Heiner Lauterbach: Exilkommissar & Exmacho

Früher war ich ziemlich wild

Heiner Lauterbach ist einer der erfolgreichsten Schauspieler im Land, womöglich auch einer der besseren. Und trotzdem ist der 59-Jährige vorwiegend in aufdringlichen Blockbustern und Historienschinken zu sehen. Im Krimi Die Seele eines Mörders dagegen spielt er heute (20.15 Uhr) auf ZDFneo einen eher zurückhaltenden jüdischen Kommissar in Israel – und das nicht mal schlecht. Für eine Serie hat es dennoch nicht gereicht. Ein Gespräch übers Drehen in Israel, deutschen Philosemitismus und kleine Teufel auf seiner Schulter.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Lauterbach, ein Deutscher spielt einen israelischen Kommissar in Israel. Ausgerechnet. Waren Sie vor den Dreharbeiten zu Die Seele eines Mörders schon mal dort?

Heiner Lauterbach: Na ja, für ein, zwei Tage, im Rahmen einer Kreuzfahrt mit Bernd Eichinger. Rein privat.

Sie sind also weit davon entfernt, das Land zu kennen.

Ach, welches Land kennt man schon wirklich außer das eigene.

Wie bewegt man sich als Deutscher in Israel, angesichts der Geschichte beider Länder?

Ein bisschen vorsichtiger. Wir haben ja ein spezielles Verhältnis zu Israel. Das kann man im Hinterkopf nie ganz ausschalten. Aber das relativiert sich sehr schnell, allein schon, weil einem die Menschen dort die eigene Herkunft längst schon nicht mehr permanent spüren lassen.

Es gab keine Vorbehalte Ihnen gegenüber?

Ich kann mich an keine erinnern.

Haben Sie denn Ihrerseits eine besondere Verantwortung gegenüber der Aufgabe verspürt, als Deutscher einen Juden in Israel zu spielen?

Schon. Ich habe mich zu Beginn gefragt, ob man wirklich noch einen deutschen Kommissar ins Ausland schicken muss, der dort einen Inländer mimt. Das frag ich mich bei all den skandinavischen und englischen Formaten häufiger. Aber gerade wegen der besonderen historischen Konstellation, die ja mehr und mehr in eine Freundschaft beider Länder mündet, habe ich beschlossen, in diese Rolle mein volles Herzblut zu legen. Zumal die Autorin der Romanvorlage meine Figur als eine Art Vorzeige-Israeli beschrieben hat.

Nämlich?

Ein ruhiger, melancholischer, dabei zielstrebiger und liberaler junger Mann mit dem tiefen Wunsch nach Gerechtigkeit, der durchaus kritisch mit seinem eigenen Land umgeht und zugleich diesen seltsam israelischen Zustand verkörpert, Lebensfreude und Gelassenheit auszustrahlen, aber stets auf der Hut zu sein, ohne ängstlich zu wirken.

Aus Angst, in jedem Bus droht der nächste Anschlag?

Gar nicht unbedingt. Es geht um eine dauerhafte Wachheit gegenüber allem, was um ihn herum geschieht. Sie speist sich weniger aus Angst, mehr aus Neugier und Aufmerksamkeit. Das macht meine Rolle so ambivalent und diese Ambivalenz in normalen Alltagsgesten auszudrücken bildet ihren Anspruch. Dafür liebe ich meinen Beruf; einen Verrückten zu spielen, der nur um sich schlägt, oder einen Verliebten ohne Makel, das fordert nicht. Das Normale zu spielen schon.

Spielen die Drehorte Tel Aviv und Jerusalem dabei eine Rolle oder sind es bloße Seightseeing-Spots?

Nein, das haben wir sogar versucht wegzulassen, um nicht ins Pilcherige zu geraten, mit dauernden Kamerafahrten über die Schönheiten der Gegend. Zumal man in beiden Städten gar nicht so viele Postkartenansichten findet. Zu viel sandbraun. Andererseits mussten wir der Sache gerecht werden und zeigen, wo man ist. Sonst hätte man’s ja auch in Babelsberg drehen können.

Kann man an so einem geschichtsträchtigen Ort einen unpolitischen Krimi drehen?

Schwer. Und ich hoffe auch, dass der Zuschauer mehr von uns erwartet. Ich bin ein großer Verfechter von guter, spannender, reiner Unterhaltung. Aber wenn sie sich mit Kultur, Politik und Bildung verbindet, ist es geradezu ideal. Die Geschichte um entführte jemenitische Juden, die von reicheren jüdischen Familien adoptiert wurden ist jedenfalls ein pures Politikum.

Auch hierzulande. Das Thema israelischer Schuld in Deutschland ist ja per se vermintes Terrain.

In der Tat. Aber wir können unsere Hände allein deshalb in Unschuld waschen, weil wir das Buch einer Israelin verarbeiten. Ich dachte auch zuerst, es gäbe so vieles aus diesem Land zu erzählen, warum nehmen wir ausgerechnet etwas, das ein eher negatives Bild auf diese Land wirft. Aber es ist auch wichtig, nicht permanent in Ehrfurcht vor Israel zu erstarren. Es ist an der Zeit, ihm mit einer gewissen Unvoreingenommenheit zu begegnen. Es gibt schließlich auch einen Antirassismus, der durch sein selbst auferlegtes Verbot, etwa bloß nichts Schlechtes über Farbige sagen zu dürfen, selbst rassistische Züge erhält.

