WM-Reihe: Mehmet Scholl, sexy Moderator

Ich bin ja nicht Franz Beckenbauer

Als Fußballer sah er beim Blick in den Spiegel mal “76 Kilo geballte Erotik”,  als Kommentator erblickt er Mehmet Scholl da wohl eher 76 Kilo Fernsehtauglichkeit: Mit dem Wechsel des Exnationalspielers ans ARD-Mikrofon hat nämlich was Sonderbares Einzug gehalten in die Fußballmoderation: Natürlichkeit. Ob an der Seite des selbstverliebt-intellektuellen Reinhold Beckmann oder des kumpelig-streberhaften Matthias Opdenhövel – Scholl liefert der WM jenes Quentchen Authentizität, das sie auch abseits der Spiele erträglich macht. Hier ist ein Interview, das er zum Amtsantritt gegeben hat.

Und passend dazu: Der 2. Teil des sensationellen Gewinnspiels, bei dem man abermals ein Panini-Sammelalbum mit 12 Bildertüten gewinnen kann. Einfach Text lesen, aufpassen, Frage ganz unten beantworten, fertig!

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Mehmet Scholl, Ihr Wechsel ins Kommentatorenfach – ist das ein kompletter Berufswechsel?

Mehmet Scholl: Ich würde es eher einen Funktionswechsel am ehesten ausdrücken. Ich mache ja, was ich ohnehin sehr gern mache und das schon seit zwei Jahren: Ich sehe sehr viel Fußball, fast mehr als zuvor. Und ich kann darüber sogar sprechen. Berufsbedingt. Auch das gefällt mir. Mir ist allerdings bis heute noch nicht so ganz bewusst, wie viele Leute mir bei meinen Kommentaren zuhören (lacht).

Viele Millionen. Immer.

Und zwar gerade bei großen Turnieren wie der Weltmeisterschaft oder auch dem DFB-Pokal-Endspiel. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen und damit rechnen, dass mir die ein oder andere flapsige Bemerkung um die Ohren geschlagen wird.

Aber ist das nicht genau das, was sich die ARD, mehr aber noch die Zuschauer von Ihnen erhoffen – das Lockere, Jugendliche, vielleicht sogar Unprofessionelle?

Das weiß ich noch nicht genau. Aber ich werde ganz gewiss keine Rolle spielen und versuchen, so zu sein, wie ich eben bin. Das heißt auch, zu sagen, was mir in den Sinn kommt. Wobei – einiges davon behalte ich doch besser für mich.

Zum Beispiel?

Was man auf keinem Fall sollte, ist Spieler in ihrer Ehre verletzen und vor ihnen mithilfe der Sprache den Respekt verlieren. Ich habe es ja am eigenen Leib erlebt, wie eklig es ist, wenn von außen ständig genörgelt wird. Günter Netzer zum Beispiel war immer ein großer Kritiker von mir. Beleidigt war ich aber vor allem, wenn ich öfter gemerkt habe: Im Grunde passt mir die Bemerkung nicht, weil sie genau getroffen hat. Das ist eine Kunst.

Aber es bleibt doch gerade Ihr Job auszusprechen, wenn es ein Spieler nicht bringt, wenn das Team versagt oder der Trainer.

Sicher. Aber wenn ich meine Meinung einbringe, darf ich nie außer Acht lassen, dass keine Einschätzung endgültig ist, dass sich jede Mannschaft, jeder Spieler, jede Taktik ändern kann. Kritik darf nie vernichten. Und beleidigen, verletzen schon gar nicht.

Ist das eine Wesenseigenschaft von Ihnen, diese Zurückhaltung?

Wenn ich nicht so leben würde, könnte ich es auch im Fernsehen nicht rüberbringen. Bei mir spielt es keine Rolle, wer was erlebt und erreicht hat; es zählen eher Energien: Wie tritt mir jemand gegenüber zum Beispiel? Wenn da jedes Gefühl ausbleibt, man befinde sich auf einer ähnlichen Ebene, wird es ungemein schwierig.

Kollidiert denn die Pflicht zur journalistischen Neutralität mit dem impulsiven Fußballer und langjährigen Bayernspieler Scholl?

