Indiepopfriday: Reptile Youth, Joan As Police Woman

Reptile Youth

Beim Dekorieren ist der Pop beliebig. Er bohrt die dünnen Bretter genauso gern wie die dicken. Geht mal dezent, mal über-, aber nie ganz ungeschminkt aus dem Haus. Er hat es zwar gern schick und gediegen, verwendet dafür allerdings oft ein bisschen viel Gold, Flitter, Tralala. Der Pop kann also beides sein: Sanfter Verführer und billige Bitch. Reptile Youth ist sogar beides in einem. Und das gleich eine ganze Platte lang, die zweite nach ihrem gleichnamigen Debüt. Und definitiv die bessere. Denn anders als vor zwei Jahren halten die Kopenhagener Mads Damsgaard Kristiansen und Esben Valløe auch auf Platte, was sie live bereits zuvor als Reptile & Retard verhießen: furiosen Indiepop zu machen, der die Kraft ihrer Bühnenshows ein wenig besser auf Tonträger bannt.

Rivers That Run For A Sea That Is Gone legt von Anfang an los wie auf chemischen Drogen, aber noch ziemlich bei Sinnen. Zehn Stücke Hit-Potenzial, bewahrt sie sich dabei aber stets den Gestus des Alternativen. Und so klingt bereits Above zum Auftakt, als würden die Last Shadow Puppets und Robby Williams zurück in die Achtziger teleportiert, um dort mit Blondie eine Superband zu gründen. Das klingt dann, wonach es sich anhört: Nicht nach dem ganz großen, nie gehörten, lang ersehnten Wurf wider das Radiogedudel, sondern nach dem Versuch, dessen Trash ihm noch etwas mehr abzugewinnen als die Vermengung tradierter Zeichen. Mit wirren Samples, schmissiger Harmonie und sinnreduzierten Refrains in englischer Sprache geht einfach eine Dreiviertelstunde die Poppost ab, ohne sich je irgendwo anzubiedern. Und da hat man sie noch nicht live gesehen…

Reptile Youth – Rivers That Run For A Sea That Is Gone  (Internet Rec. 2014)

Joan As Police Woman

Allzu großes Wohlbehagen ist bekanntlich oft der erste Schritt zur Selbstgenügsamkeit. Als echte Zufriedenheit vernebelt es vielen schließlich die Sinne mit eitel Sonnenschein bis Trallala. Zum Glück gesteigert, droht gar Stillstand. In Glücksgefühlen macht man es sich auch allzu gern gemütlich. Das hemmt Entwicklungen. Und zuweilen lähmt es auch. So gesehen ist nichts Gutes zu befürchten, wenn Joan Wasser sagt: “So gut wie jetzt ging es mir noch nie in meinem Leben.” Wie zum Beweis klingt das neue Album ihres Bandprojektes Joan As Police Woman anfangs nach, genau, eitel Sonnenschein. Und das ist zunächst mal keine gute Nachricht. Mit ihrem Debütalbum Real Life (2006) hatte die singende Geigerin von der US-Ostküste den Independent mit gediegenem Pop befeuert: Praktisch jedes Stück darauf wurde zum Gassenhauer für Musikidealisten. Platte drei, The Deep Field, ging fünf Jahre später sogar noch zwei Schritte weiter und fügte ihrem Singer/Songwriting einen Soul hinzu, der tief aus Joan Wassers Seele in den Kopf zu drängen schien und auf dem Weg das Herz berührte. Jetzt kommt also The Classic hinzu und klingt gleich zu Beginn, nun ja, glücklich. Als hätte die grandiose Joan mit Anfang 40 endlich den Richtigen getroffen.

Diese Unbeschwertheit in hörbaren Pop zu verwandeln, ist natürlich keinesfalls verwerflich; nichts gegen schöne Liebeslieder! Aber Joan As Police Woman verband ja bislang die unerträgliche Leichtigkeit des Seins mit einer bittersüßen Schwere, die von weiblicher Selbstbehauptung ebenso zeugte wie von Verletzbarkeit, Hingabe und Rausch. Da verstört es ein wenig, wenn der Song Witness das Album mit lebensbejahendem Motown-Klang einleitet. Wenn das anschließende Holy City etwas funkigen Philly Sound hinzufügt. Wenn sodann das Titelstück ein paar Jahrzehnte rückwärts in den Girl-Group-Doo-Wop wandert, wo das Stimmungsbarometer die biederen fünfziger Jahre erreicht.

Joan As Police Woman – The Classic (PIAS); mehr Text und die ganze Platte gibt es unter: http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/03/07/joan-as-police-woman-classic_17680

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