Francis Fulton-Smith: Schnulzen & Strauß

In diesem Sinne bin ich käuflich

Eigentlich ist der pockennarbige Schnulzenstar Francis Fulton-Smith auf kernige Kümmerer im Sonnenlicht deutscher Neoheimatfilme gebucht. Das halbdokumentarische ARD-Drama Die Spiegel-Affäre (heute, 20.15 Uhr) ist für den 48-jährigen Münchner somit die erste Herausforderung seit langem. Und siehe da – sein Franz-Josef Strauß ist ihm allen Ernstes grandios gelungen. Geht doch.

Interview Jan Freitag

freitagsmedien: Francis Fulton-Smith, endlich dürfen Sie mal in einem Film ihren Heimatdialekt pflegen und dann ist es ausgerechnet das fast kabarettistische Bayrisch ihres früheren Landesvaters…

Francis Fulton-Smith: (lacht) Ja, wobei wir genau das Kabarettistische vermeiden wollten.

Zumal er eine Figur des realen Lebens ist, die zu kritisieren daheim in Bayern als Hochverrat gilt. Mussten Sie da besonders vorsichtig sein?

Nein, das nicht. Aber mir war durchaus bewusst, wie wichtig er quasi als Institution dort ist. Unter seiner Führung wurde schließlich Bayerns Transformation vom Agrar- zum Industriestaat vollzogen – mit allen Konsequenzen für die Gegenwart. Von den 68ern bis zum Länderfinanzausgleich. Das macht ihn sicher in gewisser Weise zu einer Ikone, aber nicht automatisch unantastbar. Selbst in Bayern ist er nach wie vor eine stark polarisierende Figur.

Für die Sie tüchtig zunehmen mussten, um Sie adäquat verkörpern zu können.

Fast 20 Kilo, das stimmt, unter ärztlicher Aufsicht. Wichtiger als die Körperlichkeit war aber, seine Urgewalt, politisch wie menschlich zu zeigen und dabei gleichzeitig nicht in Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen: hier der “gute Journalist” Augstein, da der “böse Politiker” Strauß. Wir wollten beide Seiten der Medaille zeigen, also nicht nur Strauß’ unerhörten Angriff auf die Pressefreiheit, sondern auch, dass es gleichzeitig eine moralische Pflicht und Verantwortung seitens der Presse gibt. Es geht um zwei starke Persönlichkeiten, mit extrem starken Utopien für Deutschlands Zukunft, die wie zwei Alpha-Rüden gnadenlos aufeinander losgegangen sind. Dabei hatten beide durchaus ähnliche Biografien. Wer weiß – vielleicht wären sie in einer anderen Zeit sogar Freunde geworden.

Hätten Sie die Wahl gehabt – welchen der beiden hätten Sie lieber gespielt?

Natürlich hätte mich auch Augstein interessiert, weil er ähnlich komplex ist. Aber es macht letztlich immer mehr Spaß, den Bad Guy zu spielen. (lacht) Noch mehr Spaß macht es allerdings, ihn dabei sympathisch zu gestalten. Für mich als Schauspieler ist es immer wichtig, nach dem Verborgenen zu suchen. Aus heutiger Sicht nimmt man Strauß ja stets als Polterer wahr; umso spannender war es für mich, ihm die leisen Seiten abzuringen, den Menschen in seiner Verletzbarkeit zu zeigen. Also den FJS, der Radau- Reden im Bundestag hält und nachts weinend aufwacht.

Hat das Spielen dieser Diskrepanz auch ihr persönliches Strauß-Bild verändert?

Ich denke schon. Als ich aufgewachsen bin, war er gerade Ministerpräsident. Ich war zwar lieber auf dem Bolzplatz und durfte ja auch noch nicht wählen. Aber er schwebte trotzdem ständig über uns allen. Spätestens, als er Bundeskanzler werden wollte, erreichte uns junge Burschen die Diskussion mit voller Wucht.

Sie hatten 1980 aber keinen „Stoppt Strauß“-Button an der Jacke.

(lacht) Ich wollte ja Abitur machen. Aber im Ernst, jetzt, nachdem ich mich Hunderte von Stunden intensiv mit ihm beschäftigt habe, sogar in seinen Geburtsort gefahren bin, verschiebt sich natürlich etwas in der Wahrnehmung. Ich sehe ihn nun nicht mehr als “ultimativen Bösewicht”, sondern und das ist mir wichtig: bei aller berechtigten Fehlbarkeit, auch als brillanten Denker und bodenständigen Nachbarn, als Lebemann und Machtmensch. Meine Sicht hat sich insofern verändert, weil sie deutlich differenzierter wurde.

