Songwriterfriday: Sasa & der Bootsmann, Sebastian Hackel, Ryan Keen

Sasa & der Bootsmann

Es ist das ewige Dilemma deutschen Liedermachens, sich heillos am Chanson abzurackern. Von Mary Roos bis Pe Werner, von Reinhard Mey bis Georg Danzer – sobald gediegenes Singer/Songwriting zwischen Pop und Rock gerät, wird es für das eine zu hart, zu jazzig und für das andere zu leicht, zu poppig. Nun ist es gar nicht so, dass zwischen den Stühlen keine gute Musik entstehen könnte. Sie klingt dann bloß eben nicht wie Aznavour, Benjamin Biolay oder die grandiose Zaz, sondern zum Beispiel wie: Sasa & der Bootsmann.

Das Duo aus Hamburg macht exzellenten Pop für rot bestuhlte Nischentheater mit gutem Rotwein und belesenen Gästen. Vor denen liefern die Pianistin Sasa Jansen und ihr Gitarrist Stephan Möller-Titel bezaubernde Liederabende voll zarter Harmonien zu versiertem Doppelgesang. Nur bleibt auf dem Weg zum französischen Olymp(ia) auch ihr zweites Album Nimm alles oft stecken. Aber vielleicht ist der Vergleich ja ungerecht. Vielleicht würde echter Chanson mit verständlichen Texten ja einen Teil des Zaubers verlieren. Vielleich muss man nicht alles am größten Maßstab messen. Wahrscheinlich ist Sasa & der Bootsmann nämlich das Beste, was hierzulande im Singer/Songerwriter-Pop möglich ist. Keine perfekte Platte also, aber eine schöne. Manchmal reicht das.

Sasa & der Bootsmann – Nimm alles (Rhinozorro)

Sebastian Hackel

Aber am Ende reicht schön eben doch nicht immer. Womit wir bei Sebastian Hackel wären. Sebastian Hackel ist ein putziger Junge mit sehr langen Haaren, die er irgendwann zu kämmen aufgehört hat und somit zumindest optisch eher an jamaikanische Volksmusik als mitteleuropäisches Singer/Songwriting erinnert, was ja auch wieder bloß ein Klischee ist aber nun gut – selbst Schuld. Denn dieser blutjunge Musiker irgendwo aus dem Osten macht aus seinem Talent für anschmiegsame Harmonien das, was mit etwas mehr Offbeat auf jedes Reggaefestival passte und ein gehöriges Grundproblem aufweist: Er klingt nicht wie er selbst, er klingt wie der einzige deutschsprachige Sänger seit langem, der tatsächlich den Geist des Chansons verinnerlicht hat: Moritz Krämer.

Nun kann man das Sebastian Hackel ja gar nicht zum Vorwurf machen; die Debütalben von beiden sind 2011 ja nahezu zeitgleich entstanden. Was man ihm zum Vorwurf machen kann, ist, dass er sich auf der zweiten Platte namens Tageszeitenkurier nicht davon emanzipiert hat. Die 14 Stücke darauf wirken daher allesamt ein wenig bemüht leichtfüßig, so als müssten sie der Welt beweisen, dass die Menschen aus unserer Klimazone zum richtigen Leben im Falschen tauglich sind. Dann ist alles schön und toll im Text, es wird Barfuß die Elbe runter gelaufen und das Herz rät irgendwem irgendwas Gefühliges. Wie gesagt: Sehr stimmig das Ganze, im Quartett anspruchsvoll folkpopinstrumentiert, schaumig wie ein Milchshake und ebenso bekömmlich. Manchmal reicht das nicht.

Sebastian Hackel – Tageszeitenkurier (Welcome Home Music)

Ryan Keen

Und manchmal dann wieder doch. Dass die Kakofonie der Reizüberflutung immer wieder von stillen jungen Männern mit Gitarre durchdrungen wird, ist da entweder erstaunlich. Oder folgerichtig. Warum Ed Sheeran, William Fitzsimmons, Ben Howard oder der neue Songwritingsuperstar Mike Rosenberg alias Passenger mit ihrem Wenig bis Nichts aus klanglicher Reduktion und fehlender Performance teils mächtige Hallen füllen, hat auch damit zu tun, dass Bescheidenheit im Größenwahn zuweilen lauter klingt als das kollektive Brüllen. Im Sturm allgemeiner Erregung treibt ihr unaufdringlicher, fast scheuer Folk wie ein schwankendes Boot im Aberwitz. Und nun segelt also die nächste Jolle durchs Fahrwasser der großen Pötte. Es heißt Ryan Keen, stammt aus der englischen Grafschaft Devon, ist mit 25 Jahren vergleichsweise grün hinter den Ohren und singt, als sei er mit sich im Reinen allein auf der Welt.

Nur, dass eben immer mehr Menschen zuhören, wenn die Ryan Keens ihr Inneres nach außen kehren. Wenn ihre dürren Stimmen in den Wald pfeifen, we’re not just skin and bones, surrounded by the cold, dabei aber so flüchtig klingen, als setze die Kälte da draußen diesen großen, dünnhäutigen Jungs doch zu. Umso bemerkenswerter, dass auch dieses Exemplar aus der Wärme ins Freie tritt und sich seinen Gefühlen vor Fremden stellt. Das hat Keen vor seinem bezaubernden Debütalbum Room for Light bereits bei 260 Konzerten bis rauf auf die heiligen Bretter der Royal Albert Hall getan. Was natürlich den Verdacht aufwirft: Ist das vielleicht nur der nächste Hype des verwertbaren Folkpop? Es gilt zunächst die Unschuldsvermutung. Setzen wir also mal voraus, Ryan Keen sei kein postertaugliches PR-Objekt. Dass ihn also niemand in die Riege zuckersüßer Sänger hinein gecastet hat und sein Studium der – im Mutterland des Pop gibt’s das wirklich – “kommerziellen Musik” plus zugehörigem Managementjob nicht der bestmöglichen Selbstvermarktung diente. Glauben wir, diesen Ryan Keen gäbe es echt und nicht nur als Powerpointpräsentation seiner selbst. Dann wüchse hier das nächste Juwel des Understatements heran. Eins, dem man zum Auftakt stundenlang zuhören kann, ohne sich je zu langweilen.

Ryan Keen – Room for Light (Embassy of Music); mehr pics’n’Text’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/03/26/ryan-keen-room-for-light_17773#more-17773

Advertisements


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s