(zögert lange) Ich würde schon sagen, dass ich objektiv bin. Dass ich eine besondere Verbindung zum FC Bayern habe, dürfte jedem klar sein. Aber das wird nicht ausschlaggebend für meine Urteile sein. Ich habe den Verein ja auch schon zur Klinsmann-Zeit kommentiert und obwohl man gemerkt hat, dass es da nicht richtig lief, habe ich keine endgültigen Urteile gefällt, sondern gesagt, woran gearbeitet werden muss.

Müssen Sie sich dann jetzt mehr bremsen als in Ihrer aktiven Zeit?

Ich bin ja nicht Franz Beckenbauer. Egal wann er für welchen Sender gearbeitet hat – wir haben immer abgekriegt. Das war ihm auch bewusst. Ich habe ihn irgendwann mal drauf angesprochen, ob er das eigentlich weiß, was er auslöst in der Mannschaft, wenn es so im Blätterwald rauscht, wenn wir manchmal förmlich gedemütigt werden; gar nicht unbedingt durch seine Aussagen, sondern das, was darauf folgt. Da meinte er zu mir, Mehmet, klapp doch einfach die Zeitung zu und schmeiß sie weg. Fertig.

Ist das so einfach?

Eigentlich schon. Wenn Dinge völlig überraschend kommen weniger, aber wer über einen längeren Zeitraum schlecht spielst, weiß, was auf ihn zukommen kann. Dann kann man sich auch locker machen.

Ist dieses Lockermachen schwieriger, wenn es nicht nur um Fußball, sondern auch um private Dinge in der Öffentlichkeit geht?

Da hilft ein gesundes Maß Realitätssinn und die Fähigkeit, sich seine Nischen zu suchen. Das ist mir immer gelungen. Was Privates über einen berichtet wird, ist immer nur ein Stück weit war, das sollte man nicht für bare Münze nehmen. Für mich zählen allein sportliche Maßstäbe; private möchte ich bei keinem anlegen in meiner neuen Funktion.

Es heißt, der Kommentar ist eine Art Sekundärliteratur des Fußballs.

Das mag sein, aber er ist in keinem Fall auch nur halb so wichtig wie das Fußballspiel selbst. Das muss mir, dass sollte allen klar sein. Ich sehe mich in dem ganzen Gefüge nicht als sonderlich wichtige Person an. Meine Aufgabe ist es, zu unterhalten und zu informieren. Nicht mehr und nicht weniger.

Trotzdem: Sind Sie mehr Entertainer oder mehr Informationslieferant?

Also in erster Linie geht’s um letzteres, aber das Thema sollte dabei natürlich nicht zu trocken behandelt werden. Ein bisschen Schmunzeln sollte schon drin sein.

Können Sie das, aus dem Stehgreif witzig sein?

Das wird sich zeigen. Mir fällt grundsätzlich viel, viel Blödsinn ein. Verbal, aktiv, aber das kann man sich nicht vornehmen. Sicher fallen einem während des Spiels Formulierungen ein, die ich dann im Kommentar einsetzen möchte. Aber das ich förmlich Kommentare über einzelne Spieler texte, das wird’s nicht geben.

Und eine Krawatte tragen?

Niemals. Ich werde nie verstehen, wofür die gut sein soll.

Bei ihrem Vorgänger Günter Netzer sorgte sie für einen Teil seiner Seriosität.

Ach, die hat er doch auch so. Ich bewundere Günter Netzer für sein unglaubliches Sprachrepertoire, für seine tollen Manieren, für seine Schlagfertigkeit. Einen besseren in dieser Position hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Dabei ist seine trockene Art gar nicht das Wichtigste; er weiß komplett, wovon er redet. Das ist das Faszinierende. Er weiß mehr als jeder andere und versteht es auszudrücken.

Wissen Sie denn, wer Weltmeister wird?

Natürlich nicht. Vielleicht schafft’s Spanien, sich noch mal zusammenzureißen. Deutschland wird wie immer ein Wörtchen mitzureden haben. Der Rest ist offen, denn wer hätte gedacht, dass Frankreich 1998 eine richtige Ära beginnt? Mal wird der besten Fußball da gespielt und mal dort. Aber der deutsche Fußball ist, um Felix Magaths Worte zu benutzen, besser als er gemacht wird.

FRAGE

Wie viel Kilo geballte Erotik erblickt Mehmet Scholl beim Blick in den Spiegel?

Antwort bitte an janfreitag@gmx.net

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