Daniela Katzenberger: Silikon & Schauspiel

IMG_20140228_110731Ganz anders pushen

Daniela Katzenberger ist eine der seltsamsten Erfolgsgeschichten des Fernsehens. Jetzt (Donnerstag, 10. April, 20.15 Uhr) spielt sie auch noch die Titelfigur des ARD-Krimis Frauchen und die Deiwelsmilch. Porträt eines Medienproduktes, das sich grad freischwimmt, in einer Branche, der das herzlich egal ist.

Von Jan Freitag

Es gibt Fernsehprodukte, die sind ohne jeden Zweifel zutiefst künstlich: Alf zum Beispiel und die Sesamstraße, RTL 2 oder das Wettsofalachen von Markus Lanz. Dann gibt es Fernsehprodukte, die wirken ebenso unzweifelhaft echt. Alfred Biolek zum Beispiel und die Lindenstraße, das ZDF oder das Wettsofalachen von Thomas Gottschalk. Und dazwischen? Gibt es Daniela Katzenberger! Ein reines Fernsehprodukt, bei dem niemand wirklich zweifelsfrei wissen dürfte: ist die eigentlich real oder am Rechner erstellt, eine Installation quasi, also pure Produzentenfantasie. Eigens fürs Prollpublikum generiert? Solche Fragen stellen sich jedem einigermaßen wachen Geist, der den wasserstoffblondierten Superstar inszenierter Kommerzrealität bloß vom Bildschirm kennt. Plötzlich aber sitzt er in Fleisch und Blut und viel Silikon vor einem und beteuert, „Sie könnten mich glatt anfassen“. Das macht Daniela Katzenberger dann allerdings doch lieber selbst. Und wie! „Das Innere gehört schon immer zu mir“, antwortet der schönheitschirurgische Dauereingriff auf Beinen in einem hanseatischen Luxushotel auf die Frage nach ihren „natürlichen Seiten“ und presst beherzt das üppige Dekolletee zusammen. Denn merke: „Die unechten Dinge an mir sind sichtbar“.

Genauso tickt es nämlich, dieses ehemalige Nacktgirl der Bild, das vor exakt fünf Jahren den Lichtkegel konstruierter Popularität betreten und nie mehr verlassen hat. Seit ihrem ersten Auftritt in der Auswanderersoap Auf und davon bei Vox tut die „Katze“ praktisch alles, was aus Marketingsicht Aufmerksamkeit verspricht: Sie lässt sich die Augenbrauen absurd anheben und am Bildschirm erfolglos verkuppeln. Sie macht Werbung für alles und Retortenpop für die Charts. Sie leiht Frauenratgebern und Computerspielen ihren Namen. Sie tingelt praktisch durch sämtliche Foren und Formate ihres Genres. Kurzum: Sie liefert blondinenwitzdoof bis bauernschlau die bereitwillig modellierbare Folie diverser Publikumswünsche von Ballermannparty bis Wichsvorlage und beteuert zugleich mit ihrem allerarglosesten Katzenbergerlachen: „Ich habe kein Problem damit, nicht ernst genommen zu werden.“ Das glaubt man ihr sogar. Aber liegt das Problem nicht umgekehrt gerade darin, dass man PR-Produkte von Heidi Klum bis Konny Reimann statt zu wenig, eher viel zu sehr ernst nimmt? Dass ihnen im Streubombardement gestalteter Künstlichkeit längst eine Art Pseudorealität zuteil wird, die Wahrheit und Wahn schwimmen lässt? Die ARD jedenfalls fühlt sich gerade genötigt, diese These zu bestätigen. Heute Abend nämlich leiht es der pfälzischen Kosmetikerin ein wenig der eigenen Seriosität und schenkt ihr die Titelrolle des Mundartkrimis Frauchen und die Deiwelsmilch. Das ist so berechenbar wie überflüssig, und warum sie zu der Ehre kommt, ihren Heimatdialekt ganz oben auf der Besetzungsliste zu Markte tragen zu dürfen, das weiß die geschäftstüchtige Katzenberger sogar selbst ganz gut: „Weil man einen Film mit meinem Namen ganz anders pushen kann, damit es auch ja jeder guckt.“

Wer das wirklich tut, also zugucken, wird schließlich eine Sparkassenangestellte mit sehr tiefem Ausschnitt und rosa Plüsch um den Büromonitor erleben, die sich quasi selbst spielt und das sogar ganz gut. Flugs per Crashkurs für die offizielle Fiktion ausgebildet, verleiht die schauspielerische Quereinsteigerin dem öden Volksschwank als Hobbydetektivin Miri, die eine Intrige um Ölvorkommen im Weinberg enträtselt, somit durchaus erfrischende Lebendigkeit. Wenn aber derlei Trashgewächse noch das Beste am öffentlich-rechtlichen Angebot sind, erscheint es ja nur noch erbärmlicher, wie sich das Zweite da ans Stammpublikum der kommerziellen Konkurrenz ranwanzt. Und das hat mittlerweile Methode. Stefan Raab zum Beispiel war seit 1999 stolze achtmal zu Gast bei Wetten, dass…?, wo mit Cindy aus Marzahn kurzzeitig eine der übelsten Auswüchse privater Comedy zum Star avancierte, um den freien Quotenfall zu stoppen. Moderatoren wie Joko und Klaas, Lanz und Kerner, Lafer und Lichter flottieren frei zwischen gebühren- und werbefinanzierten Kanälen. Die Plage Reality-TV hält bis in die gediegenen Spartenkanäle wie Arte und 3sat Einzug. Zur wichtigen Primetime ist abseits von Tatort, Filmmittwoch und gelegentlich einer fiktionalen Perle im Zweiten kaum noch eine Grenze zum werbefinanzierten Fernsehen erkennbar. Und ihre Rolle als aufgebrezelte Teilzeitdetektivin, sagt Daniela Katzenberger, „wurde mir förmlich auf den Leib geschnitten“. Entwürdigender kann eine Aussage im Lichte vom Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kaum sein.

„Mein Name ist mein Kapital“, sagt die sehr blonde, sehr geschminkte, sehr künstliche, darin aber seltsam authentische Frau von 27 Jahren noch und verabschiedet sich vom PR-Termin des Zweiten, „das muss ich doch nutzen“. Damit ist wenigstens Daniela Katzenberger so ehrlich, wie es ARD und ZDF mal sein wollten. Früher, als Alf und Alfred Biolek noch für Fiktion und Realität im Programm standen. Lang ist’s her.

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