Jessica Schwarz: Nische & Sissi

Diese kleine Romy in mir

Jessica Schwarz ist die große dunkle Unbekannte des deutschen Films. Auch mit 37 Jahren ist die hessische Schauspielerin zwar überaus erfolgreich, aber schwer zu greifen. Zum Glück. Denn nur so konnte sie ihre bislang wichtigste Rolle womöglich glaubhaft machen, ohne in Sissi-Kitsch zu verfallen: Als Romy Schneider, einem bemerkenswerten Biopic, das die ARD morgen Abend wiederholt. Im Interview spricht Jessica Schwarz über den Film, Frauenbilder der Fünfziger, ihr eigenes Viva-Erbe und warum sie gern mal umsonst arbeitet.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Jessica Schwarz, Darsteller von Biopics wie diesem über Romy Schneider liefern stets artig ihre Lobeshymnen auf die porträtierte Person ab. Konnten Sie noch negative Aspekte an Romy entdecken, Dinge die Sie an ihr stören, vielleicht sogar abstoßen?

Jessica Schwarz: Manchmal hätte ich mir für sie gewünscht, ihr Harmoniebedürfnis zugunsten selbst artikulierter Wünsche und Vorstellungen zurückzustellen. Zu viel zu gute Stimmung kann auf Dauer einfach nicht gesund sein. Sie hätte früher öfter mal Nein sagen sollen.

Ein hoher Anspruch an eine so junge Frau in den konservativen Fünfzigerjahren mit ihrem antiquierten Frauenbild

Natürlich, alles generations- und epochenbereinigt. Ich will Ihr da auch nichts vorwerfen, aber für einen so vorurteilsfreien, offenen Menschen wie Romy, die ich in diesem Punkt ja auch in mir selber entdecke, hätte ich mir einfach mehr Durchsetzungsvermögen gewünscht. Darüber hinaus kenne ich sie dann doch zu wenig, um weitere Kritikpunkte an ihr zu entdecken; was bei der Intensität, in der ich mich mit ihr beschäftigt habe, ja auch schon einiges aussagt über ihre Persönlichkeit.

Normalerweise verschwindet die Darstellerin hinter so einer Figur völlig. Sie aber meinten, dahinter erkennbar bleiben zu wollen. Warum?

(überlegt lange) Bei einer Figur wir Romy hat man eine Fülle an Material, von Presseberichten über Tagebucheinträge bis hin zum unermesslichen Filmmaterial, dazu Bildbände, Biographien, Zeitzeugen – aus diesem Wust an Informationen muss man diese Figur als Schauspielerin, die ich schon zu Beginn meiner Schauspielerei als Vorbild hatte, auf ein filmverträgliches Maß reduzieren. Und das lässt sich am Ehesten über die eigene Persönlichkeit hinter der Rolle bewerkstelligen. Ich habe also durch meine Augen zu zeigen versucht, was diese Frau wirklich fühlt. Gerade weil ich ein Jahr lang nichts anderes getan habe, als mir ihre Stimme anzueignen, musste ich meinem Leben dahinter Geltung verschaffen.

Haben Sie dabei Parallelen zwischen sich und Romy Schneider entdeckt?

Einige, in der Tat. Wir haben beide keine lineare Ausbildung genossen, ohne Schauspielschule, ohne das technische Equipment zur Annäherung an eine Rolle. Deshalb müssen wir beide vieles spüren. Und wenn man dann noch wie ich aus einem Unterhaltungsbereich wie Viva kommt, wegen dem man einem handwerklich nicht allzu viel zutraut, da muss man viel härter als andere kämpfen, um ernst genommen zu werden, sich viel mehr beweisen.

Die Musikkanal-Vergangenheit haftet an Ihnen wie die Sissi-Trilogie an Romy Schneider.

In gewisser Weise, wenngleich sie sich langsam von mir löst. Auch Romy brauchte nach ihrem Sissi-Einstieg lange, um sich ein seriöses Renommee zu verschaffen. Ich habe diese kleine Romy in mir getragen wie es viele meiner Kollegen tun, diesen Makel anfänglicher Erfolge, die es zu bestätigen oder zu übertreffen gilt.

