Interviewfriday: Dÿse

Tempiwechsel? Wir?

Seit zehn Jahren schon gibt es die Gruppe Dÿse aus Jena und Chemnitz, aber noch immer ist ist das Mathrock-Duo ein echter Geheimtipp. Warum eigentlich? Andrej Dietrich (Gitarre, Gesang) und Jarij van Gohl (Drums, Gesang) machen zwar unglaublich vertrackte Musik, aber das mit einer Virtuosität, die ihresgleichen sucht – und dafür nicht mal einen Bass benötigt. Die zwei Lebenskünstler des Noise über Instinkte, ihre neue Platte Das Nation (Cargo Records) und wie man mit Alternative reich wird.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Andrej, Jarij, auf eurer neuen Platte „Das Nation“ klingt ihr zwar etwas geradliniger als auf den zwei zuvor. Trotzdem frage ich mich als Schlagzeuger und Hörer auch dort ständig: wie merkt man sich eigentlich eure ständigen Tempiwechsel und krummen Taktfolgen?

Andrej: Wir machen Tempiwechsel?

Jarij: Wir machen Tempiwechsel! Die muss man aber als Teil eines Prozesses sehen, in dem wir unsere Songs stark reflektieren. So oft, wie wir unsere Stücke proben, läuft der Takt in unseren Köpfen im Grunde genommen ab wie ein Film. Je öfter man den gesehen hat, desto mehr Passagen kann man mitsprechen und irgendwann beherrscht du ihn halt ganz. Das heißt, wir zählen da nichts mehr mit, sondern haben den Rhythmus so verinnerlicht, dass er aus uns rauskommt.

Andrej: Trotzdem ist das natürlich nicht nur Gewöhnung; man muss die Parts auch fühlen.

Hat das dann mit Instinkten zu tun?

Andrej: Unter anderem.

Jarij: Zumal wir ja auch schon ganz schön lange zusammenspielen, fast zehn Jahre. Da hat sich natürlich ein blindes Verständnis entwickelt, dass besonders zum Tragen kommt, wenn wir live improvisieren, was wir sehr gerne machen.

Andrej: Da merkt man schnell, worauf der andere hinaus will und stellt sich darauf ein.

Wie ein altes Ehepaar.

Jarij: Das müssen wir leider bejahen.

Als ihre geheiratet habt, hat man euch bei Indiepedia noch unter der Kategorie Mathrock eingeordnet, jetzt eher unter Noise. Warum?

Andrej: Was wir machen, klingt natürlich schon oft sehr mathematisch und ist es auch, manchmal sogar zu sehr. Als wir zum Beispiel im Oktober mit einem Konzertpianisten ein Stück namens „Sonne glänzt“ spielen wollten, ist der mit unserer Rhythmik absolut nicht klargekommen. Zwischen jedem Takt eine andere, viele Verschiebungen, damit spielen wir halt gern. Das liegt uns förmlich im Blut.

Jarij: Es ist förmlich zum Teil von uns geworden, aber als Mathrock würde ich uns trotzdem nicht bezeichnen. Schon weil wir ja auch singen. Da passen andere Label besser, glaube ich.

Zum Beispiel?

Jarij: Na, unser eigenes! Wenn wir gefragt werden, was macht ihr denn eigentlich für Musik, dann antworten wir schon eine Weile: New Wave of German Noise Rock. Das ist sozusagen unsere Antwort auf die New Wave of British Heavy Metal aus den Achtzigern. Mit einem Begriff allein sind wir halt nicht zu fassen.

Auch nicht mit dem des DIY, den ihr durch das Stück Die Ai Wai auf der neuen Platte zitiert?

Andrej: Sachen selbst anzupacken, die Musik eigenständig zu schaffen, vom Cover über die Konzerte bis zum Set alles aus eigener Kraft zu gestalten – diese Elemente des DIY waren auf jeden Fall schon immer unser Antrieb.

Jarij: Unser Herz liegt noch im DIY, der Geist durchströmt uns.

Andrej: Aber zu einer Szene würden wir uns da jetzt nicht zugehörig fühlen, weil es die als solche ja gar nicht gibt. Dennoch liegt das Organisatorische weiter vor allem in unseren eigenen Händen, auch wenn wir mittlerweile mehr Hilfe haben.

Trotz aller Hilfe kommen Dÿse aber weiterhin ohne Bass aus. Warum verzichtet ihr auf den?

