber der Film hat ja auch viele stille Momente und man spielt für Reihe 25 genauso wie für Reihe 1. Da geht es um Pathos. Der Film braucht das Pathetische, damit man bis ganz nach hinten kommt. Das ist wie auf der Bühne – wo man mit soviel Kraft spielen muss, dass man auch dort ankommt. Und wenn du einen stillen Moment hast, was der Film auch benötigt, damit du vorne dem Zuschauer direkt ins Ohr flüstern kannst.

Heißt das, ein Film muss alle Leute erreichen können?

Genau.

Droht nicht der Mainstream, wenn man für alle spielen will?

Man kann’s für alle machen, solange man den Kunstanspruch nicht verliert. Bei den Klassikern kann es zum Beispiel gar kein Mainstream werden, solange man den Texten treu bleibt, den Autoren, das waren ja große Schriftsteller.

Haben Sie Angst vor dem Mainstream?

Nicht, wenn er gesund ist, mit einer gewissen Art von Intellekt. Wenn der nicht herrscht, habe ich Angst vorm Mainstream.

Mussten Sie ihn schon mal spielen?

Früher ja. Damals dachte ich: Lieber Gott, hilf mir, die Füße auf dem Boden zu lassen.

Was war das?

Das sag ich nicht.

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One Comment on “Matthias Schweighöfer: Jungwild & Superstar”

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