Galileo: Cobra 11 & Comedy

Galileo-Sendung-Logo.svgDie Halbwissenssendung

Als Galileo vor 15 Jahren erstmals auf Sendung ging, mischte Pro7 damit ein verstaubtes Genre auf: Das Wissensfernsehen. Gut 4000 Folgen später allerdings ist die Sendung mit ihren vielen Ablegern nur noch eins: aufdringlich.

Von Jan Freitag

Der brillanteste Erfinder aller Zeiten würde sich wohl im Grabe umdrehen – als Patron einer solchen Sendung: Galileo. Seit 15 Jahren wird unterm Etikett des italienischen Forschergenies das betrieben, was heutzutage unter Wissensfernsehen firmiert. In den Tagen vorm Jubiläum am Montag waren das zum Beispiel: ein Nationenkampf im Wasserrutschen, die perfekte Kohlroulade, das größte Kraftwerk der Welt und die vermeintlich übelsten Lügen der Biobranche. Mehrwert? Mau! Nachhaltigkeit? Null! Unterhaltungsfaktor? Hoch! Zumindest in Zeiten, da ein Mario Barth Deutschlands erfolgreichster Komiker ist. Dieses absurde Stück TV wird in seinem Mangel an Verantwortung nur noch überboten von seiner Belanglosigkeit. Doch angesichts eines anderen Spin-Offs der Galileo-Familie auf Pro7, müsste der Namensgeber förmlich im Erdreich rotieren. Denn Aiman Abdallah, ihr radebrechender Moderator, hat gleich eine ganze Familie des Formats gegründet: Von Galileo genial bis The Game, von X.Perience bis History, von Big Picture, das diesen Samstag zur besten Sendezeit wieder die Geschichte ausgewählter Fotos erzählt, bis Mystery, das gottlob wieder eingestellte wurde. Zum Auftakt vor acht Jahren hatte Abdallah dort nämlich nichts weniger geleistet, als König Artus zu finden! Kurz ein paar Eingeborene befragt, in alten Schinken geblättert, Sand von Steinen gepinselt und quasi im Vorübergehen eines der „größten Geheimnisse der Menschheit“ gelüftet, so hieß es. Danke, Aiman-Albert-Archimedes-Isaac-Max Schliemann-Cook-Keppler-Amundsen-Abdallah von Liebig. Und bitte mix uns doch bei der Gelegenheit gleich noch etwas Antimaterie…

Keine Frage, das Bildungsfernsehen wurde 1998 durch Galileo bereichert. Es hat das trockene Genre gehörig aufgemöbelt, durch pure Penetranz primetimetauglich gemacht und damit allein unter den 14- bis 49-Jährigen sechsmal wöchentlich weit über einer Million Zuschauer – mehr als jedes vergleichbare Magazin. Es hat Info sein -tainment verpasst und dadurch wissensferne Zuschauerschichten für Sachthemen erschlossen. Es erklärt die Funktion von Reaktoren ebenso wie bierseligen Harndrang im Selbstversuch, nervt aber auch durch Überdramatisierung, Irrelevanz oder Niveaulosigkeit und betreibt dabei Schleichwerbung, als sei die Welt ein Warenhaus. Natürlich ohne Verlust journalistischer Unabhängigkeit, beharrt Abdallah trotzig. Glauben wir’s ihm mal, dass all die Produktvergleiche (Marke gegen No-Name) oder Kochexperimente (kann man bekannte Schokoriegel kopieren?) ebenso zufällig Reklame betreiben wie der Bau eines Bond-Mobils zum Start des neuen 007 bei Mystery.

Dort ständig zu behaupten, Aiman Abdallah reise im feinen Zwirn durch die Historie und kläre Geheimnisse auf, an denen ganze Forschergenerationen gescheitert sind, grenzt medizinisch an Autismus. Und Themen wie „Die letzten Tage Jesu Christi“ allen Ernstes anzukündigen, man schreibe „vermeintlich bekannte Kapitel unserer Geschichte neu“, erfüllt mehrere Kriterien des Größenwahns. Denn letztlich bleibt jeder Erkenntnisgewinn doch nur ein Feigenblatt, das Erfolgsgenre Dokudrama mit dem Modetitel Mystery (so heißen bereits Weichspüler) im Dauerbeschuss schreiender Geigen unters TV-Volk zu prügeln. „Wenn man junge Zuschauer ansprechen möchte, werden die sich an Bilder mit einer bestimmte Sound- und Bildsprache erinnern“, erläutert Abdallah und scheut sich nicht, seinen Einfluss auf die universitäre Forschung als „Annäherungsprozess“ zu beschreiben, „weil durch unsere Formate ein Klick in den Köpfen der Wissenschaftler vollzogen wurde, die vor sich hingearbeitet haben, ohne dass die Öffentlichkeit das verstanden hätte“.

Den Ruf von Galileo, das Sein zugunsten des Scheins zu vernachlässigen, dürfte Abdallah, der sich ohne zu erröten sogar dem Heiligem Gral auf der Spur wähnte und Jack The Ripper zum Deutschen machte, so kaum entkräften. Galileo ist eine gesendete Bild: Es verschwendet alle kreative Energie an wertkonservatives Entertainment schlichter Gemüter, wo Werkzeuge für Männer gemacht sind und Haushaltsreiniger für Frauen. Wo Antworten nicht halb so wichtig sind wie Fragen, die nur düster genug von den Synchronstimmen Agent Scullys oder Clint Eastwoods gestellt sein müssen, um die anschließende Ratlosigkeit zu verbergen. Das ist bei bis zu fünf Themen pro Sendung, sechs Tage die Woche, dazu Specials, Extras, Shows und eben Mystery auch kein Wunder. Wie wenig es letztlich um Wissen geht, belegt der Ludwig-Bölkow-Journalistenpreis 2006 für den Beitrag Airbus A380 – Der Superjumbo wird lackiert. Klingt respektabel, wird allerdings vom Erbauer des Fliegers gestiftet. Das der Luftfahrtkonzern EADS kritische Töne prämiert, kann als ausgeschlossen gelten. Aber mit denen hat es Galileo ohnehin nicht so. Es geht um Phänomene, nie um deren Folgen. Der Prototyp dazu heißt Brainiac, stammt aus England und macht Wissensfernsehen zu einer Mixtur aus Cobra 11 und Comedy. Wenn in der Geburtstagssendung am 30. November in neu gestaltetem Studio die größte Sektpyramide der Welt aufgetürmt wird, zeigt sich also einmal mehr: Hauptsache es scheppert und macht Laune. Und auch neue Rubriken wie der Test moderner Mythen namens „Fake-Check“ oder ein „Galileo-Psychodoc“, der unser Verhalten analysieren soll, tun sicher alles Mögliche – außer bilden.

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