Reisereportage: St. Pauli Tourist Office

Touristoffice1Die Welt zuhause

Als letzte Möglichkeit, am WM-Gewinnspiel der freitagsmedien teilzunehmen, gibt es heute eine Reportage, die Ihren Anfang vor der Heim-Weltmeisterschaft vor acht Jahren genommen hat: Übers St. Pauli Tourist Office im Hamburger Stadtteil St. Pauli wo vor acht Jahren der bundesweite Boom, Privatwohnungen an Reisegäste zu vermieten, seinen Anfang nahm.

Die Frage zum Gewinnspiel steht wie immer unterm Text.

Von Jan Freitag

Liebe Kieler, mit Verlaub, die Frage muss gestattet sein: Was bitte sollen zwei weit gereiste Chinesinnen auf Europatrip in eurer kriegsgebeutelt turbosanierten Stadt? Ausgerechnet Kiel – seenah zwar, doch wenig Sehenswürdiges. Jiao und Lan schauen ein wenig bedröppelt, als ich ihnen den Ausflug dorthin ausrede. Sie können von Glück reden, kein anonymes Zimmer in irgendeinem x-beliebigen Hamburger Hotel gebucht zu haben, sondern beim St. Pauli Tourist Office.

Es ist unser Zimmer, eines von vier einer Altbauwohnung in Kieznähe. Wenn keine Gäste kommen steht es leer, weil ein Teil der Wohngemeinschaft derzeit auswärtig studiert. So wird durch Vermietung Leerstand vermieden – und ein zunehmend beliebtes Übernachtungskonzept gefördert: Wohnen im natürlich Lebensraum der Eingeborenen – Insidertipps zum Ausgehen, Ausfliegen, Ausspannen inklusive. Das wird genutzt. Kurz nach der Ankunft hatten Jiao und Lan, die zwei Studentinnen aus Hongkong, einen Reiseführer aus dem Rucksack gezogen und zwischen Schriftzeichen aufs einzig lesbare Wort gedeutet: Kiel.

Gerade mal eine Seite widmet das Buch Deutschlands zweitgrößter Metropole Hamburg. Etwas Shoppen, ein bisschen Hafen, die Reeperbahn und dann empfehlen die Autoren ausgerechnet Kiel als Ausflugsziel, immerhin fast 100 Kilometer weiter nördlich, sonst nichts. Ach ja: außer Kopenhagen. Fehlen eigentlich nur noch Rimini und der hintere Kaukasus. Dass Jiao und Lan nicht auch noch nach Dänemark fahren, ist mir zu verdanken. Und Henning Bunte.

Als vor einem Jahr das erste WM-Spiel bevorstand, schulte der 34-Jährige um. Hamburg, so dachte er sich, werde bald von Fußballtouristen überrannt, bis die Bettenkapazität erschöpft sei und ein wenig darüber hinaus. Also schmiss er seinen Job in einer sozialen Einrichtung, legte seine nebenberufliche Künstleragentur auf Eis und wurde Herbergsvater. Zuerst stellte er nur sein eigenes Schlafzimmer zur Verfügung und wich ins Büro darunter aus. Schlachtenbummler kamen zwar kaum, doch die Nachfrage normaler Reisender erhöhte den Bedarf bald so stark, dass heute knapp zwei Dutzend Wohnungen auf seiner Homepage strahlen, als schiene an der Waterkant immer die Sonne.

„Leute, die zu uns kommen, wollen eben keine Abfertigung an der Rezeption, sondern Kontakt zu Einheimischen“, erklärt der Sozialpädagoge, selbst einst ein Kieler. Das britische Konzept des „Bed & Breakfest“, private Jugendherbergen mit Komfort, Wohnungstauschbörsen und Backpackerhostels im Wohngebiet haben nicht nur in der Hansestadt Konjunktur. Auch Henning Bunte fand es bei seinen Trips durch Asien und Südamerika schöner, „bei richtigen Menschen unterzukommen“ als in gesichtslosen Hotels.

