Reissäcke & Haschtüten

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

10. – 16. März

Ob man die Strafe nun zu hoch findet oder zu niedrig, die Häme zum Lachen oder Kotzen, die Phrasen von „Fehler meines Lebens“ bis „zurück zur Steuerehrlichkeit“ hohl oder erhellend: So groß war die Überraschung, dass mal einer von ganz oben die volle Wucht des Gesetzes zu spüren kriegt, dass es der „Tagesschau“ am Tag nach dem Urteil allen Ernstes einen Kameraschwenk auf jenen Knast wert war, den Uli Hoeneß künftig bewohnen wird. Umso angenehmer ist das Ende der Hoeneß-Wochen auf allen Kanälen. Echte Nachrichten können sich fortan wieder auf Dinge konzentrieren, deren Informationsgehalt etwas deutlicher überm Prominenzfaktor der Beteiligten liegt, während Karikaturen echter Nachrichten wieder letzteres ohne ersteres bringen dürfen. Wobei sich die grundlegenden Unterschiede zwischen ARD und RTL2 auch abseits vom verurteilten Bayern-Präsidenten zuweilen irritierend annähern können. Etwa, wenn die Tagesschau am Mittwochabend ohne Schamesröte vermeldet, von Michael Schumacher gebe es nichts zu vermelden, außer dass seine Familie auf Besserung hoffe, wogegen der berühmte Sack Reis in China doch glatt als gewaltiger Scoop daherkäme.

Ähnlich der Neuigkeit, Harald Schmidt habe das Fernsehen am Donnerstag auf Sky ohne besondere Vorkommnisse verlassen, einfach so, „ich verabschiede mich jetzt ins Privatleben“ hat er gesagt, ab und Vorhang. Zeit also für neue Gesichter im satirischen Nachttalk, einen Pierre M. Krause zum Beispiel, der in Schmidts Abschiedsshow abermals zeigte, dass noch frisches Blut durch öffentlich-rechtliche Adern läuft. Auch wenn ARD und ZDF es chronisch in die Spartenkanäle pumpt.

Von denen wird es allerdings einen nun doch nicht geben. Die Planungen für einen Jugendsender waren schon ziemlich weit fortgeschritten, als die Konferenz der Ministerpräsidenten das Angebot für 14- bis 29-Jährige am Donnerstag mal wieder auf die lange Bank schob. Stattdessen beschlossen die Landesfürsten, den Rundfunkbeitrag um radikale 49 Cent zu senken. Vielleicht sind das ja die nötigen Mittel die fehlen, um der Internet-Satire Der Postillon im NDR etwas ein klein wenig mehr Sendezeit als jene 15 Minuten nach Mitternacht im NDR zu gönnen, die das Online-Portal dort ab April kriegt.

TV-neuDie Frischwoche

17. – 23. März

Ansonsten gibt es dort auch diese Woche überwiegend Heimatduselei und Krimiwiederholungen. Weshalb man getrost mal einen Sender empfehlen kann, die sonst das exakte Gegenteil von empfehlenswert ist. RTL nämlich, das heute mit dem Jenke-Experiment die nächste Staffel seines einzig relevanten Formats neben dem Dschungelcamp in die 2. Staffel schickt. Um 21.15 Uhr macht sich der bemerkenswert unkommerzielle Realitätstester Jenke von Wilmsdorff probeweise zum Hardcorekiffer. Einen Typen also, wie ihn der Boulevard unlängst zwischen den Zähnen hatte, als er den allerersten Haschtoten zur Topnews machte. Zu Recht, denn nun droht ja offensichtlich ein Massensterben auf dem Niveau mittlerer Weltkriege.

In denen bekanntlich nicht nur getötet, sondern auch geklaut wird. Das zeigt heute um 23.15 Uhr Hitlers Schatz im Berg, den zwar nicht – wie das hiesige Fernsehen in seinen Titeln ständig insinuiert – der Führer allein gehortet hatte. Der ARD Film ist sozusagen die Begleitdokumentation zu Clooneys Monuments Men im Kino. Aber um im Jubiläumsjahr des Attentats von Sarajevo nicht dauernd vom ersten großen Völkerschlachten zu reden, kommen wir lieber kurz zum Gegenteil vom Ernst des Lebens. Die Hohlbeins zum Beispiel, auf dem sich die Familie des Fantasy-Autors mit Vornamen Wolfgang ab heute sechs Teile lang bei RTL auf die debile Spur der Geissens begibt. Auf die Spur des eigenen Programms dagegen begeben sich Mittwoch Die 10 pikantesten Bachelor-Momente, womit der gleiche Kanal dann doch wieder beweist, dass man für Sendezeit ja nicht auch noch Inhalte verbrauchen muss.

Dafür gibt es schließlich Arte, das morgen nach einem Themenabend zum ersten Amtsjahr von Papst Franziskus erst dokumentiert, Wie wir (zwangsverpflichtete russische Bauarbeiter Anfang der 30er Jahre nämlich) die Metro in Moskau bauten, und schließlich das Filmexperiment Art of Killing zeigt, in dem indonesische Putschisten von 1965 mit ihren einstigen Opfern konfrontiert werden. So verstörend, so brillant. Nicht ganz so brillant, aber immerhin irritierend ist Ottfried Fischers Rückkehr als Pfarrer Braun, den er Donnerstag im Ersten zum 22. Mal spielt – und zwar wie im richtigen Leben von Parkinson gezeichnet, was in einer gewohnt belanglosen Reihe ungewohnt authentisch gespielt ist. Und während es beim Schweiger-Tatort vorige Woche genau umgekehrt war, dürfen die Kölner Kollegen diesmal wieder alles richtig machen. Auch wenn die Geschichte über einen tödlichen Hausbrand eher Familientragödie als Krimi ist.

Zu guter Vorletzt noch die beste Nachricht des Wochenendes: Mit den Finales diverser Sportarten endet das Wintersport-Sperrfeuer auf zwei gebührenfinanzierten Vollprogrammen, die bei der gestrigen Übertragung der abschließenden Parlympics-Party wieder Putins Jubelperser spielten, statt den Aggressor mal vom Bildschirm zu verbannen. Aber dann müsste man am Ende noch sperriges Fernsehen wie dem Tipp der Woche anständige Sendeplätze geben, statt abseitige Nischen. Die französische Komödie Der Name der Leute, wo eine linke Aktivistin Konservative jeder Art beim Beischlaf umdreht, läuft daher heute auf einsfestival. Na immerhin.

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