Jarij: Äh…

Andrej: Äh…

Jarij: Weil wir uns irgendwann mal irgendwo Backstage getroffen hatten und zu zweit geblieben sind. Denn diese Zusammensetzung ist zwar formal extrem limitiert, eröffnet aber inhaltlich großen Spielraum, weil man natürlich mit dieser begrenzten Auswahl der Mittel äußerst kreativ sein muss, um fehlende instrumentelle Vielfalt zu kompensieren.

Andrej: Das verlangt uns genau so viel ab, wie es uns gut tut.

Ist es da bloß ein Live-Gimmick, wenn ihr euch auf der Bühne Beatboxer dazuholt, oder ist das am Ende doch die Suche nach einem weiteren Rhythmusinstrument?

Andrej: Weder noch. Wenn sich die Möglichkeit ergibt, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die uns inhaltlich und menschlich weiterbringen, machen wir so was sehr gern. Da gab es schon Trompeter, einen Chor. Aber das sind immer eher Spannungsmomente als echte Alternativen.

Jarij: So kommt mehr Klangfarbe in unser Set. Außerdem haben wir den Anspruch, dass Leute, die zum dritten Mal Dÿse sehen, drei unterschiedliche Konzerte erleben können. Ich kenne das ja von mir selber: Um eine Band mehrfach zu sehen, muss sie mich schon immer wieder neu überraschen. Wir hören das immer wieder, dass Leute meinen, wir seien immer wieder anders. Und das ist immer wieder geil. Weil wir aber auch als Band nicht bloß im eigenen Saft schmoren wollen, laden wir uns halt immer wieder Kollegen ein, mitzuköcheln.

Andrej: Und unser Kollegenkreis ist groß genug, um da auch fündig zu werden.

Die Koordinierung ist allerdings schwer, wo ihr doch nicht in der gleichen Stadt wohnt.

Andrej: Das haben wir eigentlich noch nie getan. Jarij ist aus Jena, ich aus Chemnitz, jetzt leben wir in Dresden und München.

Jarij: Wir führen eine Fernbeziehung.

Andrej: Aber vielleicht hilft uns ein wenig Distanz auch dabei, unsere Kreativität besser ausleben zu können.

Jarij: Und wer will seinen Partner schon jeden Tag sehen, ehrlich. Aber wir haben einen Proberaum in Dresden, einen in Berlin, nutzen den auf Mallorca zwar nur selten (lacht), finden aber eigentlich immer zueinander, wenn es drauf ankommt. Dann wird halt gespielt, bis es qualmt. Aber wir haben ja auch noch andere Sachen zu tun.

Richtige Lohnerwerbsjobs?

Jarij: Genau. Ich gebe, was ein bisschen nahe liegend ist, Schlagzeugunterricht. Mache aber auch ein bisschen Sounddesign und Komposition. Außerdem gibt es noch musikalische Nebenprojekte. Zuletzt habe ich zum Beispiel angefangen, Architektur zu vertonen, etwa fürs Bauhaus Dessau. Das nennt sich dann akustische Denkmalspflege.

Andrej: Ich mache alle möglichen Jobs, wenn auch schlecht bezahlte, vor allem handwerklich. Außerdem schreibe ich gerade ein Klassikset, wofür ich allerdings viel zu wenig Zeit finde. Letztes Jahr hab ich auch viel Theatermusik gemacht, aber es ist schwer, da Aufträge zu bekommen.

Jarij: Im Moment stecken wir halt sehr viel Kraft und Zeit in Dÿse.

Verdient ihr damit denn richtig Geld?

Jarij: Wenn wir mit dieser Art Musik kein Geld verdienen würden, hätten wir das vermutlich nicht zehn Jahre auf dem Level durchgehalten.

Andrej: Es war auf jeden Fall ein Ziel, damit Geld zu verdienen und das klappt auch schon ganz gut. Allein davon leben zu müssen, fiele uns allerdings schwer.

Jarij: Es trägt halt seinen Teil zum Lebensunterhalt bei. Aber darüber hinaus macht Dÿse uns halt seit jeher unglaublich viel Spaß, auch das Touren, die Menschen, die wir treffen, alles. Und man kann nach den Konzerten eine Weile damit zurecht kommen.
Andrej: Reich wird man damit allerdings nicht.

Jarij: Noch nicht! Wir wachsen langsam, aber stetig. Wir machen aber ja auch keine Popmusik, der Mainstream wird uns immer fern bleiben. Aber wer weiß – vielleicht versteht die Welt ja irgendwann, worum es in der Musik wirklich geht. Dann schlägt unsere Stunde.

Der Text ist vorab erschienen unter: http://www.musikblog.com/2014/03/wir-wachsen-langsam-aber-stetig-dyse-im-interview/

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