Real Humans: Wirklichkeit & Fiction

Schöne neue Welt

Donnerstag geht die schwedische Serie Real Humans um aufsässige Haushaltsroboter bei Arte in die zweite Staffel und zeigt abermals, dass gut gemachte Science Fiction weder Knalleffekte noch Weltraumschlachten braucht, um die Zukunft spannend zu erzählen.

Von Jan Freitag

Die schöne neue Welt sieht ganz schön künstlich aus. Mit wächserner Haut und starrem Blick stakst sie durch die gute alte und zeigt in jeder Regung, wie hässlich sie unter der Oberfläche ist. Die schöne neue Welt mag also massenhaft Androiden für den Alltag nach unserem Ebenbild bauen, makellose Wesen für Heim, Büro, Fabrik, für alles: Sie bleiben Fremdkörper, sind also gar nicht so schön, sondern eher praktisch, ergo: sehr befremdlich. Auch wenn die meisten das nicht bemerken. Bemerken wollen.

Das in etwa ist die Grundidee der fantastischen TV-Serie Real Humans. Ein Konzern produziert darin Hublot genannte Roboter für jede Verwendung – von Altenpflege über Fließbandjob bis hin zu Spiel, Spaß, Spannung, ja selbst Sex. Kein Wunder, dass die menschlichen Cyborgs weggehen wie das nächste iPhone. Da der Zehnteiler im Original Äkte Människor heißt, ist er jedoch mehr als bloß gelungene Science Fiction: Real Humans zeigt aufs Neue, was der kleine Drehort Schweden dem großen deutschen voraushat: Dramaturgischen Mumm, mit wenigen Mitteln zu verstören, statt debile Demut vor der Quote mit Milliardenetats. Vor allem aber zeigt die Serie Mut zur unterhaltsamen wie tiefgründigen Debatte außerhalb eng gezurrter Krimikorsagen. Etwa jene, ob die fortschreitende Automatisierung unser Leben weiterbringt oder dem Untergang ein Stück näher.

Die Antwort darauf wird auch nach der letzten Doppelfolge der zweiten Staffel vermutlich ausstehen, die morgen endlich auf Arte anläuft. Doch eins zeigt das nächste große Fernsehding aus Skandinavien gewiss: Wie bei Atomkraft, Gentechnik, Krieg oder Medizin begibt sich die Menschheit abermals aus profitgetriebenem Forscherdrang sehenden Auge ins Ungewisse, kalkuliert den Nutzen weit vor allen Folgen und kann sich doch auf die Kundschaft verlassen: Mit derselben Dynamik, die vorm Apple-Store kilometerlange Warteschlangen erzeugt, sobald der Coutdown fürs neueste nutzlose Must-Have mit Sexappeal tickt, kauft sich sogar die traditionsverhaftete Bilderbuchfamilie von Hans und Inger irgendwann ihren Hubot, dessen Artgenossen zugleich den ersten Mord begehen.

Es ist ein Krieg, der zwischen human und android, Hubot-Fans und -Feinden, gut und böse entbrennt. Gut und böse? Real Humans tut gut daran, auch diese Frage nicht abschließend zu beantworten – obwohl oder weil die Story einem Grundfehler des Genres aufweist: Filmingenieure künstlicher Intelligenz von Westworld bis I, Robot pflanzen ihren Cyborgs notorisch den Keim menschlicher Niedertracht ein, bis die Utopie zur Dystopie eskaliert. Dass es ausgerechnet in Schweden, wo Ausländer im Grunde nur noch mit Doktortitel, Diplomatenpass oder ausreichend Devisen ins Land dürfen, ein breites Angebot schwarzer, asiatischer (sogar dicker, hässlicher) Hubots gibt, macht die Sache nicht schlüssiger. Scheinbar. Denn was wie Effekthascherei wirkt, folgt dem Willen von Serienschöpfer Lars Lundström, soziale Probleme von Rassismus über Konsumgeilheit bis Homophobie in eine spannende Geschichte mit Niveau fließen zu lassen. Aus deutschen Studios fast unmöglich.

Real Humans, 2. Staffel, Doppelfolgen donnerstags, 21.45 Uhr, Arte

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