Schweinepresse & Sandmangel

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

21.-27. April

Echte Scheußlichkeiten, also die richtig schmerzhaften Erfahrungen, muss man manchmal eine Weile sacken lassen, um darüber reden zu können. Dabei ist die Talkshow mit Günther Jauch bekanntlich häufiger mal eine Qual, die sprachlos macht. Doch was er gestern vor einer Woche abgeliefert hat, das musste erst mal eine Woche im Intellekt abhängen, bevor es zurück an die frische Luft konnte. Denn wie der plebejische Dampfplauderer das blutspermatränentriefende Gossenblatt Bild zum Quell journalistischer Moral erklärte, wie Springers aasigster Sportreporter Alfred Draxler ausgerechnet zum Medienmegthema Schumi unwidersprochen den Moralisten gegen den Rest der „Schweinpresse“ geben durfte, wie der, äh, Moderator das vollends boulevardbesetzte Sofa im Eigenlob baden ließ – all dies symbolisierte auf erbärmliche Weise, wie nah der öffentlich-rechtliche Rundfunk Jauchs Stammsender RTL längst kommt.

Und das ausgerechnet, wo dort tags drauf allen Ernstes ein ungewöhnlich wirkmächtiges Stück Sachfernsehen lief. Im Rahmen des geistig ansonsten äußerst schlichten Spätmagazins Extra nämlich lief dort eine Reportage über die Arbeitspraktiken bei Zalando, die dem Schuhversand einen beispiellosen Shitstorm bescherten (und RTL eine Klage der heimlich Gefilmten). Das ist insofern bemerkenswert, als RTL jede Form sozialen Gewissens ansonsten fern ist wie ein Pulitzerpreis. Den haben vorigen Dienstag übrigens der britische Guardian nebst Washington Post für ihre Berichte zum NSA-Skandal gekriegt, was sich die Bundesregierung bei ihrer Behandlung Edward Snowdens kurz mal vor Augen halten könnte.

Am gleichen Tag ging mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis übrigens die wichtigste Trophäe für deutsche Journalisten an den Autor Stephan Lamby für seine Reportagen wie die über den Kanzlersohn Walter Kohl. Und an die ARD-Reporterin Golineh Atai für ihre Berichte vom Kiewer Maidan, die sie selbst in der hitzigsten Straßenschlacht so sachkundig wie furchtlos waren (und es auch vom Riesenbildschirm im modernisierten Tagesschau-Studio für 24 Millionen Euro sein werden). Furcht ist ein gutes Stichwort, um nochmals auf Springer zu sprechen zu kommen. Dessen Vorstandsvorsitzender hat nämlich offen seine Furcht vor der Datenkrake Google geäußert, was im Grunde Mitgefühl für Mathias Döpfner hervorruft. Es wird dann aber doch Schadenfreude darüber, dass sich der Herr über jene Blätter, deren Wesen es ist, mit der Angst anderer Rendite zu erzielen, mal selbst in die Hosen macht.

Das dürfte ab 2015 dann auch den Anbietern herkömmlichen Fernsehens widerfahren, wenn der amerikanische Streaming-Dienst Netflix auch hierzulande online geht. Produziert er dann weiterhin Serien wie House of Cards, geht die digitale Wachablösung womöglich doch bald vonstatten.

TV-neuDie Frischwoche

14.-20. April

Bis dahin jedoch muss sich das Publikum mit festen Programmstrukturen abgeben. Bevor also das letzte Urbi et Orbi gesendet und der letzte Sandalenfilm versendet ist, werfen wir einen letzten Blick aufs Osterrestprogramm, das idealtypisch zeigt, wie deutsches Fernsehen zur Hauptsendzeit funktioniert. Im Ersten gibt’s nach der reanimierten Jugendkulturenkreuzfahrt Junges Deutschland (18.30 Uhr) nämlich Tatort, diesmal aus der Schweiz, im Zweiten Rosamunde Pilcher, diesmal mit Liebe, bei Sat1 was Romantisches, diesmal mit Schweighöfer, bei RTL was anderes mit Testosteron, diesmal Transporter. Dazu Tribute von Panem bei Pro7, Die Geissens auf RTL2, den Wagner-Clan (3sat) und der NDR holt Dalli Dalli aus der Grube. Im Grunde bringen zum Feiertagsausklang also alle das, wofür sie stehen.

Vox dagegen macht das mit Sing meinen Song erst morgen, wo von Sarah Connor über Andreas Gabalier bis zum unvermeidlichen Xavier Naidoo recht unterschiedliche Massenkünstler Lieder der jeweils anderen singen. Das dürfte eine werbewirksame Selbstbeweihräucherung der beteiligten PR-Produkte sein, was aber nicht weiter stört. Im Gegensatz zum ZDF, das seinen wichtigen Dokumentarfilmplatz zeitgleich für eine süffige Reportage übers holländische Königspaar Máxima und Willem-Alexander freiräumt, was mindestens ärgerlich ist. Das passt irgendwie gut zu Sendungen wie Herrliches Hessen derweil im HR und verdeutlicht den dokumentarischen Graben zu Sendern wie Arte. Der zeigt nämlich parallel eine Reportage namens „Die neue Umweltzeitbombe“ über illegalen Sandabbau. Darauf muss man erst mal kommen! Tags drauf schärft der Kulturkanal sein fiktionales Profil mit Hendrik Handloegtens Fenster zum Sommer, das die wohl beste Schauspielschulklasse der Gegenwart in einem Film vereint: Nina Hoss, Mark Waschke, Fritzi Haberlandt, Lars Eidinger.

Für Feinschmecker ist das umso wichtiger, da im Ersten dank der Champions League der Mittwochsfilm ausfällt. Ein klein wenig kompensiert die ARD das Donnerstag mit einen Pilotfilm, der die Chance auf Fortsetzung verdient hätte: Kommissar Dupin mit Pasquale Aleardi als Pariser Ermittler in der Bretagne – Kunst, Essen, Lässigkeit nach dem Bestseller von Jean-Luc Bannalec. Weniger leicht ist dagegen der sozialkritische Psychoschocker Eden Lake mit Michael Fassbender als Großstadtschnösel im Clinch mit der brutalen Kleinstadtjugend (ZDFneo, Freitag, 23.05 Uhr). Das ist trotz des harmloseren Titels sogar krasser als der Tipp der Woche am Mittwoch: Lady Frankenstein (22.45 Uhr, HR). Absurder Softpornohorrortrash, der aber bei adäquater Berauschung grandiosen Charme entfaltet.

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