Staatsfunk & Grimmepreise

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

24. – 30. März 2014

Wie flach am Boden die deutsche Fernsehshow liegt, wie tief das einstige Flaggschiff der TV-Unterhaltung nicht bloß gesunken ist, sondern versenkt wurde, zeigte sich vorige Woche in Gestalt zweier Moderatorinnen, die ihre Würde sprichwörtlich an der Garderobe abgeben: Quasi unbekleidet, also willig zur Degradierung als Projektionsfläche männlicher Zugriffsphantasien, stellten sich zur besten Sendezeit erst Mittwoch Michelle Hunziker, tags drauf Helene Fischer an öffentlich-rechtliche Bühnenkanten – und es war grausam. Im ZDF-Fall Hunziker, weil „Die große Überraschungsshow“ völlig inspirationsfreies Niveaufasten war, im ARD-Fall Fischer, weil die kreative Leere der Echo-Verleihung sogar noch von deren erbarmungswürdiger Inszenierung unterboten wurde.

Man muss ich das mal vorstellen: Da sitzt praktisch alles, was massenmusikalisch in deutscher Sprache Rang und Namen hat, in einer lichtdurchzuckten Multiplexhalle und was passiert? Nichts! Keine Dramatik, Null Esprit, dazu ein Publikum, das zu jedem Live-Auftritt stoischer im Gestühl verharrte als beim Jazz-Echo. Nebst einer Gewinnerin namens Egli, die dann auch noch RTL für irgendwas dankte, was ihren Absatz befördert habe. Im Grunde war die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom Mittwoch, den politisch berufenen Anteil der ZDF-Gremien künftig zu limitieren, also total hinfällig. Konservative Strippenzieher der Marke Edmund Stoiber und Roland Koch haben den „Staatsfunk“, vor dem der Erste Senat da warnte, schließlich längst als „Ballermannfunk“ verwirklicht.

Von daher ist die einzig echt relevante News aus Karlsruhe das abweichende Votum von Richter Andreas Paulus. Warum Parteien und Regierung überhaupt zur „Herstellung und Erhaltung der Rundfunkfreiheit dienen“, sei ihm völlig schleierhaft. Statt also weiter „Regierungspolitik“ in den Fernseh- und Verwaltungsräten zu betreiben, forderte er deren komplette Reinigung von allen legislativen wie exekutiven Kräften. Schöne Vorstellung, leider utopisch – würden die darüber am Ende ja selbst entscheiden. Also: wen bestimmen lassen über Wesen und Gestalt des gebührenfinanzierten Programms? Das Publikum, dieses amorphe Etwas, das den klebrigen Sat1-Bombast „Die Hebamme“ am Dienstag eine Quote auf dem Niveau vom wettenden Lanz verpasste? Übertroffen nur von der gotteslästerlichen ARD-Anmaßung „Um Himmels Willen“? Dann doch lieber Roland Koch im Ratssessel; der liefert wenigstens reales Entertainment…

TV-neuDie Frischwoche

31. März – 6. April 2014

Und das kann man diese Woche vom Regelangebot wie üblich zu keiner Tageszeit zweifelsfrei behaupten. Auch wenn eins davon zur festen Bank einer ausgewogenen Mischung von Dramatik und Relevanz geworden ist: Der Mittwochsfilm im Ersten, diesmal mit der gelungenen Mobbing-Studie „Neufeld, Mitkommen!“, in der die famose Nebendarstellerin Christina Große endlich mal in der Hauptrolle glänzt. Besser über die Kernkompetenzen einzelner Sender gibt allerdings das Parallelprogramm ab acht Auskunft: Das ZDF zeigt in der Champions League, wie wenig Staatsauftrag man mit wie viel Geld erfüllen kann. Pro7 zeigt mit „How I Met Your Mother“, wie viel private Sendezeit man mit einer Handvoll importierter Sitcoms rund um die Uhr füllen kann. RTL zeigt mit „Die 25 peinlichsten TV-Momente der Welt“, wie genüsslich man sich dabei im eigenen Erbrochenen wälzen kann. Sat1 zeigt mit „Die strengsten Eltern“ (natürlich auch „der Welt“), das solche Auswürfe auf allen Kanälen primetimetauglich sind. Und der der NDR zeigt mit „Wildes Deutschland“, wie man sie mit unablässigem Sonnenlicht als sahnige Mousse verkauft.

Dann doch lieber Rohkost, nicht üppig zubereitet, aber nahrhaft und lecker. So wie die Veganismus-Reportage „Da wird mir übel“, Donnerstag bei ZDFneo. Oder wie die heutige Nahost-Doku „Zwischen Hoffnung und Vorurteil“, bei deren Dreh ARD-Korrespondent Jörg Armbruster voriges Jahr angeschossen wurde. Und das ganze Salatbuffet wird Freitag von 19 Uhr bis weit nach Mitternacht serviert, wenn 3sat erst die Verleihung der Grimme-Preise aus Marl überträgt und im Anschluss den Preisträger 2012 „Dreileben“ wiederholt, mit dem drei Regisseure in drei Filmen auf geniale Weise die Jagd nach einem Serientäter variieren. Und um 23 Uhr sinniert mit Dominik Graf auch noch einer der Autoren mit Kollegen in der WDR-Doku „Es werde Licht“ – 50 Jahre Grimmepreis“ darüber, was gutes Fernsehen bloß ist.

Er würde wohl nicht grad den Knastarzt nennen, eine neue RTL-Reihe, die vermutlich hält, was der Titel befürchten lässt. Dagegen schon eher „Kommissar Süden“ (Dienstag, 22.15 Uhr, 3sat), diesen seelisch wunden Ermittler, der 2009 zwar diverse Preise bekam, aber leider keinen 3. Fall, da dem ZDF die Quote nicht passte. Die generiert es lieber durch „Die Mütter-Mafia“ über reiche Vorstadtzicken, die Annette Frier am Sonntag parallel zum Brandenburger „Polizeiruf“ das Prekariat zur Hölle machen: ganz witzig, aber harmlos. Was wohl auch für den so genannten Impro-Talk „Vier sind das Volk“ gelten dürfte mit dem Wigald Boning und Gleichgesinnte am Freitag um elf Politiker in Gesprächsrunden imitieren.

Geradezu saukomisch und doch bedeutsam ist dagegen der „Tipp der Woche“, Dienstag bei Sat1: „Almanya“, wo Nick Tschillers Assi Fahri Yardim zeigt, wie lässig man deutsche Immigrationsgeschichte erzählen kann.

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