Bei Reiseführern aus Fleisch und Blut quasi. Bei Ortskundigen ohne kommerzielles Hauptinteresse und Eingeweihten mit Bezug zur Umgebung. Hätten sie also in einem der unzähligen Hamburger Unterkünfte von Kiezkaschemme bis Nobelherberge gebucht, Jiao und Lan wären an einem ihrer raren Tage nach Kiel gefahren, statt in die mittelalterliche Perle Lübeck mit ihrem Herz aus Fachwerk und Marzipan. Die beiden Frauen um die 30 bedanken sich mit einem Schwein der Marke Niederegger für meine Planänderung. Sie wissen beides zu schätzen – den Hinweis ebenso wie die Süßigkeit. Ihre Trolleys sind voll davon.

Sein Zimmer privat anzubieten, ist häufig mehr als bloßer Nebenerwerb, es folgt einer Mischung aus Kontaktfreude, eigener Interrailbiografie und Lokalpatriotismus. Ich jedenfalls preise meine Heimatstadt Menschen anderer Kulturkreise mindestens so euphorisch an, wie es dortige Bewohner einst in meinen rastloseren Tagen taten. 1987 in einer irischen Scheune, mit Sandwiches, Tee und Routenempfehlungen vom halben Dorf. Und abends gemeinsam in den Pub.

Die drei Mittzwanziger aus London setzen ihre Bierflaschen an und leer wieder ab, wie es sich für englische Fußballfans eben gehört. „Exakt das richtige Willkommen“, beteuert Dave, der Immobilienmakler mit englischem Fanschal um den Hals. Ein besseres Bier als dieses Astra habe er noch nie getrunken. Es klingt selig, seine Kumpels nicken. Sie seien skeptisch gewesen, bei der Abreise. Hospitality, Dave betont das Wort für Gastfreundschaft, als sei es tabu, habe man nicht so recht erwartet, nicht von Deutschen. Eher schon kühles Organisationstalent und distanzierte Höflichkeit. Ich schalte den Fernseher ein und die drei sind bereit zur Emigration: Fußball, irgendein WM-Vorrundenspiel. Erst jetzt scheinen sie wirklich angekommen. Noch ein Astra?

Immerhin halten sie das Wappen des Hamburger Kiezbieres nicht wie eine Gruppe Cottbusser Architekten für einen Puff. Überall auf der Reeperbahn leuchtet das Herz mit dem Anker in verruchtem Rot auf Leuchtreklamen und so wähnten die fünf unerfahrenen Ostdeutschen wie es das Klischee gebietet allerorten Bordelle, bis ich sie eines besseren belehre. Darf man auf eigentlich überall rein – in die Freudenhäuser, Bars und Souvenirshops – oder kostet alles Eintritt? Henning Buntes Gäste wollen vieles wissen, sie brauchen Tipps zum Frühstücken, Sightseeing, Amüsieren. Vor allem dazu, denn wer aus städtebaulichen Gründen nach Hamburg kommt, bleibt chronisch unterversorgt. Sicher, der Hafen ist prachtvoll und gerade für das Fünftel ausländischer Gäste des Tourist Office ganz anregend, doch den historischen Altstadtkern gibt es an der erneuerungsfreudigen Waterkant ebenso wenig wie ein Schloss mit Burggraben.

Dafür bietet Hamburg Entertainment. Die Stadt ist blutjung und ihre Besucher sind es, abgesehen vom unablässigen Strom an Musicalgästen, auch. „Wir kommen nur zum Pennen hierher“, sagt Mario aus Mannheim. Er ist mit sechs Freunden angereist, um Counter Strike zu spielen. Es sind ProGamer, Ballerspielprofis, aber ohne die zugehörige Vorurteilsaura aus Verfettung, Perspektivlosigkeit und Aggression.

Sechs Stunden vernetztes Daddeln in der Großraumhalle, zwei Stunden Vorschlafen, verteilt auf zwei Zimmer, dann Aufbrezeln, der Rest ist Party. Und vorher noch ein Spiel am Tischkicker in der Küche, ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Im englischsprachigen Raum wie Australien heißt er übrigens Fusball. Mit weichem S. Es ist ja nicht so, dass man nicht auch etwas von seinen Gästen lernen könnte.

