Leichenberge & Fichtelgebirge

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

7. – 13. April

Es ist schwer zu sagen, was weltbewegender war: Tatort 25 aus Münster, der die Grenze zwischen Schmunzel- und Qualitätskrimi auch im Jubiläumsfall nicht trennscharf zog. Oder doch der kollektive Versuch, den drohenden Totalverlust des Fernsehgedächtnisses zu verarbeiten, seit Markus Lanz im Konfettiregen das Ende von Wetten, dass…?“ versprach. Die „Bild“ gebar ihr übliches Geheimwissen über irgendwas, das sonst keiner hat, weil es nicht existiert. Der Internetpöbel pöbelte sein Biotop voll. Die Hochkultur weinte ins Feuilleton. Und auch sonst entsannen sich viele am verglimmenden Lagerfeuer ihrer persönlichen Wettgefühle. All dies zeigte ein paar Tage im Frühling, wie kalt die Welt ohne dessen Wärme zu werden droht.

So digital unterkühlt, so kommerziell erregt, dass Thomas Kausch sich genötigt sah, die maximale Wucht der Empathie zu bemühen: Als das Sat1-Gewächs im NDR an das Massaker von Ruanda erinnerte, reichte es ihm nicht, Zahlen zu nennen. Nein, es regnete „Gliedmaßen“ und „Blutströme“ nebst „Leichenberge“ vom Flatscreen, aus denen „Kinderhände“ ragten. Wenn Nachrichtenmänner mal Gefühle zeigen, werden sie halt ein bisschen rustikaler unters Publikum geprügelt.
Wenn Frauen Gefühle zeigen, wirken sie in der testosteronsatten Medienwelt dagegen zusehends wütend. Das zeigt besonders ProQuote in renitenter Regelmäßigkeit. Vorige Woche hat die Initiative emanzipierter Journalistinnen (und vereinzelter Kollegen) wieder aufs Geschlechterverhältnis ihrer Branche eingedroschen. Während sich der „Presseclub“ sonntags nämlich um Parität bemüht, beklagt die Vorsitzende Annette Bruhns von Plasberg über Jauch bis Will und Illner „Herren-Talks mit Alibi-Dame“. Wie Recht sie doch hat – obwohl der Sexus allein natürlich wenig über Qualität aussagt.

Sonst böte eine weitere Meldung ja per se Grund zur Freude. Doch während es eine gute Nachricht ist, dass der maskuline WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn bald „ARD-Koordinator Fernsehfilm“ wird, ist die Topbesetzung der „Gemeinschaftsredaktion Hauptabendserie“ mit einer Frau namens Jana Brandt das genaue Gegenteil. Denn schlimmer als all die realsozialistischen Abteilungstitel der „Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland“ ist schließlich nur noch die Tatsache, deren Reihenprodukte fortan ausgerechnet von der Fernsehfilmchefin des MDR gestalten zu lassen.

TV-neuDie Frischwoche

14. – 20. April

Für Außenstehende, mit Anspruch also oder sonstigen Qualifikationen: MDR, das ist der Sender, auf dem heute Abend Hansi Hinterseers Heimat besungen wird, morgen Der Osten, Donnerstag das Fichtelgebirge und auch sonst immer irgendwas, das Blut, Boden oder beides möglichst trachtenduselig feiert. Es ist also jener Sender, der sich mit dem NDR einen spannenden Wettkampf ums spießbürgerlichere Programm liefert. Meistens verliert ihn allerdings dann doch der seinerseits süffig lokalpatriotische Nordfunk. Schon allein wegen seiner starken Magazine zum Wochenbeginn von Markt und 45 Min (Montag) bis Visite und Panorama 3.

Überhaupt – das Sachfernsehen. Wenn sie wollen, beweisen die Formate des Ersten wie die des Zweiten Programms, was das private gar nicht hinkriegen will. Dann läuft heute um 22.45 Uhr mit der Doku Milliardenpoker Formel 1 die inoffizielle Bewerbung der ARD, niemals Bernie Ecclestones Benzinzirkus senden zu wollen, während die Reihe 37º morgen nach dem Traumschiff den Niedergang des kleinen Einzelhandels am Beispiel dreier Ladenschließungen zeigt. Parallel dazu beschäftigt sich Arte eingehend mit dem Cyberwar oder ZDFkultur Donnerstag nach zehn mit Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso.

Geht doch.

Damit man aber nicht vergisst, wie viel zugleich danebengeht, zeigt Tele5 ab heute jeden Abend zur besten Sendezeit das Beste aus 20 Jahren Kalkhofes Mattscheibe, in dem kommerzieller TV-Müll ebenso genüsslich durch den Kakao gezogen wird wie öffentlich-rechtlicher. Ein Dauergast ist dort übrigens Super Nanny Katharina Saalfrank, die sich eine Weile erfolgreich in Familienkrisen mischte. Ab Donnerstag zeigt der, äh, Frauensender TLC das britische Vorbild Jo Frost, und es ist nicht grad mutig zu behaupten, Original und Fälschung dürften sich gleichen wie ein Osterprogramm dem vorigen.

Wie gewohnt laufen darin Sissi oder Cars, Karibikpiraten, Gladiatoren und mal wieder eine aufwändige Inszenierung der Bibel. Diesmal zehn Teile aus den USA, ab Gründonnerstag auf Vox, in denen Religion sicher so richtig scheppern darf. Dennoch hat Jesus’ aufregendste Zeit heuer auch Neues zu bieten – auch wenn es steinalt ist. Disneys 94er-Kracher König der Löwen etwa, Karfreitag auf dem zugehörigen Kanal, oder zeitgleich bei RTL Das Dschungelbuch, dem seit 1967 allen Ernstes noch keine Ausstrahlung im Free-TV vergönnt war. Ebenso neu und zugleich betagt ist am gleichen Tag das, was ZDF und KiKa aus Wicki gemacht haben: Ein digitales Reizsperrfeuer, das leider nichts mehr mit dem beschaulichen Original zu tun hat. Original und immer wieder wunderbar dagegen: Tom und Jerry, denen SuperRTL ein vierstündiges Hauptabendspecial widmet.

Doch aus der Fiktion lebender Figuren gibt es auch noch was zu erzählen: Morgen hat Miley Cyrus einen Gastauftritt bei Two and a Half Men und es bleibt offen, wer da für wen PR macht. Das Oscar-Drama In einer besseren Welt“ seziert Gewalt jeder Art mit famoser Zurückhaltung und beweist, das dänische Filme ganz ohne Zappelschnitte oder Serienkiller auskommen können. Und Charlie Chaplin ist im Tipp der Woche Samstag bei 3sat als Der Große Diktator sowieso die Quintessenz dessen, was Film kann.



Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.