So wie der herrschende Philosemitismus, alles, was in Israel geschieht, für gut zu befinden, als eine neue Form des Antisemitismus gilt.

Ganz genau. Unter Freunden braucht es Kritik. Deshalb halte ich mich – unabhängig von der Vergangenheit – so neutral wie möglich. Von Verantwortung versuche ich mich da so frei wie möglich zu machen, sonst wird die Rolle missionarisch.

Tragen Schauspieler generell keine Verantwortung für ihre Figuren?

Doch, bis zu einem gewissen Grad muss man der Sache verpflichtet sein. Es gibt eine gewisse Grundloyalität mit jeder Rolle, schon dem Autoren gegenüber, der eine fundierte Vorstellung von meiner Auslegung seiner Figur hat. Wie weit die reicht, muss allerdings jeder mit sich ausmachen. Ich persönlich bin bei der Suche nach dieser Reichweite auch schon in Fettnäpfchen getreten. Als ich zum Beispiel einen Papst-Attentäter gespielt habe, wurde ich gefragt, ob ich Verständnis dafür aufbringe, dass jemand den Papst tötet, um damit Tausende anderer zu retten. Da sagte ich, ich versuche immer einen Bezug zu meiner Figur zu finden, irgendeine Erklärung für sein Handeln müsse ich mir zueigen machen. Es entspricht zwar nicht meiner Moral, jemanden für andere zu opfern, weil kein Mensch das Recht hat, andere zu töten. Aber als ich meinte, dass es für den Attentäter selbst wohl einen Grund gibt, das zu tun, müsse ich das auch darstellen, wurde mir nachgesagt, ich würde den Papst umbringen. Was für ein Unsinn! Man muss also vorsichtig sein.

Gibt es denn Unterschiede in der Verantwortung bei Literaturverfilmungen, historischen Stoffen und fiktionalen Originaldrehbüchern?

Kommt drauf an. Wenn im fiktionalen Drehbuch ein Massenmörder verherrlicht wird, ohne das Ganze am Ende aufzulösen, erschließt sich mir als Schauspieler darin kein Sinn. Das hat für mich mit Verantwortung fürs Publikum zu tun. Und als ich Axel Springer gespielt habe, sagte ich mir im Vorfeld: an einer Vernichtung dieser Figur ist mir nicht gelegen. Solch einseitige, linksorientierte Abrechnung liegt mir nicht.

Dafür stehen Sie politisch auch zu weit rechts der Linken.

Was aber damit gar nichts zu tun hat. Es geht da um filmische Güte; die bedarf der Komplexität jeder behandelten Figur in allen Facetten.

Es zieht sie jedenfalls offenbar hin zu diesen dichotomischen Figuren, den sanften Seiten des Bösen vor realem Hintergrund.

Und demnächst mache ich auch noch den Hindenburg (lacht). Es geht eben darum, den Zweifel des Zuschauers am Guten wie dem Bösen aufrecht zu erhalten. Nur er sorgt für wahre Spannung, egal in welchem Stoff. Deshalb teile ich auch nicht die Kritik an Bruno Ganz’ Hitler-Interpretation im Untergang. Ich hätte ihn noch sympathischer dargestellt, um den Zweifel weiter zu nähren. Wenn man einen wirklich ekelhaften Charakter darstellt, sollte man ihm deshalb tunlichst nette Seiten verpassen.

Steckt diese Dichotomie auch in Ihnen selbst?

Sie schlummert in uns allen. Denken Sie an diese wissenschaftlichen Tests, wo stinknormale Menschen anderen vermeintlich tödliche Stromstöße zufügen, nur weil es ihnen jemand befiehlt. Deswegen hüte ich mich vor allzu oft erhobenem Zeigefinger. In jedem von uns steckt ein kleiner Teufel, zum Glück aber auch ein kleiner Engel.

Wann kommt denn ihr kleiner Teufel raus?

Im Moment gar nicht, den hab ich auf Urlaub geschickt. Ich war früher ziemlich wild, was Ehe betrifft oder Feiern. Da war ich bisweilen maß- und verantwortungslos, mir und anderen gegenüber. Aber das hab ich hinter mir.

Aus Altersgründen?

Ja. Günstigstenfalls schafft man das mal.

Wo ist der sanfte Macho geblieben, der ja sogar Titel ihrer Biographie ist?

Mit dem Begriff des Machos kann ich überhaupt nichts anfangen, aber ich bin sicher nicht ganz unschuldig am Zustandekommen dieses Begriffes. Da gab es in jungen Jahren mal ein paar Bemerkungen…

Und Filme.

…die zu diesem Image geführt haben. Macho ist so dehnbar.

Wann ist ein Mann denn heute ein Mann?

Wenn sein Handeln nicht nur ihm selbst, sondern auch Frauen gut tut. Zu seinem Wort zu stehen finde ich männlich, seine Familie zu schützen, verlässlich zu sein, Fehler einzugestehen und gegebenenfalls zu korrigieren. Mit körperlicher Stärke hat das gar nicht so viel zu tun.

Sind Sie so gesehen ein Mann?

Na ja, ich bin zumindest lernfähig. Es ist wichtig, eine Vorstellung von dem zu haben, was richtig ist, und an Fehlern zu arbeiten. Niemand ist gut geboren; Einsicht ist männlich. Und ganz abgesehen vom Männlichen, hat die Einsicht in unserer Schuld am Ende dazu geführt, dass unser Verhältnis zu Israel heute ein so gutes ist.

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