Harald Schmidt: Zottel & Zynismus

Ohne Schmidt?

Nach fast 2000 Sendungen in knapp 20 Jahren verlässt Harald Schmidt die Late-Night und damit wohl endgültig auch das Fernsehen insgesamt. Ein leicht nostalgischer Abgesang

Von Jan Freitag

Fernsehen ist – und das nicht erst, seit ihm die kommerzielle Konkurrenz Beine macht – ein Experimentierfeld bürgerlicher Tabubrüche. Schwule Küsse und nackte Früchte, Sportreporterinnen und Realitätssimulationen, Berieselung zum Frühstück, Sex nach Mittag, Gewalt am Abend, Porno zur Nacht – je nach Zeitgeist haben auch öffentlich-rechtlich Sender immer wieder versucht, Belastungsgrenzen ihres Publikums auszuloten. Und auch, wenn es die Privaten mit brachialeren Mitteln versuchen: Allerorten geschieht all dies doch mit den Mitteln milder Verstörung.

Zum Beispiel Zotteloptik.

Es war im Dezember 2004, als ein bekanntes TV-Gesicht zugewachsen wie Berlin-Hipster 2014 zur alten Tante ARD heimkehrte, wo es 15 Jahre zuvor erstmals in Erscheinung getreten war. Und es ging ein Aufschrei des Entsetzens durchs Land, wie es bitte sein könne, dass ein gebührenfinanzierter Moderator sein graues Haupthaar überm wilden Vollbart auf Schulterlänge trägt? Dass zudem die gleichen Unflätigkeiten aus ihm purzeln wie in den Jahren zuvor bei Sat1? Dass da einer bewusst die Spielregeln des alten Staatsfunks missachtet? Einfache Antwort: Harald Schmidt darf das.

Denn Harald Schmidt ist gewissermaßen der Fleisch gewordene Tabubruch des hiesigen Mainstreamprogramms. Er macht Witze über Neger, selbst (oder gerade) wenn ringsherum die Heime der Asylbewerber (die er mit kindlicher Freude Asylanten nennt) brennen. Er macht Witze über Frauen, selbst (oder gerade) wenn ihnen die gläserne Decke (aus schickem Swarovski-Kristall) auf den Kopf fällt. Er macht Witze über alles Leid der Erde, selbst (und gerade) wenn es unser Gemüt (das ihm im Zweifel stets zu deutsch ist) bis zum Bersten strapaziert. Kurzum: Harald Schmidt, dieser schwäbische Zyniker aus dem pietistischen Haushalt heimatvertriebener Katholiken, er hält dieser Republik seit nunmehr einem Vierteljahrhundert den Zerrspiegel heuchlerischer Moral, doppelzüngiger Entrüstung und scheinheiliger Sittenstrenge vor.

Und wie so oft, wenn die einsamen Mahner in der Wüste predigen, wenn Neunmalkluge Finger in Wunden legen oder Weltverbesserung anders als im Befehlston daherkommt, erstarren die Menschen dieser Nation förmlich vorm Mut zur Offenheit und sind nur zu zweierlei in der Lage: Vergötterung oder Abscheu, gern beides in einem. Doch damit ist ab heute, Punkt 23 Uhr, Schluss. Wenn Harald Schmidt dann vor ein paar Tausend Zuschauern des kostenpflichtigen Spartenkanals Sky Hits und ein paar Tausend mehr beim einmalig parallel sendenden Youtube-Channel nach fast 2000 Ausgaben seine letzte Late-Night-Show abmoderiert, dann geht eine Ära zu Ende. Und wie so oft, wird die Masse der Menschen erst wirklich wissen, was sie an etwas hatte, wenn es verschwunden ist.

Schließlich war Harald Schmidt gefühlt schon immer da. Wie Lindenstraße und Tagesschau. Wie Quotendebatten, Vollbärte, Wetten, dass…?. Wie das Fernsehen insgesamt. Dabei hat er es erst vor 25 Jahren betreten, als der Zuschauer noch treu war, Glattrasur die Regel und Frank Elstner längst runter vom Wettsofa. 1989 nämlich wurde der unbekannte Kabarettist Schmidt von einem kaltkriegerisch klingenden Funkhaus namens Sender Freies Berlin ins Erste Programm gespült, wo er bald darauf Robert Lembke kopierte (Pssst), später das aufmüpfige Privatfernsehen (Schmidteinander) und in beiden Fällen bewies, wie respektlos es selbst öffentlich-rechtlich zugehen kann, wenn die Gremlins der Gremien, wie Schmidts Mitaufsteiger Günther Jauch seine ARD-Arbeitgeber in spe mal nannte, grad ihr Mittagsschläfchen hielten.

Als sie daraus erwachten, wurde der unbotmäßige Harald kurz in die biedere Rentnerbespaßung Verstehen Sie Spaß?. Doch als den zuständigen Verwaltungsbeamten aufging, welches Talent sie da im Tarifsystem verbrannten, war Schmidt auch schon bei Sat1. Damals als vermeintlicher Kanzlersender noch so etwas wie relevant, servierte er dem hiesigen Markt von dort aus das uramerikanische Talken zur Nacht, was zwar nie wirklich erfolgreich war, aber immer vieldiskutiert und somit: bedeutsam. Wenn heute kurz vor der Geisterstunde die letzte Zote gezündet, das letzte Tabu gebrochen wurde, wenn Uli Hoeness zur Strafe in Wiktor Janukowytschs Goldbrokatvilla gewünscht wird und den Krimbesetzern eine Natursektdusche, dann ist die importierte TV-Institution Late-Night knapp 20 Jahre nach der ersten „Harald-Schmidt-Show“ ähnlich Geschichte wie das Wählscheibentelefon.

Denn wer könnte Deutschlands giftigstem, klügstem, selbstgerechtestem, besten Sendezeitvergeuder folgen? Auf diesem Friedhof der Alphatiere liegen ja schon Gottschalk, Engelke, Pocher oder der talentierte Mr. Stuckrad-Barre begraben. Um der alten Zeiten Willen, sollten Nostalgiker also heute um viertel nach zehn bei Youtube reinschauen, wo der angehende Rentner von 56 Jahren die alten Sidekicks von Olli Dittrich über Jürgen Vogel bis Pierre M. Krause um sich schart und dann geht. Mit einem Lachen. Experiment beendet, Patient tot

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