Dumme Fragen & Wochenintelligenz

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

31. März – 6. April

Dimensionen achtlos zu vermischen, lehrte uns bereits der Kinofilm Zurück in die Zukunft, kann das Raum-Zeit-Kontinuum beschädigen. Der vorige Mittwoch war so gesehen eine Gefahr fürs Gesamtgefüge. Tags drauf sagte der Interviewte Jürgen Klopp im Interview übers Interview mit dem Interviewer Jochen Breyer, „ich gucke diese Interviews nach’m Spielen nicht, weil ich sie jetzt nicht für so wahnsinnig spannend halte“. Wäre er also nicht selber dabei gewesen, hätte der Trainer von Borussia Dortmund gar nicht mitgekriegt, was den Fortbestand unserer Existenz durch die Vermengung dreier Interviewebenen ins Wanken brachte. Nach einem Spiel der Champions League stellte der ZDF-Reporter als Frage getarnt fest, nach dem 0:3 in Madrid sei für Dortmund nun schon im Hinspiel alles durch.

„Oder?“

„Oder was?!“ antwortete das entgeisterte Gesicht des Befragten, der darob wütend das Studio hinter sich ließ und den stammelnden, nun ja, Journalisten nebst Co-Moderator Kahn allein zurück. Doch schon der folgende Freitag zeigte, dass mit dem Raum-Zeit-Kontinuum alles in Ordnung ist. Da präsentierten ARD und ZDF wie vor jeder Welt und Europameisterschaft in Hamburg ihr gemeinsames Übertragungskonzept – und alle waren wieder da: Beckmann, Scholl und Réthy, Intendanten, Chefredakteure oder Promisidekicks. Und davon abgesehen, dass alle Granden des Ersten Programms auf dem Luxushotelpodium mit Alsterblick artig Krawatte trugen, die des Zweiten jedoch keine, war erneut bemerkenswert, wie man sich zu überzogenen Videoclips, überdrehten Moderationen und überall nur Selbstlob feierte, wofür auch 2014 Gebührenmillionen rausgeblasen werden als gäbe es keine GEZ-Debatte. Zugegeben – das sommerliche Friede, Freude, Public Viewing wird wohl immer mal wieder von Reportagen aus einem Land unterbrochen werden, dem die WM überwiegend Nachteile bringt. Den Rest aber bebildern die beiden Fernsehdienstleister wie gewohnt mit den zwei, drei üblichen Klischee derartiger Live-Events. Diesmal: Zuckerhut samt Beton-Jesus und superduperfröhliche Brasilianer mit kaffeebrauner Haut.

Weniger froh und vom Teint her oft bleich sind dagegen jene Deutschen, die das private Begleitprogramm auch ab 12. Juni bevölkern. Wie die Landesrundfunkanstalten berichten, füllen die Kommerzkanäle ihren Tag nämlich zusehends mit offen oder heimlich gescriptetem Reality-TV. Allen voran RTL mit 32,7 %, noch überboten von der Schwester Vox, die ihr Publikum mehr als die Hälfte der Zeit mit der Simulation von Wirklichkeit betrügt. Dann doch lieber weiter Wetten, dass…? mit Markus Lanz erdulden, der Samstag seine beste Wettsendung ablieferte und im Konfettiregen – padautz – das Ende der einst größten Fernsehshow Europas zum Jahresende ankündigte. Ein unprätentiöser Abgang nach einer ordentlichen Leistung. Im Dezember also folgt also das endgültige Requiem aus Nürnberg. Die alten Moderatoren werden kommen, ein paar Weltstars, ein paar nationale, ganz sicher Peter Maffay und mindestens Iris Berben. Man wird ein wenig in Nostalgie schwelgen und dann heißt es endgültig: Operation misslungen, Patient tot, Lanz auch, Experiment gescheitert.