Strampeln Sie sich für dieses Ziel mit so einer Rolle noch an Ihrem Karrierestart als Viva-Moderatorin und Bravo-Girl des Monats ab?

Meine Vergangenheit spielt natürlich immer noch eine gewisse Rolle. Aber die einstige Popularität verschwindet nach Filmen wie Kammerflimmern, Lulu oder jetzt Romy fast zwangsläufig hinter der neuen. Und sie ist mir heute auch nicht mehr wichtig. Jetzt geht es mir mehr darum, mich selbst zu erzeugen, statt von anderen erzeugen zu lassen. Ich setze mich heute viel mehr mit mir auseinander als früher, mache vieles nur für mich und trete so aus dem Gedankenfeld derer heraus, die meinen: Ja, jetzt fällt sie doch wieder auf das Muster zurück.

Gibt es an der alten Zeit etwas zu bereuen?

Überhaupt nichts. Im Gegenteil – mir wurde schon von Regisseuren gesagt, an mir sei gerade toll, dass man wegen der Viva-Zeit nie wisse, was als nächstes bei mir komme.

Haben Sie es je erlebt, dass Kollegen, Produzenten, Regisseure aufgrund ihres Quereinstiegs ins Schauspielfach sagten, sie sollten zu froh sein, überhaupt mitmachen zu dürfen, um auch noch eigene Ansprüche zu stellen?

Nein. Obwohl es sicherlich Stimmen gab, die sagten, Jessica Schwarz soll Romy Schneider spielen? Das kriegt die doch überhaupt nicht hin! Aber so was spornt mich tatsächlich eher an. Ich kann diesen Druck, mich selbst beweisen zu müssen, ganz gut in schauspielerische Energie verwandeln.

Indem Sie noch tiefer eingetaucht sind, um sie in allen Facetten zu erfassen?

Genau, ich habe alles aufgesogen. Was so weit ging, dass ich hin und wieder eine Woche Ruhe von ihr brauchte. Bei geschlossenen Augen wurde mir dann aber doch klar, dass sie immer noch da ist. Je weiter ich sie von mir fort schieben wollte, desto größer stand sie vor mir. Das war beim Drehen zwar hilfreich, da stärkte sie mir den Rücken. Davor und danach war es das weniger. Aber mein Schauspielcoach meinte zu mir: Jessi, wenn du irgendwann nicht weiter weißt, dann lass es dir doch von ihr zeigen. Diese Verbindung spüre ich noch heute. Sie ist mir schließlich überall hinterher gereist, in jedes Land, an jeden Drehort, in der Maske, im Auto, im Internet. Ihr war einfach nicht zu entkommen. Ich habe mir sogar ein Bild von Will McBride…

Der Romy Schneider viel fotografiert hat.

… ersteigert. Zudem wurde ich ihr auch optisch immer ähnlicher. Dieser kleine spitze Haaransatz in der hohen Stirn, ihre Löwennase, die Augenbrauen – alles an mir wurde Romy. Das Visuelle hat es mir enorm erleichtert, in sie hineinzugehen und so manchen Geistesblitz in der Interpretation gebracht. Darum bin ich sehr froh.

Macht man die Verwandlung am Abend leicht wieder rückgängig?

Nein, die haftet eine ganze Weile. Nach dem Ende der Dreharbeiten musste ich deshalb eine große Tonne öffnen und alles hineinwerfen. Aber das ist mir nicht sonderlich gut gelungen. Ich hatte während des Drehens mal einen allergischen Ausschlag. Als ich viel später mal mit dem Regisseur meines nächsten Filmes über Romy sprach, kam dieses Nesselfieber plötzlich wieder. Ich habe sie sozusagen körperlich verinnerlicht.

War es die anstrengendste Rolle ihres Lebens.

Ja.

Wegen dieser schier übermenschlichen Größe Romys, dieser Ikonenhaftigkeit?

Schon, auch wenn sie mit all ihren Schwächen und Fehlern etwas zutiefst Menschliches bekam, je länger ich mich mit ihr beschäftigt habe. Aber der Druck war immens, jemandem gerecht zu werden, von dem so viel bekannt scheint. Und ich musste ja nicht nur ihre reale Person verinnerlichen, sondern auch jede fiktionale, all ihre Rollen. Alles in einem Film. Da wusste ich nie so genau, ob ich gerade auf dem richtigen Pfad oder einem Holzweg bin.