Dass Computerspieler Vollzeitberufe haben können etwa, welch hoher Verbrauch an Stylingprodukten andernorts üblich scheint oder wie häufig außerhalb Hamburgs offenbar geduscht wird. Die sechs Frauen aus Brandenburg bringen es rund um ihren Junggesellinnenabschied mit Striplokal auf bis zu fünf Badezimmerblockaden in nur 36 Stunden. Pro Person. Respekt! Zwischendurch ein Prosecco auf dem Balkon, Schminkorgien und Fragen über die berühmte Herbertstraße. Dürfen wir da rein? Kreisch!

Für derlei Basiswissen liegt mittlerweile ein verschweißter Folder mit Hotspots, Hausregeln und Versorgungslage auf dem Tisch (Herbertstraße meiden, Wasser sparen, Drogerie ums Eck). Professionalisierung, so lautet die Erkenntnis nach dem ersten Jahr, verselbständigt sich zusehends. Meine WG denkt gerade daran, kleine Betthupferl aufs Kopfkissen zu legen und Frühstück zu bereiten, für fünf, sechs Euro zusätzlich zu den rund 25 Euro pro Kopf minus fünfzehnprozentiger Provision fürs Tourist Office. Nicht um des Profits Willen, sondern für die Sache. Als kleines Dankeschön zudem – schließlich gab es bisher nicht den geringsten Grund zum Ärger. Selbst siebenköpfige schwedische Familien mit Kühlbox in Schrankwandgröße und immer wieder Fußballfans auf Auswärtsfahrt halten sich stets überraschend zurück. Die Privatsphäre anderer ist vielen heilig.

Nur einmal war mir etwas mulmig zumute. Als Robbie Williams zeitgleich mit Tausenden von Harley Davidson-Fahrern die Stadt geflutet hat. Zum Glück haben wir statt der Biker Popfans abgekriegt. Keine Sauforgien und Kavalierstarts vor der Haustür also, dafür permanentes Duschen samt parfümierter Nebelbank im Flur. Und viel Wissenswertes über Robbies Hintern. Das war’s wert.

Liebe Kieler, mit Verlaub, die Frage muss gestattet sein: Was bitte sollen zwei weit gereiste Chinesinnen auf Europatrip in eurer kriegsgebeutelt turbosanierten Stadt? Ausgerechnet Kiel – seenah zwar, doch wenig Sehenswürdiges und kaum touristisch verwertbare Historie. Jiao und Lan schauen ein wenig bedröppelt, als ich Ihnen den Ausflug dorthin ausrede. Hamburg hat wirklich aufregende Ecken und sein Umland viel Schönes zu bieten, versuche ich den beiden klarzumachen. Aber Kiel? Absurd. Und warum, bei Konfuze?

Die zwei Studentinnen aus Hongkong ziehen einen zerfledderten Reiseführer aus dem Rucksack und deuten aufs einzig lesbare Wort über kryptischen Schriftzeichen: Kiel. Gerade mal eine Seite widmet das Buch Deutschlands zweitgrößter Metropole. Etwas Shoppen, ein bisschen Hafen, die Reeperbahn und dann empfehlen die Autoren ausgerechnet Kiel als Ausflugsziel, immerhin fast 100 Kilometer weiter nördlich, sonst nichts. Ach ja: außer Kopenhagen. Fehlen eigentlich nur noch Rimini oder der hintere Kaukasus.

Wie gut, dass Jiao und Lan kein Hotel gebucht haben, sondern ein Zimmer im St. Pauli Tourist Office. Unser Zimmer, eines von vier einer sehr hanseatischen Altbauwohnung in Kieznähe. Wenn keine Gäste kommen steht es leer, weil ein Teil der Wohngemeinschaft derzeit auswärtig studiert. So wird durch Vermietung Leerstand vermieden – und ein zunehmend beliebtes Übernachtungskonzept gefördert: Wohnen im natürlich Lebensraum der Eingeborenen.

Welche Stadt nahegelegene Stadt gilt in chinesischen Reisführern als Sehenswürdigkeit von Hamburg? Antworten wie immer an janfreitag@gmx.net. Zu gewinnen gibt es das letzte Sammelalbum von Panini nebst 12 Packungen Bilder.



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