Meinen Sie, dass die Rolle auch Sie als Schauspieler verändert, der ja sonst eher auf leichtere Stoffe gebucht ist?

Natürlich habe ich mich sehr gefreut, endlich auch eine andere Facette von mir zeigen zu dürfen, denn die künstlerisch größere Herausforderung ist natürlich gerade solche, nicht alltäglichen Filme zu machen! Und falls die Konsequenz ist, nun öfter mal etwas ungewohntes mit mir zu realisierten, würde mich das sehr freuen; ich bin schließlich mit Leib und Seele Schauspieler. Aber man muss sich darüber auch im Klaren sein, dass solche Rollen nicht auf Bäumen wachsen. Und andere Dinge, die ich drehe, ja durchaus auch ihre Berechtigung haben.

Andere Dinge sind vor allem Machos mit Familie und Herz. Fühlen Sie sich damit wohl?

Zunächst mal bin ich wie gesagt ein Schauspieler. Ich habe eine Familie und Kinder zu ernähren und in diesem Sinne bin ich tatsächlich käuflich (lacht). Dabei gibt es aber größere und kleinere Herausforderungen und wenn das, was ich dafür tue, erfolgreich ist und viele Menschen erfreut, ist es ein Geschenk, wertfrei! Finden Sie nicht? Was mich daher jetzt interessiert ist vor allem die Frage, wie viele meiner üblichen Zuschauer bereit sind, mich in einen Film wie „Die Spiegel-Affäre“ zu sehen? Was macht es mit ihnen? Ob sie neugierig werden, in Debatten geraten? Vielleicht haben sie Lust, darüber nachzudenken, wie fragil unsere Grundwerte sind und wie wichtig es ist, sie zu schützen! Für viele Zuschauer ist es aber auch nach einem harten Tag entspannter, etwas Leichtes zu schauen. Auch gut gemachter Herzschmerz ist daher alles andere, als verwerflich.

Dennoch sagten Sie mal angesichts ihrer Dauerrolle Dr. Kleist, Sie sehnen sich nach Rollen, in denen nicht ständig die Sonne scheint.

Sicher ist beides richtig und der Weg der Mitte sinnvoll! Und sollte ich jetzt in den Gedankenspielen der Verantwortlichen eine neue Rolle spielen, bin ich sehr gerne bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen! Der Umkehrschluss, nur noch Filme ohne Licht und Schatten spielen zu wollen, ist dennoch falsch. So etwas kann man ohnehin nicht forcieren, Fernsehen ist kein Wunschprogramm. Und ehrlich: ich könnte mit der „Spiegel-Affäre“ grandios scheitern, was sicher auch einige so beurteilen werden. Aber die Beschäftigung mit der Figur Franz- Josef Strauß war für mich ein wunderbares, großartiges Abenteuer, dass ich unabhängig vom Erfolg – nicht missen will. Es ist ein ganz wichtiges Kapitel deutscher gesellschaftspolitischer Zeitgeschichte und ein wunderbarer Ensemble-Film. Es geht nicht nur um mich und ich hoffe, viele Menschen haben Lust, uns auf dieser spannenden Reise zu begleiten!

Der eigentlich Hauptdarsteller scheint ohnehin das ständige Rauchen zu sein…

Ja, Wahnsinn, wie viel da gequalmt wurde. Und das mit mir, der vom leidenschaftlichen Vielraucher zum passionierten Nichtraucher geworden ist.

Welche Rolle, die sich an der Realität oder großen Vorbildern messen lassen müsste, können Sie sich nach dieser hier noch vorstellen?

Richard III., Faust, Hamlet, Don Carlos… Die Welt ist doch voller wunderbar zerrissener Figuren. Aber so was selbst ins Spiel zu bringen, klingt meist befremdlich! Jetzt warte ich mal ab, was jetzt und hier passiert, denn mit der Rolle des Franz- Josef Strauß schließt sich ein Kreis zum Beginn meiner Laufbahn, wo ich mehr Theater und Literaturverfilmungen gemacht habe. Ich bin deshalb ein Stück weit zu mir selbst gekommen und das macht mich glücklich…

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