Sie haben jetzt alle drei wesentlichen Rollentypen gespielt: Literaturverfilmung, Originaldrehbuch, Biographie. Sind die Herangehensweisen grundverschieden?

Für mich schon. Eine rein fiktionale, literarisch unbekannte Rolle kann auch eine schlechte Schauspielerin mit Leben füllen, weil dieses Gefäß völlig leer ist; es fehlt das Vergleichsmoment. Nur Regisseur und Autor haben eine Vorlage im Kopf, die es zu erfüllen gibt. Das ist bei einer literarischen, mehr aber noch bei einer realen Figur anders. Das Material reicht in die Unermesslichkeit. Man kann sich hinter nichts mehr verstecken, vor einem türmt sich ein Berg aus Verantwortung.

Auch Respekt? Angst vielleicht?

Von dem Druck konnte ich mich nie wirklich befreien, aber man kann ihn sich ja auch zunutze machen, um ihre Verzweiflung, die ja auch viel mit Druck zu tun hatte, zu verinnerlichen. So wie sie immer alles hundertprozentig machen wollte, wollte ich es auch. Und ganz ehrlich: ich mag das Ergebnis. Wirklich. Nach der ersten Ansicht habe ich bitter geweint, deshalb muss ich ihn auch gar nicht unbedingt noch mal sehen. Es überfällt mich jetzt noch manchmal von hinten, wenn ich dokumentarische Bilder von ihr sehe.

Haben Sie Mitleid mit dieser großen Schauspielerin, die letztlich an sich selbst zerbrochen ist?

Es ist weniger Mitleid als Anteilnahme, denn sie hat das Leben bei all der Schwere unglaublich genossen. Ich habe mit Menschen geredet, die mit leuchtenden Augen davon berichtet haben, wie ehrlich, wie herzerfrischend, ansteckend und echt ihr Lachen war. Es gab zu viele glückliche Momente für Mitleid, aber es stimmt mich noch heute traurig, dass sie so früh gehen musste, weil sie noch so viel zu geben hatte.

Aber auch einzustecken. Denn die mediale Aufmerksamkeit, unter der sie so gelitten hat, die Belagerung durch den Boulevard, die aufkommende Mediengesellschaft haben sich ja nach ihrem Tod erst richtig beschleunigt.

Zerbrochen wäre sie früher oder später an ihrer Naivität. Gerade weil sie die Türen schon zu einer Zeit aufgemacht hat, als das noch gar nicht üblich war, weil sie die Presse so nah an sich heran gelassen hat, wie vor ihr vielleicht kein anderer, musste sie irgendwann entdecken, dass sie selbst etwas falsch gemacht hat im Leben. Spätestens, als sie das Bild ihres toten Sohnes auf einer Titelseite sehen musste, hat sie womöglich ihre Mitverantwortung erkannt. Daran ist sie sozusagen doppelt zerbrochen.

Ist der Film so gesehen eine Medienkritik? Die wichtigste Statistenrolle spielen schließlich Paparazzi.

Natürlich. Wobei ich selber noch gar nicht auf einem Niveau bin, damit Probleme zu haben. Ich werde auf Veranstaltungen fotografiert, aber vor meinem Haus sitzt noch niemand. Vielleicht auch, weil ich mein Privatleben nicht allzu spannend ist und ich es zudem bislang gut genug schützen konnte. Dafür bin ich auch ganz dankbar, gerade wenn man sieht, was in Amerika passiert, wo viele frühzeitig in die Reha-Klinik müssen, so ausgelaugt sind die von der medialen Dauerbelagerung. Es ist ja auch vernichtend, wenn man sich mit großen, fetten Zellulite-Oberschenkeln aus einer ungünstigen Kameraperspektive auf großen Magazin-Covern sieht. So weit war man damals ja noch gar nicht. Über die öffentliche Suche nach Fehlern Prominenter vergisst man oft, dass es sich hierbei um Menschen handelt. Da wird man schnell zur Gejagten, was nicht nur für labile Personen gefährlich wird. Weil ich dem großen Publikum noch nicht so bekannt bin, kann ich mich frei auf der Straße bewegen, ohne ständig angeguckt zu werden, was ich sehr genieße.