TV-neuDie Frischwoche

7. – 13. April

So wie das des RTL-Reporters Jenke. Es mag zwar seine Höhen haben, wenn er sich Selbsttests im Kiffen unterzieht. Das war journalistisch durchaus von Wert, einfach weil es keine reale Situation simulierte, sondern schuf. Sich wie heute Augen und Ohren versiegeln zu lassen, ist hingegen bloß das selbstgerechte Surragat echter Reportagen, die sich lieber mit Subjekten befassen als sie nachzuäffen. So gerät ein gut gemeintes Format ungewollt zum Minderheitenbashing wie einst die „Minstrel“ genannte Show weißer Schauspiele, die sich in der Schwarzweißära Hollywoods zu Negern maskierten und somit lächlich machten. Am Ende liefert der Kölner Krawallkanal eben doch nur ewigen Karneval.

Dem setzen die Öffentlich-Rechtlichen diese Woche zum Glück wahres Leben entgegen – und zwar selbst dann, wenn es fiktional zugeht. Mit der heutigen ARD-Dokumentation Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie etwa, wo es ab 23.30 Uhr um die Tradition prügelnder Erziehung geht, ebenso wie im preisgekrönten Berlinale-Film Barbara am Mittwoch auf Arte, wo die famose Nina Hoss aufs Neue belegt, wie reduziert man ein Stück DDR-Historie spürbar machen kann. Mit einer Themenwoche zum Thema Intelligenz, der 3sat so erstaunliche Themen wie Dumm geboren und nichts dazugelernt (Donnerstag) und Affen – einfach genial (Freitag) hinzufügt, ebenso wie mit der ungewöhnlichen Lisa Wagner als Kommissarin Heller, die dem ausgelaugten Genre am neuen Krimisamstag im Zweiten tatsächlich neue Seiten abgewinnt.

Irgendwo zwischen Realität und Inszenierung dagegen liegen zwei Talks der Spartenkanäle, die tausendmal mehr Aufmerksamkeit verdienen, als sie wohl kriegen. Morgen um Punkt 23.04 Uhr übernimmt der Nachwuchsmoderator Ingmar Stadelmann das gesendete Eins-Plus-Radio LateLine Live von Jan Böhmermann und braucht dabei nur einen Bruchteil des Entertainmentpotenzial seines Vorgängers, um besser zu sein als diverse Großtalker. An alter Stelle ganz neu ist die wunderbare Sarah Kuttner plus zwei bei ZDFneo zu sehen, zum Auftakt am Donnerstag mit Hannelore Elsner und dem Sänger Bosse.

Kaum zu glauben, dass Fernsehen noch besser sein kann. Geht aber. Samstag wiederholt Arte den ganzen Tag das dokumentarische Feuerwerk 24 Stunden Berlin, nur aus Jerusalem. Bei so viel Güte kann man ruhig mal gönnerhaft den Mantel des Schweigens um die Masche der ARD legen, den Ballermannsendern mit Daniela Katzenberger in der Hauptrolle des Mundartkrimis Frauchen und die Deiwelsmilch Zuschauer abzuluchsen – und ganz entspannt auf zwei Besonderheiten hinweisen. Den Start des Frauensenders TLC am Donnerstag, der es sich zwar zur Aufgabe macht, sein Programm gänzlich ironiefrei mit Frauenklischees zu füllen, aber witzigerweise vom gleichen Network erstellt wird wie der Mackerkanal DMAX. Besonderheit zwei: Der Tipp der Woche, heute (wie so oft) auf Arte: Die Verachtung, eine Satire aufs Filmgeschäft von 1963 mit Brigitte Bardot und Michel Piccoli.

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One Comment on “Dumme Fragen & Wochenintelligenz”

  1. Hallo Jan. Hab deinen Kommentar bei blog.zeit.de über das Fjort Video gelesen. Ich hab das Ding in kompletter Eigenregie gedreht und postproduziert. Das Budget für das Video lag bei 250 Euro. Dein Kommentar hat mich wirklich riesig gefreut. Danke!


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