WM-Reise: Mondiali Antirazzisti Montecchio

2005_06_30-mondiali-antirazzisti-0046Stollen verboten

Die Mondiali Antirazzisti ist eine der bizarrsten Veranstaltungen des Weltfußballs. Hunderte Teams aus aller Welt treffen sich Jahr für Jahr im Norden Italiens zur alternativen WM und liefern sich dort bei sengender Hitze ein politisches Sportfest gegen Rassismus, Homophobie und Ungerechtigkeit. Ein Bericht aus den Anfangsjahren des Turniers.

Von Jan Freitag

Das riecht nach einer Sensation. Luxemburg, hinter Burundi, Tahiti oder Andorra 157. der Fifa-Weltrangliste, steht im WM-Viertelfinale. Erst eine makellose Vorrunde, locker drei K.O.-Runden überstanden, nun will der Fußballzwerg den Titel. Die Julisonne brennt über dem Rasen, als der Traum zerplatzt. Null zu eins gegen italienische Ballkünstler mit schicken weißen Hemden und Schnauzbärten. Der Favorit jubelt, die Underdogs sinken zu Boden – zurück im globalen Fußballalltag.

Zumindest fast. Das Turnier in Montecchio nennt sich zwar Weltmeisterschaft und Fußball wird auch hier zelebriert. Doch das war’s bereits mit den Gemeinsamkeiten zum medialen Großereignis vor und in zwei Jahren. Ein paar Kilometer südlich von Parma kickt nicht das professionelle Hochplateau, sondern die Basis. Jene sieben Luxemburger Antifas etwa gegen ein soziales Projekt aus Bologna. Auf 14 Kleinplätzen spielen Frauen und Männer, harte Ultrafans und schlichte Fußballfreunde, mehr oder weniger Linke aus allen Himmelrichtungen ihren eigenen World Cup – einen antirassistischen. Mondiali Antirazzisti heißt die fünftägige Feier und keiner weiß so recht, ob Fußball hier Politik flankiert oder umgekehrt.

Nicht mal Matthias Durchfeld. „Tja,“ der Mitorganisator zögert mit der Definition seiner Erfindung, die vor sieben Jahren mit 80 Spielern begann, „es ist keine politische Sportveranstaltung, mehr ein soziales Kulturfest“. Der Schalker mit Wohnsitz Italien schiebt seine Stutzen runter und grinst wie ertappt: „Aber wir sind auch Fußballverrückte.“ Wir – das sind gut 3500 Teilnehmer aus 17 Nationen, die den lokalen Sportpark mit Transparenten förmlich tapezieren. Wir – das sind 1500 Gäste, die auch wegen Konzerten, Diskussionen, Kunst, Kino und Party kommen. Wir – das sind 320 helfende Hände, die das Event ehrenamtlich oder symbolisch entlohnt auf die Beine stellen. Wir – das ist die Kurzformel einer gänzlich unkommerziellen Fußballparty im Feindesland.

„Berlusconi, pezzo di merda.“ Es ist Freitagmittag. Auf den holprigen Feldern spielen einige der 168 Teams ihre 20-minütigen Vorrundenpartien. Wer die Parole gegen Italiens Regierungschef angestimmt hat, ist unklar, doch überall wird eingestimmt. Ein Eimer Scheiße soll er also sein und es hallt übers Gelände. „Berlusconi ist schuld, dass viele nicht hier sind“, erklärt Daniela Conti. Die Abschottungspolitik des Rechtspopulisten halte viele von der Mondiali fern.

Bei dem Thema stirbt ihr Lächeln, und das passiert der Abgesandten des Fanprojekts „Progetto Ultrá“, das die Mondiali mit einem regionalen Geschichtsinstitut austrägt, selten. Es kehrt rasch zurück: „Aber wir sind trotzdem nicht allein.“ Dafür sorgen Senegalesen, Ghanaer und Kameruner, Peruaner, Albaner oder Kurden. Flüchtlinge, die sich in Europas Städten zusammengefunden haben. Nur eine Mannschaft bricht den monokontinentalen Charakter auf: 6000 der 160.000 Euro Gesamtkosten, finanziert aus Fördertöpfen, Spenden und den Einnahmen der Gastronomie vor Ort, wurde in die Anreise Palästinas investiert.

Die jungen Araber fallen kaum auf unter 44 deutschen und 78 italienischen Teams, unter Namen wie Barcelona Anitfeixista, St. Pauli Woman, Clandestino Venezia, Czeck Punk oder Patkari Macedonia, unter Schottenröcken, Müllsäcken und anderen Fantasietrikots. Sie sind ehrgeiziger und tragen den linke Gedanken weniger als der Rest. „Aber sie sind da“, freut sich Daniela Conti. Das allein zählt.

Nach diesem Motto wird auch das Festzelt erträglich. „Hurra, die Loizscher die sind da“, brüllen besoffene Leipziger abends auf den Tischen, „Frankfurt über alles, Frankfurter Stolz“ schallt es zurück. Ein nackter Hintern blitzt auf. Die Ultra-Szene stellt 57 Teams, nicht wenige von ihnen pflegen eine kirmesartige Feierkultur und ihr Terrain ist das Restaurant. Hier, in der „Testosteron-Halle“, kämpfen echte Kerle um die Trophäe der dominantesten x-Chromosomen. Später führt eine Prügelei gar zum Ausschluss mehrerer Teams. „Wir wollen kein linkes Oktoberfest“, meint Matthias Durchfeld gelassen, „aber dass Sexisten und Prolls so eine Fest besuchen, ist doch ein großer Schritt.“

In der Tat, treffen sie doch nicht nur auf ein hochpolitisiertes Umfeld, sondern einen Frauenanteil, den keine vergleichbare Veranstaltung zu bieten hat. Die Hälfte der Teams sind gemischt, einige rein weiblich, zu den 483 Spielen gesellt sich ein spontanes Frauenturnier – das tut dem Turnier gut. So wie das Regelwerk: Stollen sind verboten, ab dem Halbfinale entscheiden Penalties, den größten Pokal kriegen die eifrigsten Antirassisten. Fouls sind folglich so selten wie allzu offener Ehrgeiz. „Und? Wie viele hab ich umspielt?“ Yvonne aus Hamburg kickt nicht oft, aber sie tut es inbrünstig und hat ihr allererstes Dribbling bestritten. Nicht nur deshalb schlagen ihre Bauwagenplatz-Sympathisanten „Abfahrt Bambule“ die Jungs vom Vorjahresfinalisten „dem Ball is egal, wer ihn tritt“. Der Grund steht in den Augen der Verlierer: rot geädert, halb geschlossen. Die Nacht war hart und morgens um zehn ist die Welt noch nicht so in Ordnung.

Doch Niederlagen verpuffen hier schnell. So wird es zur Nebensache, dass ein paar italienische Ultras im Finale häufiger aus sieben Metern treffen als die African Allstars Budapest. „Auf dem Platz zählt nicht die Hautfarbe, sondern die Ballbehandlung“, mahnt der britische Exprofi Paul Elliot bei der Preisverleihung. Sicher – siegen will auch in Montecchio jeder, aber bitte ohne Stress.

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