Noch.

Stimmt, diese Normalität könnte ich mir nicht mehr leisten, wenn ich ständig die großen Dinger machen würde und ständig auf Titelseiten irgendwelcher TV-Zeitschriften wäre. Was ich nur hoffe ist, fortan nicht nur noch die Romy zu sein. Dass ich nicht reduziert werde. Aber ich gehe ja auch gegen eine Festlegung an, indem ich gleich nach diesem Projekt praktisch ohne Budget einen Studentenfilm drehe und noch dieses Jahr bei einem Regiedebüt mitwirke. Ich bewege mich bewusst zurück zu meinen Anfängen, um nicht nur Filme zu drehen, die irgendwas mit mir machen, sondern auch solche, die ich zu irgendetwas mache.

Als sie das mit Uwe Janson in Wiedekings Lulu getan haben, sagten Sie, mit solchen Theaterkanalarbeiten dem Fernsehen bei der Entwicklung zu helfen. Was trägt Romy dazu bei?

Also es ist zunächst mal der erste fiktionale Film über Romy Schneider in Deutschland. Das ist schon mal neu. Filmtechnisch revolutionär ist daran jetzt wohl nichts, aber ich glaube, mit einem Biopic wie diesem bringt man dem Publikum den Beruf des Schauspielers in alle seinen Facetten näher, was zu einem tieferen Verständnis dieser Symbiose vor und hinter der Leinwand führen kann. Das Fernsehen werden wir damit nicht verändern, aber das Bild von Romy Schneider, die eben so viel mehr war als nur drei Sissi-Filme.

Wie könnte man sich diesen Film vorstellen, wäre er im Auftrag von ProSieben oder RTL erstellt worden.

Das ist mir jetzt fast zu politisch. Es wäre jedenfalls ein anderer Film geworden und vielleicht hätten die auch mich besetzt, aber man arbeitet natürlich am liebsten mit den Medien zusammen, von denen man erwartet, einen gewissen Anspruch erheben zu dürfen. Und das ist bei ARD oder dem SWR natürlich am ehesten gegeben. Aber weil Romy so viele Herzen berührt, kann ich mir gar nicht vorstellen, dass irgendein Sender mit zu wenig Respekt an sie herangeht.

Könnten Sie jetzt, nach dieser Arbeit, noch vorurteilsfrei die Sissi-Trilogie sehen?

Ich kann es mir jetzt auf jeden Fall besser vorstellen, warum sie die Million für einen vierten Teil nicht angenommen hat. Ich weiß ja durch die Buddenbrooks…

Wo Sie die Toni gespielt haben.

… was es heißt, Korsett zu tragen. Aber bei den Nachstellungen von Sissi hab ich dazu auch noch eine drei Kilo schwere Haartracht dazu bekommen. Damit bei 30 Grad eine Neunzehnjährige zu spielen, während hinter einem die Leute in Salzburg „hach, die Sissi“ schmachten, in die Szene zu kommen, wo sich der Regisseur bei meinem Anblick totlacht – da kam ich mir so albern vor. Das ist zum Glück raus geschnitten worden und ich kann die Sissi-Filme jetzt sicher nicht mehr einfach so ansehen, weil ich die große Lüge, die damit in Zusammenhang steht – sowohl auf Sissi als auch Romy bezogen – nicht mehr einfach so verdrängen kann. Selbst Romys eigener Versuch, diesen Abschnitt ihrer Karriere filmisch ins rechte Licht zu rücken, ist ja gescheitert.

Die abstrahierende Sissi-Fortsetzung Ludwig II. von Visconti…

Selbst mit ihm gab es so große Missverständnisse, dass Romy zwischendurch Stopp sagen musste. Ich glaube nicht, dass ich je wieder Sissi anschauen muss. Ich hab meine Kindheitserinnerungen damit und die sind gut und die sind schön. Vielleicht wenn ich selber Kinder habe.

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